Sternenkinder-Fotografen
 
Bilder als letztes Andenken

Wenn ein Kind im Mutterleib, während der Geburt oder kurz danach verstirbt, ist das für die Eltern ein schreckliches Erlebnis. "Dein Sternenkind" ist eine Organisation aus mittlerweile über 400 Fotografen, die Deutschlandweit Sternenkinder fotografiert und den Familien damit ein besonderes Andenken an ihre Kinder schenkt. Eltern stellt drei Fotografen und ihre Arbeit vor.

Sternenkinder-Fotografen : Bilder als letztes Andenken
Dein Sternenkind

Mascha Pohl ist Fotografin und selbst Mutter. Durch den Tod ihres Mannes beschäftigte sie sich auch mit Sternenkindern. Wenn sie den Auftrag bekommt, ein Sternenkind zu fotografieren, ist sie zunächst immer nervös. Aber bei der Arbeit legt sich das schnell. 

Mascha:

Sternenkinder-Fotografen : Bilder als letztes Andenken
Mascha Pohl

„Bevor ich bei „Dein Sternenkind“ angefangen habe, habe ich ehrenamtlich Fotos „tapfere Knipse“ gemacht. Das ist ein Verein von ehrenamtlichen Fotografen, die Familien mit schwer oder lebensbedrohlich erkrankten Kindern fotografieren. Vor fünf Jahren verstarb plötzlich mein Mann. Ich hatte damals kaum die Möglichkeit, mich von ihm verabschieden, habe die Trauer verdrängt. Langsam lernte ich, mich mit dem Tod auseinander zu setzen. Über das Internet stieß ich durch Zufall auf die Seite von „Dein Sternenkind“ und war von der Arbeit direkt angetan.
 
Insgesamt habe ich bisher fünf Mal ein Sternenkind fotografiert. Sobald mich der Alarm durch eine App erreicht und ich ihn annehme, bin ich immer sofort aufgewühlt. Schließlich kommt so ein Alarm meist aus heiterem Himmel. Wenn ich in die Klink komme, werde ich aber sehr ruhig und kann das auch an die Eltern weiter geben. Manche Eltern haben eine klare Vorstellung davon, wie die Fotos ihrer Sternenkinder auszusehen haben, da sie sich vorher darauf einstellen konnten. Andere stehen total unter Schock, können vor lauter Weinen kaum sprechen. Das ist eine hoch sensible Situation, in der wir mit Blicken und Gesten kommunizieren. Ich versuche erst einmal leise zu sein, und zu spüren, was die Eltern in so einem Moment gerade brauchen. Das ist oft gar nicht so einfach.
 
Für die Bilder benutze ich dezente Elemente als Dekoration, wie Spitzentücher. Ich versuche, mich ganz in die Situation fallen zu lassen, das Kind mit den Augen der Eltern zu sehen und diesen Blick mit meinem Herzen festzuhalten. Die Bilder sind keine Dokumentation dessen, wie das Kind aussah. Ich versuche sensible, schöne Fotos zu machen, die den Eltern eine schöne Erinnerung sind.
 
 
An meinen ersten Einsatz für „Dein Sternenkind“ erinnere ich mich noch sehr gut. In der Asklepios- Klinik in Hamburg Barmbek war ein Kind gestorben, das in der 28 Schwangerschaftswoche geboren wurde. Vier Tage hatten die Ärzte vergebens um sein Leben gekämpft.
 
Auf dem Weg in die Klinik hatte ich tausend Gedanken in meinem Kopf. Ich war sehr aufgeregt und wusste nicht, was mich erwartet. Als ich im Krankenhaus ankam, wurde ich schlagartig ruhiger. Die Eltern des Kindes waren sehr gefasst und empfingen mich freundlich. Auch die beiden großen Geschwister und die Oma waren dabei. Das hat mir den Einsatz erleichtert. Die Kinder sind mit ihrem verstorbenen Bruder sehr unbefangen umgegangen, haben ihn gestreichelt und in den Arm genommen. Das hat mich sehr berührt und auch erleichtert.
 
Ein anderes Mal habe ich ein Kind fotografiert, welches in der 18 Schwangerschaftswoche geboren wurde und bereits eine Woche in der Pathologie lag. Das Köpfchen war teilweise deformiert. Die Eltern baten mich, das Kind anzuziehen. Ich musste mich schon überwinden, fortzufahren, wenn ich ehrlich bin. Aber die Eltern haben die Situation bewundernswert gelöst. Sie wussten, dass ihr Kind sterben würde, sprachen ganz normal, während ich die Fotos machte.
 
Mit Nadine hatte ich schon bevor das Kind still geboren wurde, Kontakt. Als ich ins Krankenhaus kam, war es, als würde ich eine Bekannte besuchen. Auch heute noch sehen wir uns ab und zu. Wir hatten schon eine Woche vor der Geburt schrieben wir regelmäßig SMS hin und her. Es war nicht klar, wann ihr Kind geboren werden würde. In der Zeit baute sich eine enge Bindung zwischen uns auf. Nadine war sehr dankbar für meine Fotos. Darüber habe ich mich gefreut.
 
