Alkohol in der Schwangerschaft
Warum Wein, Bier & Co. jetzt tabu sind

Sie wissen es ja längst: Für Ihr Baby ist es am besten, wenn Sie während der Schwangerschaft auf Alkohol verzichten. In einigen Ländern gibt es deshalb auf Alkoholflaschen bereits Hinweise, die vor den Gefahren fürs Baby warnen. Ein durchaus nötiger Appell.

Alkohol in der Schwangerschaft: Warum Wein, Bier & Co. jetzt tabu sind
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Bevor ich von der Schwangerschaft wusste, habe ich einmal zu viel Akohol getrunken - und jetzt?Sollte der Mann vor der Schwangerschaft seiner Frau auch auf Alkohol verzichten?Wie gelangt während der Schwangerschaft der Alkohol zum Baby?Was passiert, wenn in der Schwangerschaft der Alkohol das Ungeborene erreicht?Die Schwangerschaft ist bereits fortgeschritten - ist Alkohol dann weniger schädlich?In der Schwangerschaft mal ein Schlückchen Alkohol - das kann doch nicht so schlimm sein, oder?Was ist das Fetale Alkoholsyndrom?Was tun, wenn es in der Schwangerschaft schwer fällt, auf Alkohol zu verzichten?

Bevor ich von der Schwangerschaft wusste, habe ich einmal zu viel Akohol getrunken - und jetzt?

Viele Frauen haben ein schlechtes Gewissen, weil sie vor der Feststellung der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben. Ist der Schwangerschaftstest dann zum Beispiel in der 5. Woche positiv, machen sie sich Sorgen, dem winzigen Leben in ihrem Bauch vielleicht geschadet zu haben. Denn das Baby bekommt die im Alkohol enthaltenen Giftstoffe 1:1 mit. Zellteilung, Anlage und Entwicklung seiner Organe können gestört werden.
Die gute Nachricht ist: In den ersten beiden Wochen nach der Zeugung verfährt die Natur nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip. Nur ein zu dieser Zeit gesunder Keimling wächst. Sind die Zellen, sei es durch Alkohol, Medikamente, Nikotin oder Krankheiten, geschädigt, teilen sie sich nicht weiter. Dann kommt es zu einer sehr frühen Fehlgeburt, die wie eine verspätet einsetzende Menstruation erlebt wird. Geht die Schwangerschaft weiter, ist das der beste Beweis, dass dem Fötus der promillelastige Abend nicht geschadet hat. Aber ab jetzt feiert Mama mit alkoholfreien Drinks!

Sollte der Mann vor der Schwangerschaft seiner Frau auch auf Alkohol verzichten?

Besser wäre es. Dänische Wissenschaftler vermuten nämlich, dass auch das Trinkverhalten eines Vaters in spe erhebliche Auswirkungen auf die Familienplanung haben kann. Dazu untersuchten sie den Umgang mit Alkohol bei Paaren, die ihr erstes Kind erwarteteten. Fazit der Studie: Sowohl Männer als auch Frauen sollten um den Zeitpunkt der Zeugung herum lieber nüchtern bleiben. Denn Frauen, die angaben zum Zeitpunkt der Empfängnis zehn oder mehr Gläser mit alkoholischen Getränken pro Woche getrunken zu haben, hatten ein deutlich höheres Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden.
Übrigens erhöhte sich die Fehlgeburtsrate im Vergleich zu abstinent gebliebenen Männern sogar um das fünffache, wenn der Vater in spe zehn und mehr Gläser Alkohol pro Woche zu sich genommen hatte. Woran das liegt, ist noch nicht völlig geklärt. Doch haben bereits früherere Studien gezeigt, dass die Alkoholkonzentration im Samen schnell derjenigen im Blut entspricht. Und Alkohol kann Chromosomenfehler in den Spermien verursachen.

Wie gelangt während der Schwangerschaft der Alkohol zum Baby?

Die weitverbreitete Annahme, in der Schwangerschaft könne Alkohol das Ungeborene erst schädigen, sobald Nabelschnur und Plazenta existieren, ist schlicht weg falsch! Zehn bis 14 Tage nachdem die befruchtete Eizelle vom Eileiter in die Gebärmutter gewandert ist, nistet sie sich in der Gebärmutter ein. In dieser Phase besteht zwar noch keine Verbindung über eine Nabelschnur zwischen dem Blutkreislauf von Mutter und Kind. Trotzdem wird der Embryo unter anderem durch den Dottersack über das mütterliche Blut ernährt. Sobald Alkohol durch den Magen und Dünndarm der Mutter ins Blut gelangt, kann es daher über zelluläre Prozesse auch den Embryo erreichen und die Zellteilung stören . Mit einem konsequenten Alkoholverzicht können Schwangere diese Schädigungen der Ungeborenen vermieden werden.

