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Bindungstheorie So klappt es mit der Eltern-Kind-Beziehung

Eltern-Kind-Bindung: ein junger Vater liegt im Bett mit einem kleinen Baby auf der Brust
© Monkey Business Images / Shutterstock
Eine gute Eltern-Kind-Bindung funktioniert nicht nach Schema F. Es gibt viele Wege, Babyliebe zu zeigen. Und dafür sind keineswegs nur die Mütter zuständig. Es wird Zeit, hier mit einigen Missverständnissen aufzuräumen.

Was passiert eigentlich, wenn Mama Schlupfwarzen hat, die ihr Baby partout nicht zu fassen bekommt? Ist dann keine Bindung möglich?

Es ist eine dumme Frage, aber bewusst so gestellt. Denn hier soll es darum gehen, was einen kleinen Menschen gut durchs Leben trägt. Aber auch um den Druck, der entsteht, wenn das, was als Voraussetzung für eine wunderbare Eltern-Kind-Bindung gilt, nicht klappt. Schlupfwarze ist gleich Flaschennahrung ist gleich unsicher gebundenes Kind? Langsam, langsam, Babynächte sind sowieso schon schlaflos genug. Eine solche Frage macht sie für grübelnde Eltern noch unruhiger.

Und sie ist überflüssig. Denn mal angenommen, es wäre tatsächlich so, dass Babys nur unter immer gleichen, unveränderlichen Bedingungen – hier: Stillen nach Bedarf – stabil groß werden könnten, dann würden doch schon viele derjenigen, die das hier gerade lesen, unter seelischen Störungen leiden. Weil sie öfter im Kinderwagen lagen als im Tragetuch; früh (und zuverlässig) im eigenen Kinderbett schliefen; weil Geschwister sich in der Versorgungskette schon mal vordrängelten.

Leiden wir alle unter Defiziten, erworben in der frühesten Kindheit? Natürlich nicht.

Bindungstheorien heißen Theorien, weil sie einen theoretischen Anspruch haben, der den Idealfall darstellt. Attachment Parenting (AP, übersetzt: bindungsorientierte Erziehung) etwa. Außer dem bedarfsorientierten Stillen werden vom Begründer, dem US-Kinderarzt William Sears, in dieser Reihenfolge genannt: Aufnahme des Körper- und Augenkontakts zwischen Mutter und Kind nach der Geburt, häufiges Tragen des Kindes, gemeinsames Schlafen, Beachtung der Signale des Kindes, um Schreien zuvorzukommen, Verzicht auf Schlaftraining und Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter.

Fangen wir beim letzten Punkt an, der das Potenzial hat, die anderen außer Kraft zu setzen – und deshalb eigentlich an den Anfang der Liste gehörte. Balance also. Die Bedürfnisse von Kind und Mutter in Einklang bringen. Was, wenn die Mutteraugen nach 17 Stunden komplizierter Geburt erschöpft geschlossen sind, wenn der Vater das Kind in Empfang nimmt? Was, wenn der Mama-Rücken (fünfter Lendenwirbel!) so vorgeschädigt ist, dass er beim Tragen des dritten Kindes chronisch schmerzt? Was, wenn der Mann partout nicht schlafen kann mit Kind im Bett? Bedeutet das dann drei bis fünf Jahre nächtliche Fernbeziehung, die vielleicht auch der Mutter nicht gefällt? Und warum heißt es Attachment PARENTING, wenn in erster Linie Mama angesprochen wird?

Neugeborene beginnen weltweit unter sehr, sehr unterschiedlichen Bedingungen. Von manchen ahnen Eltern hier nichts, trotzdem machen die Umstände, unter denen Kinder anderswo aufwachsen, sie glücklich.

Was bedeutet: Womöglich ist Attachment, Bindung also, überhaupt nicht so anspruchsvoll und kompliziert herzustellen, wie es in manchen Mütterblogs, in Diskussionen von Verfechterinnen (welcher Richtung auch immer) oder Ratgeberbüchern erscheint.