Die Dankbarkeit der Eltern ist riesig. Das zeigt mir, wie wichtig unsere Arbeit ist. Auch unter den Fotografen gibt es eine riesige Unterstützung, die ich so bisher noch nicht erlebt habe.
Durch meinen Einsatz für „Dein Sternenkind“ habe ich viel gelernt. Gesundheit, ein lebendes Kind, sind keine Selbstverständlichkeit. Jeder Tag ist ein Geschenk. Darüber sollte man sich bewusst sein. Letztes Jahr ist mein Vater gestorben. Auch von ihm habe ich Fotos gemacht. Früher dachte ich, dass Bilder von Toten ihre Ehre verletzen. Heute sehe ich das anders. Mit der Zeit verblassen die Erinnerungen an einen geliebten Menschen sehr schnell. Die Fotos bewahren die Erinnerungen an ihr Kind und es ist toll, dass ich dazu beitragen kann.“
  Die Hamburger Fotografin Mascha Pohl hatte bereits fünf Einsätze für "Dein Sternenkind". Mascha Pohl

Tanja Wiegand ist Mutter eines mittlerweile neunjährigen Sohnes, gelernte Arzthelferin und nebenberuflich Fotografin. Bei ihrem ersten Einsatz für "Dein Sternenkind" war ihre Mutter dabei - Eine große Stütze.

Tanja:

Sternenkinder-Fotografen : Bilder als letztes Andenken
Tanja Wiegand

„Bevor ich angefangen habe zu fotografieren, habe ich als Arzthelferin gearbeitet. Daher habe ich auch keine Berührungsängste, mit den still geborenen Kindern umzugehen, aber ich fotografiere auch viele andere Dinge, Hochzeiten, Pferde und Hunde. Eine Kundin machte mich auf „Mein Sternenkind“ aufmerksam. Ich fand die Arbeit toll und habe mich als Fotografin registrieren lassen.
 
Für „Dein Sternenkind“ hatte ich bisher einen Einsatz. Die Mutter wusste, dass ihr Kind tot auf die Welt kommen würde, aber nicht, wann genau. Wir organisierten einen Bereitschaftsdienst mit mehreren Fotografen, die jeweils an ein paar Stunden pro Tag bereit standen. Als ich dran war, klingelte tatsächlich mein Telefon. Es war der Vater, der mich bat, zu kommen. Meine Mutter bot mir an, mich zu unterstützen und fuhr mit mir in die Klinik. Sie würde draußen warten, während ich drinnen die Bilder machte, so der Plan.
 
Ich habe viel Zubehör mitgenommen, weil ich über die Bedingungen vor Ort nichts wusste und die Eltern so unter Schock standen, dass ich sie nicht nach ihren Wünschen fragen konnte.
 
Eine Hebamme führte mich zu den Eltern. Der Vater weinte sehr und konnte nicht sprechen. Die Mutter wollte mich gar nicht sehen. Eine Hebamme führte mich in einen extra Raum, in dem ich die Bilder machen konnte und brachte mir auch das Kind. Die Eltern wollten nicht dabei sein und auch keine gemeinsamen Fotos von sich und ihrer Tochter haben. Aber sie gaben mir eine Mütze und ein Kuscheltier mit, die auch mit in den Sarg gelegt wurden.
 
Das Mädchen wurde in der 24. Schwangerschaftswoche geboren und sah noch sehr unfertig aus. Nicht wie ein Baby, das man aus Zeitschriften oder Magazinen kennt. Aber auch nicht beängstigend. Ich habe zunächst Kontakt zu dem Kind aufgenommen, seine Hand gestreichelt. Dann fing ich an, zu fotografieren. Meine Mutter war in der Zeit dabei. Ich habe versucht, das Baby so schön wie möglich zu zeigen und Stoffe um es herum gelegt.
 
Am Ende habe ich das Kind auch in den Arm genommen und ganz automatisch angefangen es zu wiegen. Ich hatte ohnehin das Gefühl, eher mit einem schlafenden als mit einem toten Menschen vor mir zu haben.
 
Das Bearbeiten der Fotos zu Hause war sehr schwer. Ich habe mir mehrere Tage Zeit gelassen, auch, um die Situation zu verarbeiten. Ich habe eine CD mit mehreren Ordnern für die Eltern gemacht, und auch alle Bilder in unbearbeiteter Form beigefügt. Für den Fall, dass sie diese doch einmal sehen wollen. Ich bin selbst Mutter eines achtjährigen Sohnes. Ich habe ihm erzählt, wo ich fotografiert habe und ihn gefragt, ob er die Bilder sehen möchte. Aber er hat abgelehnt. Auch meine anderen Familienmitglieder wollten die Bilder nicht sehen. Aber meine Mutter hat mich unterstützt.
 
