Gesundheit
 
Wissenschaftler bestätigen: Ablenkung lindert Schmerzen bei Kindern

Ablenkung als Mittel gegen Schmerzen? Funktioniert das wirklich? Ja, sagen Mediziner. Und das hat auch etwas mit dem Rückenmark zu tun.

Junge ist mit seinem Fahrrad hingefallen, sein Vater macht ein Pflaster auf sein Knie
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Ein Kleinkind stolpert und schürft sich die Knie auf. Aua. Das tut weh. Die Tränchen kullern. Klar, jetzt hilft als Allererstes eine tröstende Umarmung von Mama oder Papa. Die tut gut und gibt Sicherheit. Aber was können Eltern dann tun? Ablenken!
 
„Welches Pflaster hättest du denn gerne?“ „Soll ich dir etwas vorlesen?“ „Sollen wir mal schauen, ob dein Laufrad noch geht?“ Solche kleinen Vorschläge helfen oft schon, den Schmerz zu lindern oder ganz vergessen zu machen. Aber Ablenkung funktioniert Medizinern zufolge nicht nur bei dem hier beschriebenen Szenario, bei dem Psychologie eine Rolle spielt. Vielmehr kann Ablenkung die Schmerzwahrnehmung bei Kindern sogar bei schmerzhaften Eingriffen lindern.

Schmerzreize werden bereits im Rückenmark abgeschwächt

Hamburger Neurowissenschaftler haben für eine Studie 2012 gesunde Erwachsene auf ihre Schmerzreaktion untersucht, während sie komplizierte Denkaufgaben gestellt bekamen. Hierbei wurde festgestellt, dass die Schmerzreize bereits im Rückenmark abgeschwächt wurden, wenn die Probanden sich auf die Denkaufgaben konzentrierten – bevor sie überhaupt im Gehirn ankamen. Diese Erkenntnis lässt sich auch auf Kinder übertragen. „Bei schmerzhaften Eingriffen haben Lokalanästhesie und Ablenkungsstrategien ihren wichtigen Platz“, schreibt das Fachmagazin Springer Medizin zur Schmerztherapie bei Kindern und Jugendlichen.

Welche Ablenkungsstrategien können helfen?

Mädchen bekommt eine Spritze vom Arzt
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Schon länger weiß man, dass gängige medizinische Prozeduren wie Blutabnahmen oder Impfungen bei Kindern langfristig mit Stress- und Angstgefühlen verbunden und somit in ihrem Schmerzgedächtnis verankert werden.
 
Prof. Boris Zernikow vom Deutschen Kinderschmerzzentrum Datteln: „Der Körper lernt, Schmerzen zu haben”. Das bedeutet, dass schlechte Erfahrungen, wie eben durch eine Blutabnahme, nicht nur im Gehirn verankert bleiben, sondern auch in den Nervenzellen abgespeichert werden, die das Schmerzempfinden beeinflussen. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen.
 
Forscher aus der Türkei haben drei Ablenkungsmethoden auf ihre Wirkung auf das Schmerzempfinden und die damit verbundenen Angstgefühle bei Kindern untersucht. Für die Untersuchung der Ablenkungsmethoden wurden Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren in vier Gruppen unterteilt. Drei Gruppen wurden während ihrer Blutabnahme abgelenkt, entweder durch Ablenkungskarten, durch Musik aus Cartoons oder durch das Aufpumpen von Ballons. Die vierte Gruppe wurde nicht abgelenkt. Das Ergebnis der Studie: Alle drei Ablenkungsmethoden verringerten sowohl die Schmerzempfindung als auch das Angstgefühl bei den Kindern während der Blutabnahme deutlich.

In anderen Studien verwendete Ablenkungsmethoden, die einen positiven Effekt auf das Schmerzempfinden kranker Kinder hatten:

  • Virtual Reality
  • Seifenblasen
  • die Verwendung warmer Kissen
  • elektronisches Spielzeug
  • Musik
  • Bücher

Bei den Ablenkungsmethoden war es wichtig zu beachten, dass sie altersgerecht ausgewählt wurden und zügig umsetzbar waren.

Hilft Ablenkung auch bei Kindern mit schweren Krankheiten?

In einer groß angelegten Studie aus dem Jahr 2017 haben sich Wissenschaftler mit der Wirksamkeit von Ablenkung als schmerzlindernde Maßnahme bei Kindern mit einer Krebserkrankung beschäftigt. Das Ergebnis: Ja, Ablenkung scheint auch hier eine vielversprechende Strategie zu sein. Allerdings betonen die Wissenschaftler auch, dass weitere Analysen notwendig sind und dass vor allem Kinder im Alter von weniger als zwei Jahren nicht in der Studie berücksichtigt wurden.
 
Grundsätzlich scheint sich aber eine Erkenntnis immer zu wiederholen: Ablenkung kann Kindern bei Schmerzen sowohl auf einer psychologischen als auch auf einer physiologischen Ebene helfen.

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