Experten-Interview
 
„Kinder sind keine Glaskugel“

Warum haben Eltern heute so viel Angst, in Sachen Bindung alles zu vermasseln? Und wie können mehr Kinder die Chance bekommen, mit sicheren Bindungserfahrungen groß zu werden? Darüber sprach ELTERN-Autorin Nora Imlau mit Professor Fabienne Becker-Stoll. Sie leitet das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München, ist selbst Mutter von zwei Kindern und Deutschlands renommierteste Bindungsforscherin.

Experten-Interview: „Kinder sind keine Glaskugel“
diephosi/Gettty Images

Bindung steht eigentlich für Sicherheit und Vertrauen – doch für viele Eltern bedeutet das Thema vor allem eins: Stress. Woher kommt diese Angst, in Sachen Bindung alles falsch zu machen?
Wir leben heute in einer Zeit, in der viele Eltern so viel über Bindung wissen, dass ihnen klar ist: Bindung ist wichtig. Gleichzeitig wissen sie meist nur wenig darüber, wie Bindung wirklich entsteht. Das macht sie empfänglich für Ängste, die gerade hier in Deutschland von verschiedenen Seiten sehr eifrig geschürt werden. Nehmen wir das Beispiel Kleinkind-Betreuung: Da kriegen die Eltern einerseits den Druck aus der Politik zu spüren, ihrem Kind bloß keine frühkindlichen Bildungschancen zu verwehren. Und auf der anderen Seite stehen die Kita-Gegner und skandieren, Fremdbetreuung zerstöre Kinderseelen.

Und da kann mehr Wissen über Bindung helfen?
Ja, weil Eltern dann verstehen, dass die Erfahrungen im ganz alltäglichen Miteinander über das Wohlergehen von Kindern entscheiden. Und nicht die Frage: Kita oder nicht?

Was also sollten alle Eltern ganz unbedingt über Bindung wissen?
Dass sie bereits alles mitbringen, um ihrem Kind den besten Start ins Leben zu geben. Eine sichere Bindung aufzubauen ist keine hochkomplizierte Wissenschaft, sondern ein natürlicher Prozess, der ganz von allein passiert, wo Eltern die Bindungssignale ihrer Kinder prompt und liebevoll beantworten.

Was bedeutet das konkret?
Kinder versuchen von Geburt an, mit uns in Verbindung zu treten. Sie zeigen uns, wann sie auf den Arm und wann sie wieder herunter wollen, wann sie Hunger haben oder müde sind. Reagieren wir auf diese Signale ohne Angst, unsere Babys dadurch zu verwöhnen, entsteht eine sichere Bindung wie von selbst.

Gerade am Anfang sind Babys aber oft gar nicht so leicht zu verstehen.
Das stimmt, doch dem Aufbau einer sicheren Bindung stehen solche Missverständnisse nicht im Weg. Wichtig ist nur, dass das Baby merkt: Meine Eltern versuchen, mich zu verstehen, und trösten mich auch dann, wenn sie gerade nicht wissen, was mir fehlt.

Manchmal gibt es im Babyalltag aber ja auch Situationen, in denen das nicht so klappt. Zum Beispiel beim Autofahren, wenn das Kleine in seiner Babyschale auf der Rückbank schreit. Bekommt die Bindung einen Knacks, wenn ich als Mutter dann nicht gleich anhalten kann, um es zu trösten?
Natürlich spreche ich mich als Bindungsforscherin ganz klar dagegen aus, Babys allein schreien zu lassen. Doch eine sichere Bindung erwächst aus unzähligen gelingenden Beziehungsmomenten und geht nicht von einer einzelnen Ausnahme­situation gleich kaputt.

 

Experten-Interview: „Kinder sind keine Glaskugel“
Jessica Byrum/Stocksy, Verlagsgruppe Random House GmbH

Aber woher weiß ich, dass genau diese Ausnahme nicht eine zu viel war?
Das klingt, als sei die Eltern-Kind-Bindung eine kostbare Glaskugel, und wenn die einmal runterfällt, hat sie für immer einen Sprung. So funktionieren zwischenmenschliche Beziehungen aber nicht. Die sind doch ständig im Wandel. Klar kann es sein, dass die Bindung unter einer Anhäufung ungünstiger Umstände auch einmal leidet – doch genauso kann sie sich auch wieder zum Positiven verändern. In Sachen Bindung gibt es fast nichts, was sich nicht reparieren ließe.

