Geburt
 
Frühchen-Station: "Es ist ja noch so klein"

Zu früher Start ins Leben: Mit 990 Gramm kamen Emilie-Fee und ihr Zwillingsbruder Finn-Lasse zur Welt. Zwei Frühchen von circa 60.000 Kindern, die jedes Jahr in Deutschland vor der 38. Schwangerschaftswoche geboren werden. Hier kannst Du lesen, wie die Zwillinge und ihre Eltern den schweren Anfang gemeistert haben.

Frühchen liegt im Krankenhaus
iStock, Ondrooo

Kein Start nach Plan

Es ist Mittagspause auf der Frühchen-Station der Münchner Frauenklinik in der Maistraße. Alle Babys schlafen mehr oder weniger ruhig in ihren Bettchen. Die Schwestern bewegen sich mit leisen Schritten durch die zwei Räume, kontrollieren hier und da die vielen Maschinen, die die Kleinen beim frühen Start ins Leben unterstützen. Gerade einen Tag zuvor wurden Zwillinge geboren, einer von ihnen muss wegen Gelbsucht mit Ultraviolett-Licht behandelt werden. Damit seine Netzhaut nicht beschädigt wird, trägt das winzige Wesen eine Schutzbrille.
Am Nachmittag werden auf den Stühlen neben den Bettchen die Eltern Platz nehmen und mit ihren Kleinen kuscheln oder sie im Brutkasten streicheln. Manche von ihnen sind schon seit Monaten da und routiniert im Umgang mit den Geräten, sie wissen mit den Sonden und Kabeln umzugehen und blättern interessiert in den Untersuchungsberichten ihrer Kinder.

Ärzte, Schwestern und Eltern helfen gemeinsam

Die Neugeborenen-Abteilung der Frauenklinik Maistraße ist ein Perinatalzentrum Level 1. Das heißt, es ist auf Geburten mit dem höchsten Risikograd eingestellt. Hier können auch Frühchen behandelt werden, die bereits in der 24. Schwangerschaftswoche oder sogar früher geboren wurden. Neben der hochspezialisierten medizinischen Versorgung durch die Ärzte und Schwestern wird hier aber auch viel Wert auf die Betreuung der Eltern gelegt. Warum diese so wichtig ist, haben uns zwei Frühchen-Mütter erzählt.

Emilie-Fee und Finn-Lasse: 13 Wochen zu früh auf der Welt

"Ich darf bald heim" steht auf dem kleinen Zettel, der am Kopfende von Emilie-Fees Bettchen hängt. Das süße Baby mit den feinen blonden Härchen nuckelt an seinem großen Schnuller und schlummert ganz zufrieden in seinem Wärmebettchen. In ein paar Tagen wird es entlassen. Zwei Monate ist es jetzt her, dass Mutter Nicole Runge (34) zum ersten Mal fassungslos an den Brutkästen von Emilie-Fee und Zwillingsbruder Finn-Lasse stand. "Die ganzen Kabel und Schläuche, furchtbar." 13 Wochen zu früh waren die beiden auf die Welt gekommen, wogen jeweils nur 990 Gramm.

Quälende Gedanken: Was habe ich falsch gemacht?

Der Schock in der 19. Schwangerschaftswoche: ein Riss in der Fruchtblase

Nichts war so, wie es Nicole Runge von ihren drei vorherigen Schwangerschaften kannte. Anfangs durften die Kleinen nicht aus dem Brutkasten genommen werden, die Eltern konnten sie nur durch die Öffnung des Inkubators hindurch streicheln. "Das war schon hart, die anderen Mütter mit ihren Babys känguruhen zu sehen und bei einem selbst geht das nicht." Außerdem plagte sie sich mit Selbstvorwürfen. Was hatte sie bloß falsch gemacht? "Ich war kurz vorher noch im Urlaub", erzählt Nicole Runge. "Das habe ich bei den anderen Schwangerschaften nicht gemacht. Und dann fragt man sich, warum man das Risiko eingegangen ist."
In der 19. Schwangerschaftswoche entdeckten die Ärzte an der Fruchtblase von Finn-Lasse einen Riss, durch den Fruchtwasser sickern konnte. Die Fruchtblase von Schwesterchen Emilie-Fee hingegen war intakt. "Wenn es dem kranken Kind nicht zu schlecht geht, wird versucht, die Schwangerschaft erst einmal fortzusetzen, damit das gesunde Kind davon profitiert", erklärt Dr. Martina von Poblotzki. Von Tag zu Tag müssen die Ärzte dann neu entscheiden. Ende der 27. Woche wurden die beiden Kinder per Kaiserschnitt geholt.

