Geburt
 
Der Zauber der ersten Stunde

Eine wunderbare Mischung aus Glück, Zärtlichkeit und Nähe. Dazu eine kleine oder größere Prise Sich-Fremd-Sein und eine Portion Neugierde auf das kleine Wesen, das warm, weich und noch feucht auf unserem Bauch liegt: In der ersten Stunde nach der Geburt vermischen sich die unterschiedlichsten Gedanken und Gefühle. Hier berichtet Eltern-Autorin Benita Wintermantel, wie sie die erste Stunde mit ihrer Tochter Halina erlebt hat.

Geburt: Der Zauber der ersten Stunde
iStock, ArtMarie

Willkommen Halina!

Jetzt bist Du also wirklich da! Der Arzt und die Hebamme haben sich leise zurückgezogen, unser Papa ist beim großen Bruder - und wir sind zu zweit. Ich und Du, kleine Halina. Halina. Dein Name fühlt sich noch ganz fremd an. Ich rede die ganze Zeit leise mit Dir und murmle deinen Namen, um zu realisieren, dass dieser Name und das kleine, nackte, feuchte und wunderbar warme Wesen auf meinem Bauch zusammengehören. Seit genau fünf Minuten weiß ich, dass der kleine Mensch, den ich neun Monate in mir getragen habe, kein "Oskar", sondern eine "Halina" ist. Ein Mädchen. Eine Tochter. Die kleine Schwester des großen Bruders. Unser Baby. Mein Baby. Halina. Ich fühle, es wird noch eine Weile dauern, bis diese vielen Puzzleteilchen zusammen passen werden.

Ich will dich kennenlernen!

Hat Dich der Frühling gelockt?

In diesen allerersten Minuten bist du mir noch fremd. Dein großer Bruder hat schon während der Schwangerschaft bewiesen, dass er ein aktives Kerlchen ist: er hat geboxt und getreten und mich immer wissen lassen, dass er da ist. Du warst ganz leise, ganz zurückhaltend - und oft hatte ich Angst, dass es Dir nicht gut geht, weil ich Dich so selten gespürt habe. Umso schöner, dass ich jetzt mit eigenen Augen sehen kann, dass Du da bist: Kerngesund, alles dran und zuckersüß. Acht Tage hast Du Dir über den errechneten Geburtstermin hinaus Zeit gelassen. Erst gestern waren wir noch bei der Akupunktur. Hat die Dich veranlasst, Dich freiwillig auf den Weg zu machen? Oder waren's die Globuli? Oder hast Du den Frühling gerochen, der seit gestern in der Luft liegt? Nachdem Du beschlossen hattest, dass heute Dein Tag sein soll, hast Du nicht lange gefackelt: Knapp zwei Stunden nach der ersten Wehe warst Du da.

Ich will dich anschauen!

Du hast rotblonde Härchen - die sind von mir. Und Du hast eine sehr süße volle Unterlippe, so wie's Dein Uropa Nikolaus an uns alle vererbt hat. Deine Augen sind noch ganz verquollen - damit schaust Du aus wie Deine Mama, wenn sie in der Früh die Augen nicht aufbekommt. Deine Haut ist weich, unglaublich weich. Und die durchscheinenden Adern und die kleinen Härchen auf Deinen Pausbäckchen rühren mich zu Tränen. Die Haut an den Fingern ist eine Nummer zu groß - aber Du kannst mit Deinen klitzekleinen Händchen schon ganz fest meinen Zeigefinger festhalten. Bitte niemals mehr loslassen!

Ich will Dich riechen!

Viele Mütter schwärmen von diesem ersten Duft, den Babys mit auf die Welt bringen. Manchmal erdig, manchmal zitronig. Ich muss gestehen: Ich rieche nichts. Egal - dafür kann ich Dich spüren. Dein Herz schlägt - ganz schnell. Vielleicht ist das ansteckend. Denn meines schlägt plötzlich auch ganz schnell.

Seitdem Du bei mir liegst, sind alle Schmerzen der Geburt vergessen. Oder total unwichtig, das lässt sich schwer sagen. Dafür hat sich ein kleiner Zauber breit gemacht, hat mir ein Lächeln ins Gesicht und Glück ins Herz geschrieben.

Ich versuche mir vorzustellen, was Du in diesem Moment empfindest: Innerhalb von nur zwei Stunden bist Du einen riesengroßen Schritt gegangen, hast das sanfte Dunkel Deiner gemütlich warmen Unterwasser-Einraum-Wohnung verlassen - um jetzt hier im Kreißsaal bei 15 Grad weniger, das erste Mal ins Sonnenlicht zu blinzeln, deine Lungen zu testen - und keine Enge mehr zu spüren, sondern die Weite dieser Welt. Da muss ich Dich gleich noch ein bisschen mehr festhalten. Ich kann den Blick nicht von Dir wenden und trau mich gar nicht, meine Hände von Dir zu nehmen.

Ich denke an die vielen Dinge, die wir gemeinsam erleben werden und verspreche Dir, dass ich die Geborgenheit der neun Monate in meinem Bauch für Dich bewahren möchte und Dir zeigen möchte, dass die Weite der Welt draußen wunderbar ist. Die vielen Gedanken und Gefühle verschmelzen zur vielleicht glücklichsten Erschöpfung meines Lebens - und wir beide schlafen gemeinsam ein.

20 Monate später

Heute bist Du kein winziges Neugeborenes mehr, sondern 20 Monate alt, kannst "Puppi" sagen und Dich am weißen "Schnei" draußen freuen und Dich zornig auf den Boden werfen. Ich kann mich nicht mehr so richtig erinnern, wie die ersten Wochen mit Dir im Detail waren - aber diese ersten Minuten mit Dir werde ich nie vergessen. Als alles andere unwichtig war und ganz weit weg. Wenn ich Dich heute anschaue, wenn Du schläfst, bleibt die Welt wieder ganz kurz stehen - wie damals in unseren ersten gemeinsamen Minuten.