Ammenmärchen
 
Schluss mit den Bindungs-Mythen!

Märchen und Halbwahrheiten zum Thema Bindung verunsichern viele junge Eltern. Das beste Gegenmittel: die Wahrheit.

Baby auf dem Arm seines Vaters
iStock, KQconcepts

Mythos Nr. 1: Sicher gebundene Kinder erkennt man daran, dass sie keinen Schnuller, kein Stofftier und kein Schnuffeltuch brauchen
Was stimmt: Sicher gebundene Kinder brauchen deutlich seltener sogenannte Übergangsobjekte als unsicher gebundene Kinder. Grund dafür ist, dass unsicher gebundene Kinder sich oft schlicht aus der Not heraus Rückversicherung bei Teddy, Kuscheltuch und Co holen, die sie von ihren Eltern nicht bekommen. Es sagt aber nichts über die Bindungsqualität aus, wenn ein Kind zusätzlich zum Schmusen mit Mama und Papa noch gern mit seinem Plüschtier kuschelt.

Ammenmärchen: Schluss mit den Bindungs-Mythen!
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Mythos Nr. 2: Kaiserschnitt-Kinder haben fast alle Bindungsprobleme
Tatsächlich scheint die Art der Geburt in den ersten Lebenstagen einen Einfluss auf den frühen Bindungsaufbau zu haben. Forscher vermuten, dass die Hormonausschüttung bei einer natürlichen Geburt Mütter besonders feinfühlig werden lässt, während nach einem Kaiserschnitt oft Stress, Schmerzen und Schuldgefühle den Bindungsaufbau erschweren. Auf lange Sicht ist der Geburtsmodus für die Bindungsqualität jedoch unerheblich. Was zählt, ist der feinfühlige Umgang im Hier und Jetzt.

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Mythos Nr. 3: Schlaftrainings machen die Bindung kaputt
Schlaflernprogramme sind eine belastende Angelegenheit für alle Beteiligen: Das Kleine brüllt sich panisch weg, die Eltern stehen leidend vor der Tür, und am Ende sind alle fix und fertig. Es gibt also definitiv gute Gründe, gegen Schlaflerntrainings zu sein. Doch die Behauptung, sie zerstörten die Bindung, ist trotzdem falsch: Mehrere Studien konnten keinerlei Unterschied in der Bindungsqualität zwischen schlaftrainierten und nicht schlaftrainierten Kindern feststellen.

Mythos Nr. 4: Stillen ist für die Bindung ganz wichtig
Keine Frage: Das Bindungshormon Oxytocin, das beim Stillen ausgeschüttet wird, kann Mamas und Babys beim Bindungsaufbau enorm helfen. Trotzdem wäre es falsch, das Stillen als den Bindungsgarant schlechthin darzustellen – schließlich können schwere Stillprobleme und die starken Schmerzen, die damit oft einhergehen, den Aufbau einer sicheren Bindung auch erschweren. Du fütterst dein Baby mit dem  Fläschchen? Keine Sorge, damit gefährdest du keinesfalls die Bindung zu deinem Baby. Halte es einfach liebevoll im Arm, schaue ihm ins Gesicht und gib ihm viel Hautkontakt.

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Mythos Nr. 5: Die wichtigste Bindung ist die zur Mutter
Alle Kinder haben eine sogenannte primäre Bindungsperson, die für sie der wichtigste Mensch von allen ist. Meist ist das tatsächlich die Mutter. Trotzdem ist biologisch nicht vorbestimmt, dass Mama zum Lieblingsmenschen wird – sondern die Person, die sich im Alltag am meisten kümmert.

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Mythos Nr. 6: Kleinkind-Betreuung ist schlecht für die Bindung
Seit Anbeginn der Menschheit ist es normal, dass sich mehrere Menschen um kleine Kinder kümmern – deshalb ist ihr Bindungssystem so offen. Bezogen auf moderne Kleinkind-Betreuung heißt das: Sichere Bindungserfahrungen in der Kita können für alle Kinder ein Gewinn sein, vor allem aber für die, die sie zu Hause nicht kriegen. Erzwungene Trennungen, halbherzige Eingewöhnungen sowie häufige Bindungsabbrüche in der Kita sind hingegen tatsächlich Gift für das Bindungssystem jedes Kindes.

Mythos Nr. 7: Sicher gebundene Kinder erkennt man daran, dass sie beim Abschied weinen
So einfach ist es nicht. Zwar besagt der sogenannte „Fremde Situation“-Test der Bindungsforscherin Mary Ainsworth, dass sich das Bindungsmuster eines Kindes an einer kurzen, standardisierten Trennungssituation ablesen ließe. Doch diese Logik ist nicht auf alltägliche Abschiede übertragbar!

Mythos Nr. 8: Für eine sichere Bindung braucht es „Attachment Parenting“
Bindungsorientierte Elternschaft wird immer beliebter. Das ist einerseits schön, weil die liebevolle Grundhaltung vielen Familien guttut. Macht manchmal aber auch Eltern Druck, die die beliebte AP-Kombination „Stillen, Tragen, Familienbett“ eben nicht umsetzen können oder wollen. Für sie ist wichtig zu wissen: Für eine sichere Bindung braucht es unbedingt Feinfühligkeit. Aber nicht unbedingt ein Familienbett.

Mythos Nr. 9: Am besten für die Bindung ist es, nie Nein zu sagen
Kommt drauf an: Einem Neugeborenen alle Wünsche von den Augen abzulesen, ist in der Tat super für die Bindung. Für Kleinkinder bedeutet Bindungssicherheit jedoch auch, manchmal ein klares Nein zu hören, mit dem Eltern ihre persönlichen Grenzen abstecken.

Mythos Nr. 10: Bindung und Gleichberechtigung gehen nicht zusammen
Die Bindungsforschung wurde von Feministinnen von Anfang an kritisch beäugt. Groß waren die Bedenken, diese ganze Bindungskiste sei wieder mal nur eine Masche, um Frauen zurück an den Herd zu beordern. Ganz unberechtigt ist diese Sorge nicht: Auch heute werden schließlich immer wieder Forderungen laut, Mütter sollten der Bindung zu ihren Kindern zuliebe doch auf Karriere und Selbstverwirklichung verzichten. Dabei stehen Bindung und Berufstätigkeit einander überhaupt nicht im Weg – entscheidend ist, dass es der ganzen Familie gut geht.