Die Mutter notiert sich jeden kleinen Fortschritt

Nicole Runge erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie mit Emilie-Fee das erste Mal känguruhen durfte. Jeden Fortschritt ihrer beiden Kleinen hat sie sich notiert. Damit nicht nur die schlechten Erinnerungen bleiben, sondern auch die schönen Bilder. Die schlechten Erinnerungen, das sind vor allem die Sorgen um den kranken Finn-Lasse. Während Emilie-Fee sich gut entwickelte, gab es bei dem kleinen Jungen immer wieder Rückschläge: mal musste er Antibiotika bekommen, dann wieder beatmet werden.

Hier sollen sich die Eltern aussprechen können

Nicole Runge, die jeden Tag rund 90 Kilometer nach München fährt, ist dankbar für die Unterstützung, die sie auf der Station erfahren hat. Hier konnte sie frei reden, weinen, von ihren Sorgen berichten. "Damit belastet man nicht die Familie, die haben es auch schon schwer genug ohne mich." Dass sich die Eltern ihre Ängste von der Seele reden können, darauf wird auf der Frühchen-Station in der Maistraße besonders geachtet. Sozialpädagogin Petra Rüde hat ein offenes Ohr für die Mütter und Väter. Die Casemanagerin hilft den Eltern aber auch bei sozialrechtlichen Fragen und bereitet sie auf die Entlassung ihres Kindes vor.

Endlich vollkommen Mutter sein

Nicole Runge sehnt ihn herbei, den Moment, ab dem sie ihre Kinder rund um die Uhr bei sich haben kann, sie füttern, wickeln, baden und anziehen wird, ohne sich vorher absprechen zu müssen. Erst dann werde sie vollkommen das Gefühl haben, ihre Mutter zu sein. Emilies Bruder Finn-Lasse darf noch nicht nach Hause, er muss noch einige Wochen im Krankenhaus bleiben. Aber er kann in ein Krankenhaus verlegt werden, das näher am Wohnort seiner Familie liegt.

Eindrücke von der Münchner Frühchenstation

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Amelie: In der 33. Schwangerschaftswoche plötzlich da

Mehrlingsschwangerschaften dauern oftmals nicht die vollen 40 Wochen. Ein anderer Fall ist der von Annette Michna und ihrer Tochter Amelie, die in der 33. Schwangerschaftswoche zur Welt kam. Völlig überraschend und weit weg von zuhause.

Und plötzlich war Amelie da

Schaut her, unser Baby ist da! Wie groß, wie schwer, wem sieht es ähnlich? Fragen, die junge Eltern gerne beantworten. Und die stolzen Großeltern wollen ihr Enkelkind natürlich so schnell wie möglich anschauen. Bevor Annette Michna ihre Amelie zeigen konnte, brauchte sie aber erst einmal Zeit. Um sich ein dickes Fell zuzulegen. "Ich hätte es nicht verkraftet, wenn man mir gesagt hätte: Es ist ja noch so klein.`" So klein: Amelie wog bei ihrer Geburt 1.546 Gramm. Sieben Wochen zu früh kam sie auf die Welt, zur falschen Zeit und am falschen Ort.

Der letzte Urlaub vor der Geburt

Annette Michna und ihr Mann, die in der Nähe von Trier leben, wollten an Silvester ein paar Tage in München verbringen. "Auf dem Weg zum Hotel haben wir die Schilder für die Frauenklinik (in der Maistraße) gesehen. Und ich habe noch gescherzt: Nicht, dass unsere Tochter München als Geburtsort im Pass stehen hat`." Dass es wirklich so kommen würde, hätte Annette Michna zu dem Zeitpunkt niemals gedacht. Schließlich war sie erst in der 33. Schwangerschaftswoche. Aber ein paar Tage später war Amelie da, geboren am 4. Januar um 11 Uhr durch einen Kaiserschnitt in der Frauenklinik Maistraße.