Ruhiger Start mit viel Muße

Hier ein paar Baby-Bindungs-Wahrheiten, die so oder so ähnlich überall auf der Welt gelten. Die eine heißt Wochenbett. Viel Anfangskuscheln mit dem Neugeborenen fördert bei seiner Mutter die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin, das hat die Natur trickreich so eingerichtet. Irgendwann kann Mama gar nicht mehr anders – die Liebe ist da, sie wird sie leben. Ein ruhiger Beginn mit viel Muße zum Kennenlernen hilft, das neue Familienmenschlein besser zu verstehen, seine Zeichen zu lesen. Ist es leicht aufzuschrecken, oder schläft es, obwohl im Hausflur der Presslufthammer hämmert? Wie beruhigt es sich zuverlässig, auf dem Bauch, im Arm, über die Schulter hängend, mit sanftem Summen?

Mütter, die ihre Babys gut deuten können, gehen feinfühlig mit ihnen um. Dieses passgerechte Eingehen auf seine Eigenarten gibt beiden Sicherheit. Und was ist mit Vätern? Neben dem Baby liegen, ihm in die Augen sehen, es in den Schlaf brummen, können auch sie. Voraussetzung für Vater-Kind-Nähe ist allerdings, dass eine Mutter sie zulässt. Und ja, es ist immer noch eine häufige Männerklage, die Frauen unbedingt ernst nehmen sollten: Ihr, liebe Mütter, habt manchmal Schwierigkeiten mit dem Loslassen. Nach zehn Monaten inniger Nähe im Bauch mit umfassender Zuständigkeit ist das verständlich. Fürs folgende Familienleben aber nicht förderlich. Denn frühe Bindung an beide Eltern entlastet Mütter. Stärkt Väter. Und gibt Kindern doppeltes Vertrauen.

Dazu vielleicht noch entlastende Großeltern, ältere Geschwister, zugewandte Familienfreundinnen – je mehr wohlwollende Menschen sich um ein Baby scharen, desto besser geht es ihm. Und desto größer sind seine Chancen, zuverlässig zu bekommen, was es braucht.

Das Baby bekommt, was es braucht

Für Elliott Barker, einen kanadischen Kinderpsychiater und Autor, entsteht Bindung so: In jedem Moment ist jemand (und es muss nicht in jedem Fall die Mutter sein) zuverlässig bereit, die kindliche Perspektive einzunehmen, also zu verstehen, wie es dem Baby geht. Und dann bekommt es auch, was es braucht – egal ob Kuscheleinheiten, eine frische Windel, Nahrung, Mützchen auf den Kopf, Ruhe oder Spielminuten.

Wenn heute etwas schiefgeht in der Bindung zum Kind, dann bestimmt nicht, weil Eltern diese elementaren Bedürfnisse nicht sehen wollen. Oder lässt noch jemand sein Baby stundenlang schreien, weil das angeblich die Lungen stärkt?! Ein grauenvolles Unverständnis gegenüber Babys, das schon die heutige Großelterngeneration mehrheitlich nicht mehr praktizierte. Wer 2022 Eltern wird, hat mit der eigenen Mutter, auch dem Vater, in der Regel deutlich bessere Erfahrungen gemacht.

Euer Kind verzeiht Fehler

Ja, es kann immer etwas falsch laufen mit der Eltern-Kind-Liebe. Aber dann ist das in den allermeisten Fällen einer Ausnahmesituation geschuldet, in der eine Mutter, ein Vater sich befindet, einer psychischen Notlage. Die kann übrigens auch durch eine umfassende Erschöpfung entstehen – zum Beispiel, weil das Mutter-Kind-Bindungs-Ding überbetont wird, weil alleinige Zuständigkeit in Überforderung endet. Teufelskreis also. Immer da sein, jedes Bedürfnis sofort erfüllen, möglichst auch noch vorausahnen, das schaffen die wenigsten 24/7.