Es hat eine Weile gedauert, bis die Eltern sich bei mir meldeten. Aber sie waren unendlich dankbar und sehr begeistert von den Fotos. Das hat mich unheimlich berührt. Ich bin froh, dass ich ihnen mit den Fotos etwas bleibendes von ihrem Kind schenken konnte.“
  Tanja Wiegand

Birgit Rutz hat als Sterbebegleiterin schon oft Familien dabei unterstützt, den Verlust eines Kindes zu verarbeiten. Für "Dein Sternenkind" unterstützt sie vor allem die Fotografen vor und nach ihren Einsätzen.

Birgit:

Sternenkinder-Fotografen : Bilder als letztes Andenken

„Ich bin Mutter von zwei Kindern und arbeite seit 13 Jahren als Sterbe- und Trauerbegleiterin – hauptsächlich in der Begleitung von Eltern mit  Sternenkindern. Ich habe eine Zeit in den USA gelebt und hatte in dieser Zeit  dann selbst eine Fehlgeburt. Weil ich einen Platz suchte, an dem ich mich von meinem Kind verabschieden konnte, kam ich mit dem „Garden of Innocence“ in Berührung und blieb - und wurde dort die Vizepräsidentin. In Amerika haben Eltern eines Sternenkindes 30 Tage zeit zu überlegen, ob sie sich um die Bestattung ihres Kindes kümmern möchten. Entscheiden sich die Eltern dagegen, wurden diese Kinder früher über den Krankenhausabfall entsorgt.  „Garden of Innocence“  kümmert sich um die Bestattung solcher Kinder.

 Kurz bevor ich 2010 zurück nach Deutschland kam,  erfuhr ich von der  Organisation „Now I lay me down to sleep“ und ich wusste: So etwas brauchen wir in Deutschland auch.

Zwei Jahre später recherchierte ich im Internet und fand die Seite „Dein Sternenkind“, die sich gerade gegründet hatte. Ich war einer der ersten registrierten Fotografen. Ich fotografiere selbst auch Sternenkinder und hatte bereits sechs Einsätze. Aber meine Hauptaufgabe ist die Betreuung der Fotografen vor, während und nach den Einsätzen.

Manche sind unsicher oder haben Angst. Andere haben konkrete Fragen: Wie sieht ein Kind in der 22 Schwangerschaftswoche aus? Wie gehe ich mit bestimmten Fehlbildungen um? Wie begegne ich den Eltern? Dann rufen sie mich an.  Mit einigen Fotografen telefoniere ich, bis sie die Krankenhaustür erreicht haben und nach dem Einsatz rufen sie noch einmal an. Ich habe keine festen Sprechzeiten und bin praktisch jeder Zeit erreichbar. Wenn ich einmal nicht kann, versuche ich, schnellstmöglich einen Termin frei zu machen. Seit diesem Jahr biete ich auch Seminare an, die die Fotografen auf ihre Arbeit vorbereiten.

Meinen ersten Einsatz hatte ich bei einem drei Wochen alten Mädchen, das an den Folgen einer Herz-Op gestorben war.  Ich hatte angeboten, das Kind noch zu fotografieren, solange es lebt, aber das war leider aufgrund der nötigen Maximalversorgung durch die Ärzte bis zum Schluss nicht möglich.

Als ich dann im Krankenhaus eintraf, waren die Eltern gerade dabei, ihre Tochter anzuziehen. Die Beleuchtung im Raum war sehr schlecht und ich musste mit dem vorhandenen Licht auskommen. Die Atmosphäre war sehr besonders.
 

Zu Hause treffe ich dann eine Auswahl an Bildern, die ich den Eltern schicke. Ich bearbeite sie möglichst wenig.

Die Eltern sind unendlich dankbar. Sie haben nichts mehr von ihrem Kind. Meist keine Erinnerungen, weil das Kind schon tot geboren wurde. Die Bilder und das Fotoshoting sind dann eine Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis. Die Eltern können sich an den Geruch ihrer Kinder erinnern, an das Gefühl, sie auf dem Arm zu halten, wenn sie die Bilder ansehen. Für die Außenwelt gab es diese Kinder nicht. Denn sie haben sie nicht kennen gelernt. Bei dem Prozess der Verarbeitung dieses tragischen Erlebnisses sind die Fotos unbezahlbar.“

 

Mehr über "Dein Sternenkind"

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Über 400 Fotografen sind in ganz Deutschland unterwegs, um Eltern mit ihren Fotos ein Andenken an ihre verstorbenen Kinder zu schenken. Auf Eltern online erzählen drei Sternenkinderfotografen von ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen.
Dein Sternenkind findet ihr über die Homepage deinsternenkind.eu und auf Facebook. Dein Sternenkind