Was passiert, wenn in der Schwangerschaft der Alkohol das Ungeborene erreicht?

Für viele Erwachsene ist das Glas Wein zum Abendessen ein Stück Lebensqualität. Für ein Ungeborenes bedeutet es ein gesundheitliches Risiko. Doch was kann passieren? Alkohol (genauer gesagt: der Wirkstoff Äthanol beziehungsweise Äthylalkohol) wird nach dem Trinken rasch über Magen und Darm ins Blut aufgenommen und gelangt ungehindert über die Plazenta zum Embryo beziehungsweise Fötus. Dort erreicht er die gleiche Konzentration wie bei der Mutter. Erwachsene bauen Äthanol dann zu 90 Prozent über das Enzym Alkoholdehydrogenase (ADH) und Aldehyddehydrogenase (ALDH) in der Leber ab. Beide Enzyme arbeiten beim Ungeborenen zwar auch schon recht früh, aber weil seine Leber erst heranwächst, kann es Alkohol nur etwa mit der vierprozentigen Leistungsfähigkeit eines Erwachsenen abbauen. So bewegen sich die Alkoholmoleküle sehr viel länger unabgebaut im Ungeborenen.

Die Schwangerschaft ist bereits fortgeschritten - ist Alkohol dann weniger schädlich?

In der Schwangerschaft kann Alkohol dem Baby zu jedem Zeitpunkt schaden!

Klares Nein! Alkohol kann dem Baby zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft schaden. Es stimmt aber, dass die ersten drei Monate der eine besonders sensible Phase der Schwangerschaft sind. Weil jetzt die Organe angelegt und ausgebildet werden, kann es besonders leicht zu körperlichen Fehlbildungen beim Kind kommen, falls die Zellteilung ungünstig durch Alkohol beeinflusst wird. Vor allem die Entwicklung der Organe und des Gehirns und ist besonders anfällig für Störungen: Alkohol bewirkt, dass weniger Gehirnzellen gebildet werden, so dass es sich kleiner entwickelt.
Im vierten bis sechsten Schwangerschaftsmonat behindert Alkohol vor allem das Wachstum des Ungeborenen. Zudem erhöht sich jetzt das Risiko für eine Fehlgeburt um das zwei- bis vierfache, wenn eine Schwangere mehr als 30 Milliliter Alkohol zweimal pro Woche trinkt.
Im siebten bis neunten Schwangerschaftsmonat startet das Ungeborene noch mal zu einem enormem Wachstumsschub durch. Weil jetzt auch das Gehirn stark an Volumen zulegt und sich die Zellen vor allem miteinander vernetzen, schadet Alkohol im letzten Schwangerschaftsdrittel besonders, weil er beide Prozesse behindert.
Alkoholkonsum kann in jeder Phase der Schwangerschaft zu körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen des Kindes führen. Also verzichten Sie lieber auf ein Gläschen Wein. Wenn Sie mit Freunden unterwegs sind, kann auch ein alkoholfreier Cocktail eine gute Alternative sein. Außerdem: Nach der Geburt und Stillzeit können Sie sich auf ein erstes Gläschen Sekt richtig freuen.

In der Schwangerschaft mal ein Schlückchen Alkohol - das kann doch nicht so schlimm sein, oder?

Es gibt keine untere Grenze, unterhalb welcher in der Schwangerschaft der Konsum von Alkohol bedenkenlos empfohlen werden kann! Am sichersten ist es daher, völlig auf Alkohol zu verzichten. Wissenschaftler sind sich einig, dass auch geringer Alkoholkonsum oder einzelne Trinkexzesse die Gesundheit eines Ungeborenen schädigen können. So haben Studien etwa nachgewiesen, dass bereits ein täglicher Konsum von 29 Gramm Alkohol in der Schwangerschaft - das entspricht etwa eineinhalb Gläsern Weißwein 0,2 l - den Intelligenzquotient der Kinder um durchschnittlich sieben IQ-Punkte senkt.
Unklar ist, warum der Alkohol nicht alle Babys gleich schwer zu schädigen scheint. Es ist durchaus möglich, dass eine Mutter ein gesundes Kind bekommt, obwohl sie während der Schwangerschaft gelegentlich Alkohol trank. Aber das Risiko ist einfach zu hoch! So gebären 30 bis 40 Prozent der alkoholkranken Müttern Babys mit nur leichten Krankheitszeichen, obwohl sie täglich 300 bis 350 Gramm Alkohol getrunken hatten. Dagegen gibt es auch Schwangere, die täglich 50 bis 100 Gramm Alkohol zu sich nehmen und deren Kinder mit ausgeprägten FASD-Symptomen auf die Welt kommen. Auf leckere Drinks müssen Schwangere aber nicht verzichten - denn Genuss gibt es auch alkoholfrei.