Und das ist okay so. Ein Baby ist keine Chefin, die eine perfekte Präsentation verlangt. Kein Vorgesetzter, der nicht den kleinsten Fehler verzeiht. Ein Baby schwingt mit. Damit es ihm gut geht, müssen seine Eltern keine starre, anspruchsvolle Liste abarbeiten. Schon, weil nicht jedes Kind dasselbe braucht. Das eine ist am glücklichsten auf dem Arm, das andere schläft mit einem Lächeln auf dem Gesicht sehr gern auf dem Sofa ein. Seine Eltern müssen dann nicht denken: Oh je, ich trage es so selten, bestimmt hat es keine gute Bindung zu mir! Sie sollten selbstbewusst feststellen, dass es entspannt ist, dass es ihm gut geht und sie das spüren können. Nur deshalb lassen sie es guten Gewissens auf dem Sofa einschlafen, lesen neben ihm, hören Musik, spielen mit seinen Geschwistern, kochen Suppe ohne Tuch vor der Brust. Tragevorschrift hin oder her.

Der amerikanische Pädagoge und Autor John Holt erklärte einmal, dass alles, was er jemals über Erziehung, Förderung, gutes Familienleben geschrieben hat, sich in zwei Worten zusammenfassen lässt: "Vertraue Kindern."

Ein anderer Satz, der dazu gut passt, heißt: Vertraue dir als Mutter, vertraue dir als Vater, vertraut eurer Elternliebe. Auf die Form der Brustwarze kommt es dabei bestimmt nicht an.

Väter: Kümmern vorgesehen

Väter haben im Durchschnitt einen niedrigeren Testosteronwert als kinderlose Männer. "Das dient dazu, ihre Aggression zu senken, damit sie sich fürsorglicher um ihr Kind kümmern", erklären der Hormonforscher Robin Edelstein und seine Kollegen von der University of Michigan. Ein besonders geringes Level des Hormons, das für verstärkte Angriffslust verantwortlich ist, stellten die Wissenschaftler in den ersten Wochen nach Geburt des Babys fest.

Mütter: Ich will ins Büro!

Mütter in Deutschland würden gern mehr – und früher – wieder arbeiten, als es ihnen in vielen Fällen tatsächlich möglich ist. Das zeigt eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus diesem Jahr, ganz besonders bei Müttern mit Kindern unter drei Jahren: Von ihnen gehen fast 69 Prozent keiner Erwerbsarbeit nach, aber nur bei 27 Prozent entspricht das auch dem Wunsch der Mutter.

Babys: Bitte knuddeln!

In den ersten sechs bis acht Lebenswochen – die Entwicklungsforschung nennt das die Vorbindungsphase – ist ein Neugeborenes mit der Anpassung an sein Leben außerhalb des Mutterleibs beschäftigt. Dafür hat die Natur ihm soziale Instrumente mitgegeben: horchen, anschauen, sich anschmiegen zum Beispiel. Dieses reflexartige Verhalten ist nicht auf die Eltern beschränkt. Kleine Babys freuen sich auch über andere Menschen und deren Zuwendung.

"Da wird ein weltfremdes Familienbild bedient"

Die Mutter ist für die Bindung angeblich am allerwichtigsten. Gilt das überall auf der Welt? Darüber sprach ELTERN-Autorin Margot Weber mit der Entwicklungspsychologin Heidi Keller

ELTERN: Sie haben kürzlich ein Buch veröffentlicht, das "Mythos Bindungstheorie" heißt. Der Titel klingt so, als würden Sie mit ein paar gängigen Meinungen aufräumen wollen.

Heidi Keller: Ich wollte ein Gegengewicht setzen zu der Fülle an unkritischen Veröffentlichungen zu diesem Thema. Die Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft können nicht mit nur einer einzigen Doktrin gemeistert werden.

