Übergewicht in der Schwangerschaft

Ist der Babybauch jetzt eine besonders schwere Last?

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Übergewicht in der Schwangerschaft - das sagt der Experte


Das Motto "Essen für zwei" gilt als veraltet. Wie sieht heute die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft aus?
Es gab in den letzten 30 Jahren einen deutlichen Trend nach oben: Eine Schwangere nimmt im Schnitt heute drei Kilo mehr zu als etwa 1980. Von den Frauen, die vor der Schwangerschaft normalgewichtig sind, nehmen mehr als 40 Prozent mehr zu als vom "Institute of Medicine" empfohlen. Bei den übergewichtigen und adipösen Frauen sind es fast 60 Prozent.

Woran liegt das?
Das ist unter anderem ein Bildungsproblem: "Ich muss doch jetzt viel essen, damit es dem Kind gut geht", denken immer noch viele Frauen. Der gleiche Gedanke hat oft auch einen traditionellen, kulturellen Hintergrund. Es ist also in erster Linie gut gemeint. Dazu kommt: Schwangere Frauen schonen sich heute zu sehr, haben sogar Angst, durch viel Bewegung ihr Kind zu gefährden. Dies trifft aber in der Regel nicht zu. Ganz im Gegenteil! Sie sollten auf alle Fälle mit ihrem Frauenarzt besprechen, welche Bewegung geeignet ist.

Was passiert im Körper einer übergewichtigen Schwangeren?
Ist das Fettgewebe vergrößert, wandern dort Immunzellen ein und bilden mit den Fettzellen bestimmte Entzündungsfaktoren. Unsere Vermutung ist, dass durch diese Reaktion weiteres Fettwachstum verhindert werden soll. Die Plazenta von übergewichtigen Schwangeren zeigt ähnliche Entzündungsreaktionen. Dadurch verändern sich Stoffwechselvorgänge im Körper der Schwangeren und in dem ihres werdenden Kindes.

Was sind mögliche Folgen?
Der veränderte Stoffwechsel zeichnet sich durch eine sogenannte Insulinresistenz aus. Dazu tragen eine erhöhte Glukose-, also Zuckeraufnahme sowie freie Fettsäuren im Blut bei: Der Blutzucker kann dann irgendwann nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden, es droht ein Schwangerschaftsdiabetes. Übergewichtige Frauen haben ein doppelt so hohes Risiko, einen Diabetes zu bekommen. Gleichzeitig ist Insulinresistenz ein Faktor für weitere Gewichtszunahme. Ein Teufelskreis. Auch Präeklampsie (eine Form der Schwangerschaftsvergiftung), Ödeme und hoher Blutdruck können als Folgen des gestörten Stoffwechsels auftreten. Viele Frauen müssen per Kaiserschnitt entbinden, weil ihr Kind zu groß ist.

Kinder übergewichtiger Frauen kommen zu dick zur Welt?
Studien haben gezeigt, dass Säuglinge übergewichtiger Frauen bei der Geburt auch mehr Fettmasse hatten. Sicher ist, dass ein erhöhter Insulinspiegel der Grund für ein stärkeres Wachstum des Babys im Bauch ist.

Ist damit der Grundstein für das Übergewicht gelegt?
Kinder von Frauen mit Diabetes haben ein doppelt so hohes Risiko, selbst übergewichtig zu sein. Was wir aber nicht wissen: ob das Übergewicht eines Sechsjährigen noch etwas mit seinem hohen Geburtsgewicht zu tun hat oder mit einer falschen Ernährung in der Familie zusammenhängt.

Schwangere Frauen schonen sich heute zu sehr!

Es gibt also keine Programmierung des Kindes im Bauch?
Die Annahme, es gäbe eine, geht davon aus, dass ein zu hohes, aber auch ein zu niedriges mütterliches Gewicht die sich entwickelnde Struktur und Funktion von Körperorganen beim Fötus dauerhaft verändert, da dieser versucht, sich dem Mangel oder Überfluss anzupassen. Aber beim Menschen ist diese These noch nicht wirklich bewiesen.

Bringt Ernährungsumstellung in der Schwangerschaft überhaupt etwas?
Repräsentative Studien für den Zusammenhang zwischen Ernährung und Adipositas gibt es noch nicht. Aber Beobachtungsstudien, nach denen übermäßige Ernährung und Bewegungsmangel in der Schwangerschaft das Gewicht zu sehr ansteigen lassen und damit Mutter und Kind gleichermaßen gefährden. Ernährung und Bewegung sind Faktoren, die man selbst in der Hand hat. Und eine Schwangerschaft ist die Phase im Leben einer Frau, in der sie hoch motiviert ist, etwas zu ändern.

Geht das: Ernährungsgewohnheiten so schnell ändern?
Zunächst sollten die Frauen ein Ernährungstagebuch führen, wobei der Blick auf die ganze Woche wichtig ist. Keiner muss sich jeden Tag völlig ausgewogen ernähren. Eine Checkliste machen: Welche Nahrungsmittel ist man bereit auszutauschen? Fettreduziert, vollkornhaltig und ballaststoffreich sind die wichtigsten Stichpunkte. Nach der Geburt scheint Stillen ein Faktor zu sein, der den Frauen hilft, schneller zu ihrem Ausgangsgewicht zurückzukehren und das Adipositas-Risiko des Kindes zu senken. In puncto Bewegung sagen wir den übergewichtigen Schwangeren: Gehen Sie morgens und abends eine halbe Stunde flott spazieren. Und alle Ausdauersportarten sind gut: Schwimmen, Laufen, Radfahren. Generell gilt: Kleine Schritte machen den Anfang, sonst ist man überfordert und bricht ab.

Professor Dr. Hans Hauner ist Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München. Als Internist, Endokrinologe und Diabetologe beschäftigt er sich insbesondere mit der Erforschung des Einflusses von Übergewicht und Adipositas in der Schwangerschaft.

Übergewicht in der Schwangerschaft - wann ist es zu viel?

Auf der folgenden Seite finden Sie eine Übersicht, ab wann Experten von Übergewicht in der Schwangerschaft sprechen.

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