VG-Wort Pixel

Kommunikation Hast du Töne?


Wie machen sich Babys verständlich? Und was wollen sie uns mit ihren Tönen sagen? In unserem Interview erklärt der Verhaltensbiologe Dr. Joachim Bensel, die "Babysprache".

Artikelinhalt

Experteninterview mit Dr. Bensel

Kommunikation: Hast du Töne?

Babys sind mitteilsame Wesen. Vom ersten Tag an lassen sie uns wissen, was sie gerade brauchen. Der Verhaltensbiologe Dr. Joachim Bensel* über unterschiedliche Babylaute und ihre Bedeutung.
ELTERN:
Sie behaupten, dass bereits Babys mit uns sprechen. Wie meinen Sie das?

Dr. Joachim Bensel: Babys kommunizieren von Geburt an mit ihren Eltern, sonst könnten sie nicht überleben. Sie nutzen nichtsprachliche Kommunikationsmittel, um uns etwa mitzuteilen, dass sie Hunger haben, anlehnungsbedürftig oder müde sind.

Welche nichtsprachlichen Mittel sind das?
Babys drücken sich durch Körpersprache aus, und sie geben Laute von sich. Wir unterscheiden fünf unterschiedliche Laute: den Kontaktlaut, den Schlaflaut, den Trinklaut, den Wohligkeitslaut und den Unmutslaut.

Wie entschlüsseln Eltern diese Laute?
Der Kontaktlaut ist ein kurzer einzelner Laut, ungefähr eine Zehntelsekunde lang. Eltern hören ihn besonders häufig, nachdem ihr Baby aufgewacht ist. Er bedeutet: "Ist jemand da?" Eltern gehen dann am besten zu ihrem Kind und sprechen es an. Dann entsteht das Gefühl, verlassen zu sein, erst gar nicht. Die meisten Eltern handeln intuitiv richtig - und diese Art zu reagieren ist gut. Würden sie erst überlegen, könnten sie nicht rechtzeitig reagieren, das Baby würde sich allein gelassen fühlen.
Nachts lässt die Reaktion der Eltern manchmal auf sich warten, weil sie selbst schlafen und ihr Kind nicht sofort hören.

Dann weint das Baby …
Es hat keine andere Wahl. Es setzt stärkere Signale, um eine Rückmeldung zu bekommen.

Also lieber ein gemeinsames Schlafzimmer?
Im ersten Lebensjahr finde ich das gut. Alternative: Türen offen lassen oder über Babyfon mit dem Kind in Verbindung bleiben. Allerdings geben Babys ständig Laute von sich, auch wenn sie schlafen. Nicht in jedem Fall müssen die Eltern sofort reagieren.

Typische Schlaflaute

Sie sprechen von den typischen Schlaflauten. Wie erkennt man die?
Schlaflaute sind wohlig klingende Töne, sie sind etwas länger als der Kontaktlaut und meistens dann zu hören, wenn das Baby seine Schlafposition ändert.

Wozu sind diese Töne gut?
Übersetzt bedeuten sie in etwa: "Mit mir ist alles okay. Macht euch keine Sorgen." Bleibt der gewohnte Schlaflaut ein paarmal aus, wird die Mutter oder der Vater wach, und sie schauen nach, ob es ihrem Kind gut geht. Das hat die Natur so vorgesehen.

Wollen Babys, die im Schlaf Töne von sich geben, eine Rückmeldung?
Nicht unbedingt. Eltern, die die Schlaflaute ihres Kindes hören, antworten ganz automatisch, ohne richtig wach zu sein. Im Halbschlaf geben sie ab und zu ein tiefes, wohliges Brummen von sich.

Babys erzeugen sogar einen so genannten Trinklaut. Warum?
Dieser Laut begleitet das Trinken an der Brust oder das Füttern mit dem Fläschchen. Nach jedem Schluck gibt das Baby im Rhythmus des Trinkens - etwa einmal pro Sekunde - diesen Laut von sich. Er klingt sehr zufrieden und signalisiert der Mutter, dass die Milch in der richtigen Menge fließt.

Was, wenn dieser Trinklaut ausbleibt?
Eine stillende Mutter wird die Brust wechseln oder eine andere Stillposition einnehmen. Eine Mutter, die ihr Baby mit einem Fläschchen füttert, kontrolliert wahrscheinlich, ob der Sauger verstopft ist.

Wann gibt das Baby Wohligkeitslaute von sich?
Anders als der Schlaf- oder Trinklaut brauchen sie keinen besonderen Anlass. Ein Wohligkeitslaut drückt aus, dass sich das Baby rundum wohl fühlt, aufnahmebereit ist und gern spielen oder schmusen möchte. Dieser Laut ist kurz, klingt sehr zufrieden, wird öfters wiederholt. Nach einer Mahlzeit auf dem Schoß der Mutter geben ihn Babys besonders gern von sich.

Auf Unmutslaute schnell reagieren

Auf welchen Laut sollten Eltern besonders schnell reagieren?
Auf den so genannten Unmutslaut, eine Serie kurzer Einzellaute (bis zu 14-mal pro Minute). Dieser Laut geht dem Quengeln und Schreien voraus, wenn die Eltern nicht rechtzeitig reagieren. Er wiederholt sich rhythmisch und signalisiert, dass es dem Baby nicht gut geht - weil das Fläschchen zu früh abgesetzt wurde und das Baby noch Hunger hat, weil es ihm nicht gelingt, sich auf seine Ärmchen zu stützen und es deshalb frustriert ist oder weil es zu schnell ins Badewasser gesetzt wurde. Mit dem Unmutslaut fordert das Baby seine Umgebung auf, etwas zu ändern.

Können Eltern denn immer verhindern, dass ihr Baby sich unwohl fühlt?
Nein. Beispiel Impfen: Da wird das Baby seinen Unwillen kundtun und gleichzeitig lernen, dass manche unangenehmen Situationen nicht zu vermeiden sind. Die Eltern können ihr Baby aber beruhigen, ihm sagen, dass es gleich vorbei ist. Dann fühlt sich das Baby wahrgenommen.

Babys müssen also nicht schreien?
In vielen Fällen können Eltern Geschrei verhindern. Aber nicht immer, denn es gibt Babys, die sehr sensibel und schwer zufriedenzustellen sind, zum Beispiel Schreibabys. Da können auch aufmerksame Eltern nicht viel erreichen. Da hilft nur Geduld.

Was macht es Eltern leichter, die verschiedenen Laute richtig zu deuten?
Vieles ergibt sich aus dem Zusammenhang: Wie lange hat das Baby nicht mehr getrunken? Hat es in der Nacht schlecht geschlafen? Ist die Windel voll? Aufschlussreich ist auch die Körpersprache: Reibt das Kind sich zum Beispiel die Augen, ist es müde. Lutscht es am Finger, hat es Hunger. Aber wie gesagt: Am besten, man folgt seiner Intuition. Je mehr Ruhe man hat, desto leichter fällt das. Wichtig ist auch, der eigenen Kraft als Mutter oder Vater zu vertrauen.
Dr. Bensel arbeitet als Verhaltensbiologe bei der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen in Kandern bei Freiburg


Neu in Baby