Babyernährung
 
Baby-led Weaning: Kann ein Baby selbst entscheiden, was es isst?

"Baby-led Weaning", der vom Baby ausgehende Beikost-Start, kursiert als Thema in vielen Internetforen. Aber funktioniert das wirklich? "Ja", sagt die englische Stillberaterin und Hebamme Gill Rapley, "und es hat viele Vorteile." ELTERN verrät, wie man es richtig anstellt und fragte eine Familie, wie dieser etwas andere Beikost-Start in der Praxis aussieht.

Baby led Weaning
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Inhalt: 
Babys selber essen lassen – so funktioniert es ganz konkretBericht einer Mutter: "Am schönsten sind die entspannten gemeinsamen Mahlzeiten"Interview mit Gill Rapley, die den Begriff "Baby-led Weaning" geprägt hatDas sagen Kritiker zu Baby-led Weaning

Babys selber essen lassen – so funktioniert es ganz konkret

Wann ist der beste Zeitpunkt?

  • Los geht's, wenn das Baby etwa ein halbes Jahr alt ist und Interesse am Essen zeigt.
  • Am Anfang finden Mahlzeiten grundsätzlich nur dann statt, wenn das Kind satt ist. Denn dann ist es experimentierfreudig. Hat es Hunger, kriegt es Milch. So verläuft der Beikost-Start entspannt, weil das Baby nicht das Gefühl hat, dass ihm etwas weggenommen wird. Mit der Zeit werden die Milchmahlzeiten von selbst weniger.

Was ist zu beachten?

  • Das Baby bekommt alle Lebensmittel nur angeboten, ihm wird nichts in den Mund gesteckt.
  • Teller sind am Anfang unnötig: Das Baby isst entweder direkt vom Tisch (Wachstuchdecke besorgen!) oder vom Tablett an seinem Hochstuhl.
  • Das Baby isst von Anfang an beim normalen Familienessen mit. Voraussetzung dafür ist, dass die Familie sich gesund und vollwertig ernährt (keine Fertiggerichte, nichts zu Fettes, zu stark Gewürztes, nicht zu viel Süßes) und dass salzarm gekocht wird. Dazu darf es natürlich so viel Wasser trinken, wie es möchte.
  • Wichtig ist, dass das Kleine aufrecht sitzt (entweder im Hochstuhl oder auf dem Schoß). Hustet oder würgt es, müsst ihr euch keine Sorgen machen: Ihr Baby ist nicht "fast erstickt", sondern seine natürlichen Schutzmechanismen haben dafür gesorgt, dass kein Essen in seine Luftröhre gelangt.

Was gebe ich meinem Baby zu essen?

  • Alle Nahrungsmittel werden in handliche Portionen zerteilt, die sich gut greifen lassen. Praktisch sind Obst- und Gemüsesticks, die so lang sind, dass ein Ende herausschaut, wenn sie die kleine Faust umschließt. Maiskörner, Erbsen und andere sehr kleine Lebensmittel kann das Kind erst greifen, wenn es mit etwa neun Monaten den Pinzettengriff mit Daumen und Zeigefinger beherrscht.
  • Jedesmal wird eine Auswahl an gesunden Lebensmitteln angeboten. Die muss nicht riesig sein, aber insgesamt abwechslungsreich. Dein Kind entscheidet selbst, ob und wie viel es davon essen möchte. Dabei ist Geduld wichtig: Oft betasten die Kleinen erst einmal alle Lebensmittel, bevor sie sich für eins entscheiden.
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Bericht einer Mutter: "Am schönsten sind die entspannten gemeinsamen Mahlzeiten"