Nämlich mit der, dass die Mutter die beste, womöglich auch die wichtigste, wenn nicht gar die einzig richtige Bindungspartnerin für ein Kind ist?

Ja. Der Blick, den wir hier in Deutschland auf Kinder und frühkindliche Bindung haben, ist nur einer von vielen. Es ist der Blick des Mainstreams in den westeuropäischen Ländern und Nordamerika. Und dabei kann man ja noch nicht einmal von "der" westlichen Gesellschaft insgesamt sprechen – es ist ja auch da wiederum nur ein Teil, der das so sieht.

Die Mittelschicht.

Ganz genau. Aber die ist bei uns meinungsbildend. Die Bindungstheorie ist eine monokulturelle Theorie. Sie vertritt ein Menschenbild, das von den sozialen Eliten der Nachkriegszeit in der westlichen Welt geprägt ist. Ihr Begründer war der britische Psychoanalytiker und Kinderpsychiater Edward Bowlby, der nach 1945 in einer Londoner Klinik die Folgen und Traumata und Trennungen bei Kriegskindern beobachtete. Er wies der Mutter eine wichtige Bedeutung zu.

Und der Vater?

War für Bowlby lediglich ein emotionaler Unterstützer der Mutter. Hinsichtlich des Umgangs mit dem Kind maß er ihm keine direkte Bedeutung bei. Allerdings sollte man der Vollständigkeit halber vielleicht noch ergänzen, dass er seine Vorstellungen im Laufe der Jahre häufiger veränderte, sodass es gar nicht so einfach ist, ihm eine bestimmte Position zuzuweisen.

Bowlbys Deutung des Vaters kam den Konservativen in den ausgehenden 40er- und beginnenden 50er-Jahren vermutlich sehr entgegen.

Seine Sicht unterstützte ganz klar das damalige traditionelle Rollenverständnis des Westens. Brisant wurden seine Thesen allerdings später, als die Diskussion von Geschlechterrollen und die Beteiligung von Frauen am Arbeitsleben begann.

Wie sieht der Alltag in der Erziehung denn heute in unseren Familien aus – und wie anderswo auf der Welt?

Bei uns beteiligen sich Väter bei Weitem noch nicht in gleichem Maß an der Erziehung wie Mütter. Wer beantragt Elternzeit? Wer arbeitet Teilzeit? Wer nimmt finanzielle Einbußen zugunsten der Familie in Kauf? In vielen kulturellen Gruppen Afrikas oder Asiens hat die Mutter nicht diese herausgehobene Bedeutung wie bei uns. In anderen Kulturen ist es völlig normal, dass Großfamilien kooperieren müssen, um das Überleben aller zu sichern. Deshalb kümmern sich dort auch bisweilen sehr viele, manchmal bis zu 20 Menschen gleichberechtigt um ein Kind.

Warum handhaben wir Westeuropäer das anders?

Ein Grund dafür ist, dass unsere Mittelschichtsfamilien immer weniger Kinder bekommen. Also nimmt die Konzentration auf jedes einzelne Kind zu, wird jedes einzelne Kind wichtiger – und somit kann und muss auch in jedes einzelne Kind mehr investiert werden.

Ist es denn aus entwicklungspsychologischer Sicht für ein Kind egal, ob die Mutter oder der Vater zu Hause bleibt?

Die Bindungsforscher betonen zwar wiederholt, mittlerweile werde auch die Möglichkeit mehrerer Bezugspersonen zugelassen – doch diese werden in einer Hierarchie gesehen, in der die Mutter ganz vorne steht. Bei uns gilt die enge Beziehung zwischen Mutter und Kind als gesündeste Bindungsform.

Es klingt, als würden Sie das anders sehen.

