Interview mit Ernährungswissenschaftler
 
"Babyfertigmenüs sind empfehlenswert"

Prof. Dr. med. Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung Stoffwechselstörungen und Ernährung am von-Haunerschen Kinderspital in München, ist Experte für Kinderernährung. Wir baten ihn zu den umstrittenen Testergebnissen von Stiftung Warentest Stellung zu nehmen. Die Warentester hatten kürzlich Babyfertigmenüs als zu mager und zu Vitamin-C-arm befunden.

Prof. Dr. med. Berthold Koletzko, Experte für Kinderernährung
Prof. Dr. med. Berthold Koletzko, Experte für Kinderernährung

15 Babyfertigmenüs (also Gläschen mit Gemüse, Fleisch, Kartoffeln oder Reis) aller namhafter Hersteller hat Stiftung Warentest kürzlich getestet. Das Ergebnis: Alle bekamen Testurteil "befriedigend" - die ideale Mahlzeit war also nicht dabei. Überrascht Sie das?

Die Stiftung Warentest hat alle getesten Babymenüs abgewertet, weil Sie angeblich zu wenig Fett enthalten. Aus kinderärztlicher und wissenschaftlicher Sicht ist diese Bewertung und Begründung nicht nachvollziehbar. Es gibt keinen Grund, Säuglinge im Beikostalter fettreicher zu ernähren und selbst einen Löffel Öl hinzuzufügen, wie im Testbericht vorgeschlagen. Im Gegenteil: Durch eine Fettzugabe fördern Eltern nur eine zu rasche Gewichtszunahme und die kann langfristig gesundheitliche Nachteile für das Kind haben. Ein deutlich höherer Fettgehalt der Produkte, wie die Stiftung Warentest für mich nicht nachvollziehbar fordert, ist im Übrigen mit den geltenden gesetzlichen Vorschriften zur Zusammensetzung von Babykost nicht vereinbar.

Stiftung Warentest bemängelte bei allen Produkten, dass sie nicht nur zu wenig Fett, sondern auch zu wenig Vitamin-C enthalten. Die Tester empfehlen deshalb, die Breie mit Öl und Vitamin-C-reichen Saft zu verbessern.

Vor dieser Empfehlung der Siftung Warentest kann ich nur warnen. Aus kinderärztlicher Sicht gibt es keinen Grund Fett zuzufügen. Auch eine Zugabe von Vitamin-C ist nicht notwendig, um bei einer sonst ausgewogenen Ernährung mit Muttermilch oder Säuglingsnahrung den Vitamin-C-Bedarf zu decken.
Werden Babys aber rein vegetarisch ernährt, kann zusätzliches Vitamin-C sinnvoll sein, um die hierbei schlechte Eisenaufnahme zu verbessern. Hier sollte man sich aber durch den Kinderarzt beraten lassen.

Was halten Sie ganz allgemein von Babyfertigmenüs ab dem 5. Monat?

Die Kinderärztlichen Gesellschaften in Europa und in den USA und auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin empfehlen, Beikost bei Säuglingen nicht vor der 17. Lebenswoche und nicht später als in der 26. Lebenswoche einzuführen.
Als erster Brei ist ein Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei hinsichtlich der Nährstoffzusammensetzung ideal. Er liefert gut bioverfügbares Eisen und Zink, was in diesem Lebensalter besonders wichtig ist. Einen solchen Brei kann man selbst frisch zubereiten, wobei man auf hohe Qualität der Zutaten achten sollte. Eltern können ihn aber auch in Form eines Babyfertigmenüs geben. Babyfertigmenüs schmecken vielleicht nicht immer so gut wie ein frisch zubereiteter Brei, haben aber den Vorteil, dass sie eine ausgewogene Nährstoffzusammensetzung bieten und einer sehr strengen Kontrolle des Schadstoffgehaltes unterliegen.

Was muss der erste Brei enthalten?

Gut bioverfügbares Eisen ist sehr wichtig. Deshalb ist ein Brei mit etwas Fleisch (am besten mageres Rindfleisch) ideal. Wenn Familien aus weltanschaulichen Gründen Fleisch meiden möchten, ist ein mit Eisen angereicherter Getreidebrei die nächstbeste Wahl.

Prof. Dr. med. Berthold Koletzko, Experte für Kinderernährung