Was ist das Fetale Alkoholsyndrom?

Schätzungen zufolge kommen in Deutschland jedes Jahr etwa 10.000 Babys mit alkoholbedingten Schädigungen, sogennanten fetalen Alkoholspektrum-Störungen (FASD) auf die Welt. Babys von Alkoholikerinnen, die auch in der Schwangerschaft viel Alkohol konsumiert haben, haben im schlimmsten Fall ein Fetales Alkoholsyndrom (auch FAS oder Alkoholembryopathie genannt). Die betroffenen Kinder haben ein niedriges Geburtsgewicht, wenig Unterhautfettgewebe sowie prä- und postnatale Wachstumsstörungen. Sie leiden oft unter Gesichtsfehlbildungen, Gaumenspalten und Fehlbildungen innerer Organe, Herzfehlern, Auffälligkeiten der Genitalien und Harnwege sowie Störungen der geistigen, psychischen und psychomotorischen Entwicklung. Nicht alle Auffälligkeiten kommen bei allen Kindern mit FAS gleichzeitig vor. Nur wenn mehrere dieser Merkmale zusammenkommen und die Mutter einen hohen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft hatte, stellt der Arzt die Diagnose FAS. Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge kommen jährlich schätzungsweise mehr als 2.000 Neugeborene mit einem Fetalen Alkoholsyndrom auf die Welt - das sind doppelt so viele Kinder wie die mit dem Down-Syndrom Geborenen.
Aber es kommen auch weniger klar erkennbare Folgeschäden vor. Dann sprechen Ärzte von Fetalen Alkoholeffekten (FAE). Diese zeigen sich durch intellektuelle Leistungsschwächen im logischen Denken und im Lösen komplizierter Probleme. Die Kinder können Informationen nicht schnell verarbeiten und haben Merkschwächen. Auch sind ihre fein- und grobmotorischen Fähigkeiten oft gestört, Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität kommen ebenfalls vor. Exakte Angaben, wie viele Kinder davon betroffen sind, gibt es nicht. Schätzungen gehen aber von etwa 10.000 Kindern aus, wobei viele bei der Geburt unentdeckt bleiben.
 

Was tun, wenn es in der Schwangerschaft schwer fällt, auf Alkohol zu verzichten?

Im Idealfall verzichtet auch der Partner auf sein Feierabend-Bier

Es ist gar nicht so leicht in einer Kultur, in der Alkohol im Alltag als etwas vollkommen Normales und Harmloses gilt, darauf zu verzichten: Ein Gläschen Bordeaux zum Abendessen. Ein kleines Bier mit Freunden. Der Prosecco zum Umtrunk im Büro. Aber: Je besser werdende Mütter wissen, wie Alkohol in der Schwangerschaft auf das ungeborene Leben in ihrem Bauch wirkt, umso leichter dürfte es Ihnen fallen, keinen Alkohol mehr zu trinken.
Es fällt Ihnen trotzdem manchmal schwer, mit einem Glas Apfelschorle anzustoßen? Dann brauchen Sie kein schlechtes Gewissen zu haben: Schwangere, die ab und an mit Wehmut an den kleinen Schwips auf der tollen Party vor ein paar Monaten zurückdenken, sind keine schlechteren und verantwortungslosen Menschen. Rufen Sie sich aber unbedingt die positiven Auswirkungen Ihres Verzichts ins Gedächtnis: Für die Gesundheit Ihres Babys ist es genau die richtige Entscheidung - und auch für Ihre. Bei jeder Entscheidung gegen ein alkoholisches Getränk dürfen Sie deshalb stolz auf sich sein - und sich natürlich auch mit einer gesünderen Leckerei belohnen. Hilfreich ist es für viele Frauen auch, wenn sich der Partner solidarisch erklärt und in den kommenden neun Monaten ebenfalls auf sein Feierabend-Bier verzichtet. Zumindest aber sollte er Sie in Ihrem Durchhaltevermögen bestärken.Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie es alleine nicht schaffen, in der Schwangerschaft auf Alkohol zu verzichten, erhalten Sie persönliche Beratung und kontinuierliche Begleitung bei ihrem Frauenarzt, ihrer Hebamme, im örtlichen Frauengesundheitszentrum (Telefonbuch) oder auch in Beratungsstellen wie Pro Familia, Caritas oder der Diakonie. Telefonische Hilfe bietet auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) unter der Telefonnummer 0221/892031 an.
Eltern-deTipp: Unter www.bzga.de finden Sie ein Verzeichnis mit Suchtberatungsstellen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Von:Jennifer Litters/ddp, Sabine Laerum