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Baby tragen oder schieben? Eine Gewissensfrage

Baby tragen oder schieben? Eine Mutter trägt Baby in einer Schlinge
© Halfpoint / Adobe Stock
Tragen oder Schieben – das war für Nora früher eine Gewissensfrage. Inzwischen weiß sie, dass jedes Kind ganz eigene Vorstellungen davon hat.

Meine erste Kinderwagen-Erinnerung ist eine sehr schöne: Meine Mutter schiebt meinen kleinen Bruder in einem todschicken, mit braunem Cord bezogenen Wagen spazieren, und ich, knapp drei Jahre alt, darf auf einem eigens aufmontierten Geschwistersitz mitfahren. Es ist also keinesfalls so, dass ich gegenüber Kinderwagen eine negative Grundeinstellung gehabt hätte, als ich mein erstes Kind bekam. Im Gegenteil: Ich freute mich auf die Spaziergänge mit friedlich schlafendem oder guckendem Baby in der Liegewanne.

Das nützte mir nach der Geburt meines ersten Kindes nur nicht viel, weil meine kleine Tochter ihren schönen neuen Kinderwagen leider hasste. Und zwar sehr. Wann immer wir versuchten, sie hineinzulegen, schrie sie wie am Spieß. Ja, auch wenn der Wagen ruckelte und rollte. Den Grund fanden wir ziemlich schnell heraus: Unser Baby war einfach so nähebedürftig, dass es sich ohne unmittelbaren Körperkontakt nirgendwo wohlfühlte. Nicht auf der Krabbeldecke. Nicht in der Wiege. Und eben auch nicht im Kinderwagen.

In der Folge verbrachte unsere Tochter ihre ersten Lebensmonate nahezu komplett entweder im Tragetuch oder an der Brust oder auf dem Arm. Irgendwann in dieser Zeit stieß ich zum ersten Mal im Internet auf den Begriff "Steinzeitbaby“, der erklären soll, warum Neugeborene so ungeheuer anhänglich sind. Die Erklärung: weil permanent an einem Erwachsenen zu kleben aus urgeschichtlicher Perspektive eine geniale Überlebensstrategie für Menschenkinder war, um nicht als Säbelzahntigerleckerli zu enden.

Die einzig sinnvolle Variante?

Dieser Blickwinkel half mir, mein kinderwagenhassendes Kind nicht weiter von den Vorteilen eines fahrbaren Untersatzes überzeugen zu wollen. Stattdessen trug ich mein Steinzeitbaby fortan urgeschichtlich korrekt geborgen im Tuch von hier nach dort und stundenlang in unserer Wohnung herum. Das funktionierte so gut, dass ich irgendwann anfing, das Tragen von Babys als die einzig wirklich sinnvolle Fortbewegungsform für Eltern-Kind-Paare anzusehen. Kinderwagenschiebende Eltern beäugte ich skeptisch: Was hatten die mit ihren armen Babys gemacht, dass die so friedlich in ihren Liegewannen lagen? Hatten sie deren steinzeitliches Erbe etwa durch gemeines Schreienlassen gebrochen?

Ich entschuldige mich an dieser Stelle gern in aller Form für meine unrühmlich verurteilenden Gedanken von früher. Natürlich ist es Unsinn, dass alle Babys lieber getragen als geschoben werden wollen. Diese Lektion lernte ich zum Glück auch recht bald. Und zwar von meinem zweiten Kind. Kurz vor dessen Geburt hatte ich nämlich sinnigerweise unseren Kinderwagen verkauft, weil ich mein Baby ja ohnehin nur tragen würde. Was dazu führte, dass ich wenige Wochen nach der Geburt mit einem verzweifelt brüllenden Neugeborenen im Tragetuch im Babyfachhandel stand, um einen neuen Kinderwagen zu erstehen.

In einen solchen gebettet und sanft angeschoben, hörte mein Baby nämlich auf zu weinen und schlief – zumindest für ein paar Minuten – wie ein Engel. Das hatte ich mit dem Wagen einer Freundin ausprobiert.

Schon nach kurzer Zeit konnte ich mir kaum noch vorstellen, wie ich jemals eine Babyzeit ohne Kinderwagen geschafft hatte. War das praktisch! Und entlastend für den Rücken! Verkauft haben wir unseren Kinderwagen dann irgendwann aber trotzdem. Weil wir nämlich dachten, unsere Familienplanung sei mit zwei Kindern abgeschlossen. Tja.

Mal tragen, mal schieben 

Als dann unser drittes Kind zur Welt kam, kannten sie uns schon im Babyfachgeschäft. Und wir lernten, dass es auch Babys gibt, die beides gleich toll finden: mal tragen und mal schieben, je nach Situation. Mega. Wie hatten wir eigentlich je eine Babyzeit ohne diese Flexibilität geschafft? War ein bisschen Tragen und ein bisschen Schieben nicht offensichtlich das Beste aus beiden Welten – Steinzeitbaby meets Moderne sozusagen? Jedenfalls: Jetzt waren wir wirklich für alles gerüstet. Tragebaby, Schiebekind, oder beides im Wechsel – unser viertes Kind würde uns mit nichts mehr schocken können.

Tat es dann aber natürlich doch. Und zwar, indem es nach den ersten Neugeborenenwochen eigentlich alle Schieb- und Trageoptionen doof fand. Was dieses Kind mehr wollte als all seine Geschwister zuvor, war: selber machen. Also: raus aus dem Tragetuch, rein ins Abenteuer. Robben, krabbeln, klettern, laufen. Bloß nicht in den Wagen, auch nicht auf den Rücken. Lieber mit zehn Monaten die ersten Schritte machen und dann einfach nicht mehr aufhören zu marschieren. Notfalls an der Hand, lieber aber ohne.

Deshalb haben wir kürzlich tatsächlich Wagen Nummer vier angeschafft: einen stabilen Bollerwagen, in dem ein vom vielen Laufen müde gewordenes Kleinkind mal kurz Pause machen kann, bevor es weiterrennt. Und unser Tragetuch? Habe ich jetzt an gute Freunde weitergegeben, die bald ein Baby bekommen. Der nagelneue Kinderwagen steht zusätzlich schon bereit. "Und woher weiß ich dann, wann ich besser trage und wann besser schiebe?“, fragte meine Freundin. "Das wird dir dein Baby schon zeigen“, sagte ich.

Nora Imlau schreibt als freie Autorin für Eltern, sie hat einen erfolgreichen Blog (nora-imlau.de) und viel Erfolg mit Bestsellern wie "So viel Freude, so viel Wut“, Kösel, 20 Euro, oder "Mein Familienkompass“, Ullstein, 22,99 Euro.

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