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Saugen, Greifen, Schreiten: Die erstaunlichen Reflexe der Neugeborenen

Babys kommen mit erstaunlichen Reflexen auf die Welt: Ohne es je geübt zu haben, können sie an der Brust saugen, sich festklammern und sogar schon erste kleine Schritte andeuten. Wie du mit deinem Baby die breite Palette der angeborenen Reflexe spielerisch testen kannst und warum sie so wichtig sind, erfährst du in diesem Artikel.

Neugeborenes hält den Finger seiner Mutter
iStock, deng qiufeng
Auf einen Blick
Artikelinhalt
  • Viele Reflexe sind Überbleibsel unserer urzeitlichen Vorfahren und werden heutzutage eigentlich nicht mehr benötigt.
  • Gerade ohne den Saugreflex und den Klammer-Reflex hätten die frühen Menschen aber nicht überlebt.
  • Manche Reflexe werden auch Reaktionen genannte, da sie aus mehreren Bewegungsabläufen bestehen.
  • Die meisten Reflexe verlernen Babys im Laufe des ersten halben Jahres.

Mit seinen Reflexen zeigt dir dein Baby: Ich bin zwar noch winzig, aber gut auf das Leben vorbereitet. Seine ersten unbewussten Reaktionen (Reflexe) verweisen auf die Anfänge der Menschheit. Reflexe sorgen zum Beispiel dafür, dass es bei einer Berührung an der Wange den Kopf dreht – so kann es die Brustwarze finden, auch wenn es noch nicht gut sehen kann. Welche Reflexe gibt es noch?

Zum Festklammern: Der Greifreflex

Baby hält im Schlaf den Finger der Mutter
iStcok, damircudic

Kaum zu glauben, aber schon Neugeborene können zupacken. Der Greifreflex ist sogar so stark, dass Babys oft einige Sekunden ihr eigenes Gewicht halten können. Entwicklungsgeschichtlich ermöglichte diese Reaktion den Kleinen, sich im Fell der Mutter festzuklammern. Festzustellen ist sie sogar schon bei Frühgeborenen ab der 32. Woche. Mit etwa drei Monaten verliert sich dieser Reflex und mit vier bis fünf Monaten kann das Kind dann gezielt nach Dingen greifen – und sie auch wieder loslassen.

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Zeig her deine Füße: Der Babinski-Reflex

Mutter streichelt Füße ihres Babys
iStock, Maria Sannikova

Streiche doch mal mit dem Fingernagel seitlich an der Fußsohle deines Kindes entlang. Keine Angst, du kitzelst dein Baby damit nicht, sondern löst den Babinski-Reflex aus: Die Zehen spreitzen sich weit auseinander. Bei Neugeborenen geht man davon aus, dass die Nervenschaltungen des zentralen Nervensystems noch nicht vollständig ausgereift sind. Denn was bei Babys bis zu einem Jahr ein ganz normales Reaktionsmuster ist, deutet bei größeren Kindern und Erwachsenen auf eine Schädigung des Großhirns hin. Deswegen nennt man diese Reaktion bei Neugeborenen und Babys auch positiver Babinski-Reflex.

Bewegungstraining: Der Schreitreflex

Du kannst es kaum erwarten, bis dein Baby läuft? Beim Schreitreflex scheint es fast so, als ob es schon laufen könnte: Halte dazu das Baby unter den Armen und lass es vorsichtig mit den Beinchen eine Unterlage berühren. Es wird die Knie beugen und ganz zart einen Schritt nach dem anderen nach vorne machen. Dies hat jedoch weniger mit Laufen als vielmehr mit Bewegungstraining im Mutterleib zu tun: Im Bauch stützt sich das Baby an der Bauchdecke ab und "läuft" daran entlang. Mit drei Monaten hat sich diese Reaktion zurückentwickelt. Richtig laufen lernen Kinder dann erst mit etwa einem Jahr.

Vom ersten Atemzug an: Der Saugreflex

Baby wird von Mutter gestillt
iStock, LightFieldStudios

Ohne diesen Reflex wäre die Menschheit wohl schon längst ausgestorben, denn Babys müssen fast alles erlernen, aber an der Brust saugen können sie vom ersten Atemzug an. Berührst du das Baby an den Mundwinkeln, dreht es sofort den Kopf in Richtung Finger, öffnet den Mund und wird versuchen, daran zu saugen. So kannst du auch testen, ob dein Baby hungrig oder nur müde ist. Saugt es am Finger, hat es Hunger. Nuckelt es, ist es müde. Ab dem dritten Lebensmonat ist dieser Reflex, der auch "Brustsuchen" genannt wird, nicht mehr vorhanden.

Einer der Ältesten: Der Galantreflex

Beim Galantreflex (Rückgratreflex) geht es um Muskelkontraktionen: Das Baby liegt auf dem Bauch. Streiche neben der Wirbelsäule über die Haut des Kindes. Es wird seine Wirbelsäule in Richtung des Reizes beugen. Bis zum sechsten Lebensmonat ist dieser Reflex sichtbar. Evolutionsgeschichtlich ist es ein sehr alter Reflex, den sogar Echsen und Amphibien zeigen: Eine Echse, die man seitlich der Wirbelsäule kratzt, krümmt sich ebenfalls.

Hoch die Treppe: Der Steigreflex

Nein, dein Baby kann noch nicht Treppen steigen, auch wenn es beim Steigreflex fast so aussieht: Greife deinem Kind unter die Arme und halte es aufrecht. Ein Fuß baumelt dabei unterhalb der Tischkante. Wenn das Füßchen die Tischkante berührt, wird das Kind das Knie heben und so tun, als wollte es auf den Tisch steigen. Bis zu einem halben Jahr kann man diese Reaktion bei Babys beobachten.

Bitte nicht ausprobieren: Der Moro-Reflex

Baby zeigt beim Windelnwechseln den Moro-Reflex
iStock, tolgart

Alle Babys haben diese Klammer-Reaktion, der erstmals von dem Kinderarzt Ernst Moro 1918 nachgewiesen wurde. Hierbei handelt es sich um einen uralten Schutzmechanismus, der das Baby in grauer Vorzeit davor bewahren sollte herunterzufallen. Weil der Reflex das Kind erschreckt, sollte man ihn nicht absichtlich auslösen. Der Kinderarzt wird ihn bei der Vorsorgeuntersuchung aber testen: Dabei liegt das Kind im Arm des Erwachsenen. Plötzlich lässt er den Arm sinken, dabei erschrickt das Kind, weil es das Gefühl hat zu fallen. Das Baby streckt sofort die Arme auseinander und öffnet die Händchen, führt die Arme wieder zusammen und schließt die Handflächen, so als wollte es sich festklammern. Für Evolutionsbiologen ein klarer Fall: Sie sehen darin einen Hinweis, dass Menschenbabys auch schon früher aktive Traglinge waren, die sich bei Gefahr festklammerten.

Auf der Flucht: Der Bauer-Reflex

Babyfuß in der Handfläche
iStock, stock_colors

Auch hier spricht man eher von einer Reaktion. Das Baby liegt mit gebeugten Beinchen auf dem Bauch. Wenn du es jetzt unter dem Fuß berührst, streckt es das Bein und stößt sich ab. Vergleichbar mit dem Galant-Reflex zeigen auch hier Reptilien die gleiche Reaktion: Spüren Sie Druck an den Extremitäten, stoßen sie sich reflexartig ab.