Die Bindungstheorie, so wie sie in der Praxis verstanden wird, bedient ein bestimmtes Familienbild, das im wahrsten Sinne des Wortes weltfremd ist. Auf den Müttern lastet in unserer Gesellschaft ein ungeheurer Erwartungsdruck. Die von ihnen geforderte uneingeschränkte emotionale Verfügbarkeit und das unbedingte feinfühlige Reagieren überfordert viele Frauen – bis hin zur Entwicklung schwerwiegender psychiatrischer Symptome. Denn hinzu kommt ja noch, dass sie selbst in der Bindungstheorie überhaupt nicht gesehen werden – wir reden da ausschließlich über die kindlichen Bedürfnisse.

Warum ist das so?

Das Prinzip in unserer Gesellschaft lautet: Was ist das Beste für das Kind? Aber sollten wir nicht eigentlich fragen: Was ist das Beste für die Familie? Diese Fokussierung auf das Kind allein kann Mütter bei uns oft geradewegs in den elterlichen Burnout führen.

Und was würde ihn verhindern?

Kinder müssen die Erfahrung von Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit machen – egal ob in der deutschen Mittelschichtsfamilie oder in der afrikanischen Großfamilie. Sie müssen wissen: Es ist immer jemand für mich da. Das muss aber nicht die Mutter sein. Das kann auch jemand aus dem familiären Netzwerk sein.

Auch die US-Anthropologin Sarah Hrdy steht der Bindungstheorie eher kritisch gegenüber. Sie schreibt, dass die Menschheit nicht überlebt hätte, wäre das Aufziehen der Kinder alleinige Aufgabe der Mütter gewesen. Können Sie Hrdys Ansatz näher erklären?

Die Bezugspersonen von Kindern, die Mütter, hatten einst auch andere Verpflichtungen, denen sie nachgehen mussten – beispielsweise Nahrung zu beschaffen. Durch Sammeln oder zuweilen auch durch Jagen, obwohl das häufiger die Domäne der Männer war. Die besonders lange Abhängigkeit eines Kindes von anderen Menschen – zum Überleben und zur Entwicklung – erfordere, so Hrdy, einen derart hohen Einsatz, dass ihn weder die Mutter allein noch Mutter und Vater gemeinsam aufbringen könnten. Sie bezieht sich dabei auf den Anthropologen Hillard Kaplan, der nachgewiesen hatte, dass ein Mensch von der Geburt an bis zu dem Punkt, an dem er in der Lage ist, sich allein zu ernähren, durchschnittlich 13 Millionen Kalorien verbraucht. Bei diesem Aufwand, so meinte er, könne nur ein soziales System Erfolg garantieren. Zu einem ähnlichen Schluss kommt das Forscher-Ehepaar Robert und Sarah LeVine. Sie deuten die Bindungstheorie als moralisches Statement zugunsten von elterlichem, meist mütterlichem Verhalten, das in der westlichen Erziehungsideologie begründet ist und andere kulturelle Vorstellungen häufig abwertet.

Was ist denn in anderen Kulturen anders?

Um ein Kind aus einer Familie herauszuholen, kann es bei uns unter Umständen bereits genügen, wenn ein Gutachter feststellt, dass eine Mutter keinen ausreichenden Blickkontakt mit ihrem Baby hat. Es heißt dann, dieses Baby habe eine "unsichere" oder "desorganisierte" Bindung. Aber in manchen anderen Kulturen ist es geradezu verpönt oder bedeutet gar Unheil, ein Baby länger anzublicken. Oder umgekehrt, wie bei den Nso in den Dörfern Nordwestkameruns: Dort dürfen Kinder den Erwachsenen nicht ins Gesicht sehen.

Warum denn nicht?

