Interview Babyschlaf
 
Was hilft, Frau Niermann?

Bianca Niermann ist seit 13 Jahren Schlafcoach. Hier sind ihre erhellenden Einsichten für dunkle Stunden.

Bianca Niermann
Nina Becker

Frau Niermann, die Zahlen in unserer Schlafumfrage zeigen, dass Eltern sich durch das Schlafverhalten ihrer Babys weniger belastet fühlen, als wir dachten. Was glauben Sie, woran das liegt - schlafen die Kinder heute alle besser?
Nein, sicher nicht. Ich glaube, es liegt an der Aufklärung: Es hat sich inzwischen rumgesprochen, dass Babys unruhige Schläfer sind und dass das mit physiologischer Reife zu tun hat und nicht mit Schuld oder Erziehungsversagen.
Diese veränderte Perspektive verringert schon mal das Belastungsgefühl.
 
Mehrere Zahlen deuten darauf hin, dass die Eltern heute beim Schlafen weniger rigoros sind: Sie lassen ihr Kind häufiger im Elternbett schlafen, sind mit großer Mehrheit gegen Schlafprogramme und lassen ihr Kind seltener schreien ...
Ja, diesen Trend stelle ich auch fest. Und das hat sicher auch mit dem "Attachment Parenting" zu tun, einer Bewegung, die ja viel Nähe und Körperkontakt, viel Tragen und insgesamt eine bedürfnisorientierte Erziehung propagiert.
 
Dann müssen Sie also befürchten, bald arbeitslos zu werden?

Nein, gar nicht. Ich beobachte, dass Eltern heute wahnsinnig unter Druck sind.
Die rufen bei mir an und sagen: Frau Niermann, mein Kind ist acht Monate und schläft am Tag dreimal. In zwei Monaten soll es in die Krippe. Da darf es nur noch einmal schlafen. Bitte machen Sie, dass das klappt.
 
Kann man das denn machen?
Können schon, aber es ist nicht gut. Denn das sind dann die Kinder, die tagsüber viel zu wenig Schlaf kriegen und abends total überreizt sind. Sie haben dann Probleme beim Runterkommen, brauchen viel länger, um einzuschlafen. Und schlafen insgesamt weniger, als sie sollten.
 
Tatsächlich kam ja bei unserer Umfrage raus, dass die Kinder im Schnitt eine Stunde weniger schlafen als noch 2009.

Die Krippe könnte ein Grund sein. Und ich finde, das muss unbedingt thematisiert werden.
 
Es zeigt auch, dass Schlafprobleme am Abend oder in der Nacht damit zu tun haben, was am Tag passiert ...

Wer Schlafprobleme lösen will, muss sich immer den Tag angucken. Deshalb lasse ich die Eltern Protokolle anfertigen. Nehmen wir zum Beispiel ein Baby mit neun Monaten, das nachts zehnmal aufwacht und immer nur dann wieder einschläft, wenn es von Mama gestillt wird.
 
Da ist am Tag was schiefgelaufen?
 Ja – die Eltern haben versäumt, dem Kind bei einem Entwicklungsschritt zu helfen, den es in diesem Alter schon können sollte.
 
Nämlich?
Das Entscheidende ist doch, dem Baby ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Es geht um eine positive emotionale Atmosphäre. Liegt das Baby auf der Decke im Wohnzimmer, und ich gehe in die Küche, dann denkt es mit vier Wochen, ich bin weg. Es hat Angst, weint vielleicht. Ich muss hingehen, es auf den Arm nehmen, vielleicht stillen. Einem neun Monate alten Baby kann ich aber aus der Küche was zurufen. Es hört die Stimme und kann in diesem Alter verstehen: Wenn Mamas Stimme da ist, ist Mama auch da. Ich muss keine Angst haben.
 
Und genauso ist es in der Nacht?
Und es funktioniert auch mit anderen Sinnen. Ein acht Monate altes Kind, das mit seinen Eltern im Zimmer schläft, braucht beim Aufwachen keinen Busen, um sich sicher zu fühlen. Es würde reichen, wenn es Mama sieht oder Papa atmen hört. Diese Entwicklungsaufgabe muss es aber am Tag lernen, damit die Lösung auch in der Nacht funktioniert.
 
Wie sieht es mit Einschlafritualen aus, die völlig ausufern?
Das ist ein ähnliches Thema. 30 Minuten Mamas Haare zwirbeln hat nichts mit Bindungssicherheit zu tun, sondern ist ein Kontrollmechanismus des Kindes. Wichtig ist es dann, ein Einschlafritual zu finden, das auch die Eltern mögen, das gemeinsam ruhig macht und dem Kind so ein gutes, sicheres Gefühl vermittelt.
 
In unserer Umfrage mochten viele das Singen.
Leise singen ist super, weil es etwas Meditatives hat. Später ist auch Vorlesen gut. Schlecht ist, auf dem iPad rumzuwischen oder Bilder auf dem Handy anzugucken. Ich kenne Leute,die ihrem 13 Monate alten Kind eine Handyhalterung ans Bett montiert haben. No!
 
Wie stehen Sie zum Familienbett?
Gerade wenn die Mutter am Tag viel weg ist, ist das eine gute Lösung, um dem Baby Sicherheit zu geben. Allerdings empfehle ich eher ein Anstellbettchen. Es macht nicht nur symbolisch gesehen einen Unterschied, ob das Baby in der Mitte liegt oder an der Seite neben der Mutter.
 
Wie meinen Sie das?
Ich beobachte, dass die Partnerschaft sehr stark zurückgedrängt wird, wenn das Baby lange mit im Bett liegt. Vor allem dann, wenn einer auszieht und mir die Mütter sagen: Mein Mann schläft seit zehn Monaten auf der Couch, aber das ist ja normal. Nein, ist es nicht: Es heißt schließlich auch Mutter, Vater, Kind. Oder Vater, Mutter, Kind. Aber nicht: Mutter, Kind, Vater.
 

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