Die Verlegung nach Trier: zu gefährlich

Weil sie sich plötzlich unwohl gefühlt und einen Druck gegen die Bauchdecke verspürt hatte, war Annette Michna am Neujahrstag in die Klinik gegangen. "Ich wurde untersucht und dann hieß es, das sind die Wehen. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Ich dachte, das Kind wächst." Die Diagnose der Ärzte: vorzeitiger Blasensprung, wahrscheinlich ausgelöst durch eine Infektion, und Wehentätigkeit. Außerdem versorgte die Plazenta das Baby nicht mehr richtig. Die Geburt konnte nicht mehr lange hinausgezögert werden. Auch eine Verlegung nach Trier wäre zu gefährlich gewesen. Drei ruhelose Nächte folgten für Annette Michna und ihren Mann. Dann kam die Entscheidung: Kaiserschnitt.

Am Tag nach der Geburt durften sie schon kuscheln

Wie viele Frühchen-Mütter hat Annette Michna ihr Baby erst auf einem Foto gesehen. Am Tag nach der Geburt dann endlich der erste Kontakt. "Wir duften schon ein bisschen kuscheln", erinnert sich sie sich an diesen schönen Augenblick. Känguruhen nennt man diese in der Frühchen-Versorgung ganz wichtige Methode, der Mutter oder dem Vater das Baby auf die Brust zu legen. Die Nähe zu ihren Eltern tut den Kindern gut, sie atmen ruhiger und entwickeln sich besser. "Das Känguruhen ist ein sehr aufregender Moment für die Eltern, weil sie dann wirklich spüren, was sie für dieses Kind tun können", berichtet Dr. Martina von Poblotzki, Neonatologin und Oberärztin der Neugeborenen-Intensiv-Station in der Münchner Frauenklinik in der Maistraße.

Den Eltern die Unsicherheit nehmen

Es gab schon eine Phase, in der ich ziemlich down war

Die Ärzte und Schwestern hier ermutigen die Eltern, ihre Kinder möglichst früh und häufig auf die Brust zu legen, sie selbst zu wickeln, zu baden und zu füttern. Weil es eben nicht nur den Kinder gut tut, sondern auch den Eltern. Denn neben der Sorge um die Gesundheit ihres Kindes belastet Frühchen-Eltern das Gefühl, ihrem Baby nicht helfen zu können. Sie sind eingeschüchtert von den Brutkästen und den vielen medizinischen Geräten. Sie denken: Unser Kind braucht jetzt die Hilfe von Ärzten und Schwestern, was soll ich schon tun können? Ganz viel, sagt Dr. Martina von Poblotzki. Die Nähe der Eltern ist genauso wichtig wie die fachkundigen Mediziner.

Amelie hat sich den fünf Wochen seit ihrer Geburt gut entwickelt, bald darf sie nach Hause. Dann werden die Michnas endlich eine richtige Familie sein. Vor allem die große räumliche Distanz zu ihrem Mann, der immer nur am Wochenende kommen konnte, hat Annette Michna schwer zugesetzt. "Es gab schon eine Phase, in der ich ziemlich down war", erzählt sie. In Krankenhaus konnte sie in einem der zwei Elternzimmer unterkommen, so dass sie sich nicht noch um eine Unterkunft kümmern müsste. In ein paar Tagen schon wird auch Amelie dort einziehen, zuerst für ein paar Stunden, dann auch mal über Nacht. In kleinen Schritten kann Annette Michna so im Umgang mit ihrer Tochter sicherer werden, bevor sie den ganz großen Schritt in die rund 500 Kilometer entfernte Heimat antreten kann.

Weitere Informationen

Wie geht es weiter?
Nach teilweise monatelangem Klinikaufenthalt sehnen sich Frühchen-Eltern nach Normalität und dem Alltag daheim. Doch sie haben auch Sorge, ob sie mit der Versorgung ihrer Kinder allein klar kommen. Unterstützung bei dem Schritt in ein "normales" Familienleben bietet in München die "Dr. von Haunersche Nachsorgeeinrichtung für Frühgeborene und kranke Neugeborene" (HaNa), deren Team auch Dr. Martina von Poblotzki und Petra Rüde angehören. Mehr über HaNa erfährst Du hier: www.hana-muenchen.de

Weitere Hilfe für Frühchen-Eltern:
www.fruehgeborene.de - Der Bundesverband "Das Frühgeborene Kind" hilft betroffenen Eltern schnell und unbürokratisch - mit Selbsthilfegruppen, Informationen und einer Hotline.
www.efcni.org - Die "European Foundation for the Care of Newborn Enfants" setzt sich auch auf politscher Ebene für Frühgeborene ein. Die Stiftung kämpft für eine bessere Frühchen-Lobby, unterstützt die Forschung, hilft betroffenen Eltern.