Das heißt, die Bindungsentwicklung ist niemals abgeschlossen?
Genau. Viele Eltern denken, nach ein oder zwei Jahren ginge das Zeitfenster für eine sichere Bindung zu. Doch die Bindungsentwicklung geht immer weiter. Es gibt Kinder, die sind mit zwei Jahren sicher an ihre Mutter gebunden und mit drei Jahren nicht mehr, und mit dreieinhalb sind sie es wieder.

Was heißt das denn genau: sicher gebunden?
Alle Kinder binden sich an ihre engsten Bezugspersonen, sie können gar nicht anders. Doch die Qualität dieser Bindung ist sehr verschieden, je nachdem, welche Erfahrungen das Kind macht. Gehen wir feinfühlig und zugewandt mit unseren Kindern um, können sie sich sicher an uns binden. Das heißt: Sie erleben uns als sicheren Hafen, fühlen sich bestärkt und geliebt. Das ist die optimale Voraussetzung, um gesund und glücklich groß zu werden.

Und wenn Kinder stattdessen Härte und Zurückweisung erleben?
Dann entwickeln sie eine sogenannte unsicher-vermeidende Bindung, die sich oft in scheinbarer Unabhängigkeit zeigt: Diese Kinder wirken so, als sei es ihnen völlig egal, ob Mama da ist oder nicht. In Wirklichkeit diktiert ihnen aber ihre Bindungserfahrung, dass es sicherer ist, ihren Stress mit sich allein auszumachen. Erleben Kinder ihre Eltern hingegen mal zugewandt, mal abweisend, entwickeln sie eine unsicher-ambivalente Bindung: Sie wissen einfach nicht, woran sie sind. Am schlimmsten ist es jedoch, wenn Kinder ihre engsten Bindungspersonen selbst als Bedrohung erleben: Sie müssen sich dann nämlich trotzdem an sie binden, haben dabei aber die ganze Zeit Angst vor ihnen. Was dabei herauskommt, nennen wir desorganisierte Bindung.
 

Wie kann diesen Kindern geholfen werden?
Kinder sind von Natur aus dafür gemacht, sich an mehrere Menschen zu binden. Das ist wunderbar, denn so haben sie auch dann die Chance auf sichere Bindungserfahrungen, wenn sie diese zu Hause nicht bekommen. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass unsicher-vermeidend und unsicher-ambivalent gebundene Kinder ganz stark vom Besuch einer Kita profitieren, wenn sie dort sichere Bindungserfahrungen machen. Für diese Kinder dreht sich das typische Stressmuster um: Während für die meisten Kleinkinder der Kita-Besuch etwas Stress und die Zeit zu Hause Entspannung bedeutet, erholen sich diese Kinder in der Kita vom anstrengenden Leben daheim.

Wissen Sie denn, wie viele Kinder in Deutschland aktuell sicher gebunden sind?
Unseren Erhebungen zufolge sind im Moment etwa 55 bis 60 Prozent aller Ein- bis Zweijährigen sicher gebunden. Wir haben also noch Luft nach oben. Als Bindungsforscher in einem Stamm in Papua-Neuguinea dieselben Untersuchungen durchführten, haben sie fast nur sicher gebundene Kinder gefunden.

Was machen diese Eltern anders?
Es wird ja oft gesagt, dass in traditionalen Kulturen sichere Bindungen entstehen, weil die Babys so viel gestillt und getragen werden und nachts bei ihren Müttern schlafen dürfen. Und da ist sicher auch was dran: Viel körperliche Nähe ist Balsam für die Bindung, auch weil sie die elterliche Feinfühligkeit erhöht. Doch ich halte im Vergleich der Kulturen noch etwas anderes für entscheidend: In Ländern mit viel Bindungssicherheit haben die Menschen oft nicht so ein großes Problem mit Schwäche und Bedürftigkeit wie wir hier mit unserer Leistungsgesellschaft.

Was meinen Sie damit genau?
Wir sind hier so darauf gedrillt, dass man sich Wertschätzung erst durch Leistung verdienen muss. Daher rührt auch die Sorge vieler Eltern, ihre Kinder durch liebevolle Zuwendung zu verwöhnen. Wir sind aber nicht nur ungnädig mit kleinen Kindern – sondern auch mit uns selbst. Und das ist ein Problem, denn echte Feinfühligkeit lebt davon, dass wir sie auch uns selbst gegenüber zeigen.

Das heißt, der Schlüssel zu mehr sicher gebundenen Kindern liegt darin, dass wir Eltern zuallererst nicht so streng mit uns selbst sind?
So ist es.