Eltern-Kind-Bindung
 
Papa ist der Größte!

Babys großer Schwarm ist leider nicht immer die Mutter. Wenn ein Kind entdeckt, wie faszinierend der Papa ist, beginnt für Mütter oft eine Zeit des Grübelns. Diese Erfahrung musste auch ELTERN-Autorin Claudine Kammerer machen.

Baby schläft auf Brust des Vaters
iStock, fotostorm

Papakinder?

"Pa-pa-pa-pa-pa-pa" - so plappert meine Tochter Jessi, ein Jahr alt, neuerdings gern beim Wickeln vor sich hin. Offenbar hat sie Spaß daran, ihren Vater beim Namen zu nennen. Nur: Wer dabei vor ihr steht, bin ich, ihre Mama. Doch ich existiere seit einem Monat nicht mehr. Der Mann im Haus ist jetzt der Star. Nicht, dass Jessi mich ablehnt. Aber sie bevorzugt Heiko auf ganzer Linie. Ihn empfängt sie abends mit einem Freudenschrei. Sie lacht mehr,wenn er mit ihr spielt, isst ohne Zicken seine Pommes, und beim Gutenachtsagen bekommt er mehr Küsse. Und ich bin Luft: vorhanden, aber ignoriert. "Verflixt, Papakinder gibt’s doch in dem Alter noch gar nicht! Oder doch?

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Was sagt der Fachmann?

"In der Regel ist bei Kleinkindern die Mutter-Kind-Beziehung enger und wichtiger als die Vater-Kind-Beziehung", sagt der Münchner Entwicklungspsychologe Heinz Kindler. "Oft entsteht dennoch der Eindruck, dass der Vater bevorzugt wird. Im zweiten Lebensjahr werden Väter hochattraktiv für ihre Kinder. Das liegt an ihrer Art zu spielen und daran, dass ihre Zeit meist rarer ist und ihre Gegenwart deshalb kostbarer scheint. Geht es aber um Schutz oder Ruhe, ist schnell wieder die Mutter gefragt."

Eine Studie aus den 80er-Jahren bestätigt das: Mehr als drei Viertel einer Gruppe von Kleinkindern wollten lieber mit dem Vater spielen.Als später allerdings Trost nötig war, verlangten sie nach der Mutter. Wen das Kind bevorzugt, hängt also in den allermeisten Fällen von der Situation ab.
Dass es aber auch überzeugte Papakinder gibt, davon geht die Mainzer Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke aus. "Ich denke, die genetische Grundausstattung, der Draht zueinander, spielt auch eine Rolle", sagt sie. "Es ist nie untersucht worden, warum ein Kleinkind eine engere Bindung zum Vater hat."

Was hat er bloß, was ich nicht habe?

Zurück zu mir: Ich war immer glücklich darüber, dass sich Heiko und Jessi gut verstehen. "Ich geh heute ins Kino" - so sorglos wie ich kann das nicht jede Mutter verkünden. Erst seit Jessi nicht mehr "Mama" sagt, bin ich verunsichert.
Und dann noch dieser blöde Spruch auf dem Kinderfest vor ein paar Wochen: Jessi wagte sich nur zögernd ins Getümmel, kam immer wieder auf Heikos Schoß zurück. Der ermunterte sie mehrmals: "Trau dich!" Plötzlich hörte ich eine ältere Dame sagen: "So was, da spielt der Papa ja die Mama!" Sogar Heikos Bandkollegen fanden es ziemlich schräg, als er seine Tochter zu einer Probe mitbrachte und ans Schlagzeug setzte.
Und was meine Mutter sagte, pikst mich auch: "Was machst du falsch, dass die Kleine so verrückt nach ihrem Vater ist?" Vielleicht macht er ja etwas besonders gut.

Noch einmal die Fachfrau: "Väter spielen aufregender", erklärt Inge Seiffge-Krenke. "Sie werfen ihr Kind in die Luft, raufen und toben bis zur Erschöpfung. Vor allem Kinder, die Bewegung lieben, fahren darauf ab." Männer, so sagen Experten, stimulierten ihren Nachwuchs visuell und akustisch stärker: Sie plappern Unsinn, schneiden Grimassen - das ist spannend. "Außerdem trauen Männer ihrem Kind mehr zu", so Seiffge-Krenke. "Sie lassen es z. B. allein Märchenbahn fahren oder erklären ihm, wie ein Motor funktioniert. So eröffnen sie ihm eine neue, spannende Welt. Je neugieriger das Kind, desto besser gefällt ihm das. Ob eine Mutter arbeiten geht, hat laut Seiffge-Krenke übrigens keinen Einfluss darauf, an wen sich das Kind enger bindet.