Damit wird Respekt zum Ausdruck gebracht. Wir tendieren dazu, die Bindungstheorie als universell gültig zu betrachten. Aber diese Sichtweise lässt sich nicht halten. Schauen Sie sich doch einmal an, wie unterschiedlich Familien auf der ganzen Welt schlafen! Bei uns hat ein Kind tendenziell ein eigenes Bett, später dann ein eigenes Zimmer. In Afrika wäre das vielerorts sehr, sehr ungewöhnlich. Ich habe ein Gerichtsverfahren erleben müssen, bei dem ein siebenjähriges Kind aus seiner Familie herausgenommen wurde, weil es noch im Bett der Mutter geschlafen hat. Aber wenn es danach geht, müsste man weltweit 95 Prozent der Kinder ihren Familien wegnehmen! Auch symbiotische Beziehungen zu anderen Menschen sind anderswo auf der Welt normal. Wir hingegen denken, ein Kind, das ein solches Verhalten zeigt, gehöre in psychologische Behandlung. Anderswo auf der Welt haben Mütter eine hierarchische Beziehung zu ihrem Säugling – und wir tun so, als hätten wir eine egalitäre.

Kann es nicht einfach sein, dass wir es besser wissen als die Mütter in Afrika oder Asien?

Lustig, dass Sie das so formulieren, denn das ist doch genau das Problem: Wir werten. Und immer werten wir uns auf und andere Kulturen ab. Aber es gibt keine kontextfreie Entwicklung. Man kann unsere Erfahrungen nicht einfach so auf andere Kulturen übertragen.

Tun wir das denn?

Wie gesagt, die Bindungstheorie erhebt einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit – und das ist das Problem. Hinzu kommt, dass sie für unsere Kinder ja auch einen großen Nachteil hat: Wir nehmen ihnen einen wesentlichen Erfahrungsraum. Nämlich die Möglichkeit, viele unterschiedliche soziale Kontakte zu haben – vor allem zu anderen Kindern. Denn die Bindungstheorie geht wie selbstverständlich davon aus, dass kleine Kinder Bindung nur zu erwachsenen Bezugspersonen entwickeln. Dass sich nur Erwachsene gut um Kinder kümmern können, ist bei uns ja sogar im Gesetz verankert. Doch auch das steht im Widerspruch zu den Vorstellungen in vielen anderen Kulturen.

Zum Beispiel?

In den ländlichen Regionen Madagaskars sind die bis fünfjährigen Kinder die wichtigsten sozialen Partner kleinerer Kinder, das hat eine Studie nachgewiesen. Und das ist kein Einzelfall – das ist in dörflichen Strukturen außerhalb Europas weit verbreitet. Auch im ländlichen Indien sind Kindergruppen die wesentlichen Sozialisationsagenten. Aus der Sicht der Bindungstheorie wäre das allerdings höchst bedenklich. Und auch aus der Sicht westlicher Familienberatungsstellen käme man sicherlich zu dem Schluss, dass dies Vernachlässigung zeige und Handlungsbedarf erfordere. Im Jugendschutz wird heutzutage oft gesagt, man wisse um die kulturellen Unterschiede. Faktisch werden sie trotzdem nicht berücksichtigt. Es sind reine Lippenbekenntnisse.

Unsere Gesprächspartnerin Heidi Keller ist Professorin i. R. der Universität Osnabrück. Als Co-Direktorin leitet sie aktuell das Nevet Institut an der Hebrew Universität in Jerusalem. Ihr großes Forschungsthema ist die kulturvergleichende Entwicklungspsychologie. Dazu hat sie Felduntersuchungen in mehreren Ländern unternommen und zahlreiche Beiträge veröffentlicht.

Zum Weiterlesen

Ein spannendes Buch für alle, die beruflich mit Kindern zu tun haben: Heidi Keller, "Mythos Bindungstheorie. Konzept · Methode · Bilanz", Verlag das netz, 24,90 Euro. Es zeichnet die Entstehung und Verbreitung der Bindungstheorie nach und benennt die aktuellen zentralen Kritikpunkte. Ein Extra-Kapitel widmet sich der Frage, wie sich die Bindungstheorie im Kita-Alltag auswirkt.

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