Punkten Papas mit ihrer Abwesenheit?

Gestern Abend ging Heiko kurz zur Videothek, und Jessi plärrte, als ließe er sie im Waisenhaus zurück. Auch das gab mir einen Stich. Wenn Heiko seine Poleposition betont, ist es noch schlimmer. "Sie mag mich eben lieber, bei dir schreit sie nur!", witzelte er kürzlich beim Abendessen, als Jessi nur von ihm gefüttert werden wollte. "Es macht dir wohl Spaß, mich auszubooten", habe ich ihm später entgegengeschleudert. Es hat gedauert, bis er mich wieder beruhigen konnte: "Das war ein Witz. Merkst du denn nicht, wie neidisch ich auf deine enge Verbindung zu Jessi bin?"
Wenn die Kleine und ich allein sind, läuft tatsächlich alles prima. Zweimal die Woche bringe ich sie zu ihrer Tagesmutter. Die anderen Tage schauen wir Bilderbücher an, spielen Ball und Auto oder gehen zur Spielgruppe, um andere Kinder und Mütter zu treffen. Und ihre Bio-Schinkennudeln isst Jessi mit Vergnügen, wenn Heiko nicht mit einem Burger danebensitzt. Ich knuddle und küsse meine Tochter so wie Heiko auch. Ich liebe mein Kind. Trotzdem bekomme ich keine Abschiedstränen, Freudenschreie oder spontanen Umarmungen. Bin ich nicht witzig genug, rede ich zu wenig, lese ich zu viel? Die Selbstzweifel sind immer noch da.

Nur eine Phase

Der britische Kinderpsychologe Richard Woolfson betrachtet es als Phase, wenn Kinder einen Elternteil bevorzugen. Und zwar als eine Phase, die man möglichst schnell beenden sollte. Begründung: Dem Kind entgingen sonst positive Einflüsse des unbeliebteren Elternteils, dieser fühle sich zurückgesetzt, der beliebte wiederum überfordert. Demjenigen, der in der Sonne steht, empfiehlt Woolfson, dem Kind weniger Aufmerksamkeit zu schenken und ihm Zweisamkeit mit dem Partner zu verordnen ("Du gehst jetzt mit Mama spazieren!"). Starker Tobak!

Die Unterschiede

Sechs Uhr, Jessis Schwarm naht. Heute will ich Heiko beobachten. Was macht er anders? "Hallo, Süße!", sagt er und schwingt die jubelnde Kleine zur Begrüßung durch die Luft. Dann kitzelt er sie durch und plappert Unsinn wie: "Geht die Maus die Treppe rauf, klingeling-pieppiep-klopfklopf!" Jessi lacht. Ich kann das nicht. Eins zu null für ihn.

Abendessen. "Wir haben Steaks, Jessi kriegt ein Gläschen", sage ich. "Was? Sie kann doch mit uns Steak und Salat essen", beschließt Heiko. Doch Jessi spuckt das Fleisch aus, das sie nicht kauen kann. Punkt für mich.

Vom Gutenachtritual kann Jessie nicht genug bekommen. "Noch ein bisschen, ich hab doch so wenig Zeit mit ihr", verzögert auch Heiko. Das ist es, fährt es mir durch den Kopf: Ich bin Jessis Tag, und Heiko ist ihre viel zu kurze After-Work-Party! Ich bin die Sicherheit, er die Ausgelassenheit. Wir ergänzen uns. Sie mag ihn nicht lieber, sie mag ihn nur lauter. Plötzlich bin ich glücklich, dass meine Tochter so einen guten Vater hat. Auch wenn andere es ungewöhnlich finden, es ist schön, dass er so präsent ist.

Zum Schluss noch einmal der Fachmann. Er bestätigt mich: "Jede gute Beziehung, die ein Kind zusätzlich zur Mutter hat, kommt ihm zugute", sagt Heinz Kindler. "Eine enge Bindung zum Vater ist wie ein zweiter Motor auf dem Weg zu Selbständigkeit und Selbstbewusstsein." Klingt gut, oder?