Herz aus Gemüse
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Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei? Milch-Getreide-Brei? Kennt Sima, 9 Monate, nicht. Genau wie ihr großer Bruder Milo, 3, durfte sie von Anfang an selbst essen, anstatt gefüttert zu werden. Ihre Mutter Anke erzählt, wie es dazu kam – und was sie am "Baby-led Weaning", also am "Baby-geführten Entwöhnen", schätzt:
"Als ich mit Milo schwanger war, hatten mein Mann und ich schon ein Brei-Kochbuch im Haus. Denn dass man Babys Löffel für Löffel an feste Kost heranführen muss, schien uns selbstverständlich. Doch dann las ich über eines, das mit Fingerfood aufwuchs, suchte nach mehr Informationen im Internet, stolperte dort über die Idee des ,Baby-led Weaning‘, bei dem das Kind von Anfang an selber isst. Da dachte ich gleich: Das ist was für uns! Besonders gefiel mir die Vorstellung, dass unser Kind gleich an den gemeinsamen Familienmahlzeiten teilnimmt, anstatt separat gefüttert zu werden. Mein Mann und ich besorgten uns also das Buch von Gill Rapley (siehe Buchtipp) und legten begeistert los. Schnitten Gurken, Äpfel und Bananen in handliche Stücke, kochten Nudeln, Karotten und Kohlrabi und ließen Milo mit etwa einem halben Jahr probieren, worauf er Lust hatte. Wir kümmerten uns nicht um die Mengen, die er aß, sondern vertrauten darauf, dass er selbst spüren würde, wie viel er brauchte. Und haben damit die allerbesten Erfahrungen gemacht: Milo ist ein unkomplizierter kleiner Genießer mit einem Faible für Obst und Gemüse aller Art. Bei Sima, seiner kleinen Schwester, ist es für uns nun schon ganz selbstverständlich, dass Babys keine Extra-Mahlzeiten brauchen, sondern einfach am Familientisch mitessen. Mit knapp drei Monaten hat sie zum ersten Mal an einem Stück Banane gelutscht, inzwischen futtert sie sich mit Begeisterung durch unseren Speiseplan und entwickelt sich prächtig. Das Beste am Baby-led Weaning ist, dass es die gemeinsamen Mahlzeiten so entspannt: Niemandem wird das eigene Essen kalt, weil erst noch das Kind gefüttert werden muss. Keiner zählt, wie viel die Kinder nun genau gegessen haben, und sorgt sich darum, ob es zu viel oder zu wenig war. Stattdessen erleben unsere Kinder von Anfang an, dass Essen mit Genuss zu tun hat – und dass sie selbst wissen, was sie brauchen, um satt zu werden."

Interview mit Gill Rapley, die den Begriff "Baby-led Weaning" geprägt hat

Baby sitzt am Familientisch
iStock, monkeybusinessimages

Die Idee, Babys selber essen zu lassen, ist nicht neu. Doch dass sie ausschließlich Fingerfood brauchen, um groß und stark zu werden – das hat die englische Hebamme und Stillberaterin Gill Rapley als Erste erforscht. Sie prägte den Begriff des "Baby-led Weaning", um Eltern zu zeigen, dass es eine Alternative zum klassischen Breifüttern gibt.

ELTERN: Träumen Sie von einer Welt ohne Babybrei?
Gill Rapley: Ich würde es anders formulieren: Ich wünsche mir, dass alle Babys mit Lust und Entdeckerfreude ins Beikost-Alter starten können. Ab dem Alter von etwa sechs Monaten sind sie in der Lage, Lebensmittel selbst mit den Händen zu greifen und zum Mund zu führen – warum sollten sie es dann nicht tun? Indem wir einem Kind Löffel für Löffel in den Mund schieben, berauben wir es so vieler sinnlicher Erfahrungen: Nahrungsmittel selbst auszuwählen, zu betasten und zu probieren, zu spüren, dass eine Banane ein weicheres Fruchtfleisch hat als ein Apfel, dass knackig frische Maiskörner eine ganz andere Beschaffenheit haben als mehlig kochende Kartoffeln. Außerdem gibt es eine eindrucksvolle Studie: Wissenschaftlerinnen der Universität Nottingham haben 155 Mütter und Väter zum Beikost-Start ihrer Kinder und zu deren jetzigem Essverhalten befragt. Ihre Untersuchungen belegen: Babys, die von Anfang an selbst essen dürfen, ernähren sich gesund und ausgewogen und sind auch als Kindergartenkinder viel offener für eine große Bandbreite frischer, gesunder Lebensmittel als diejenigen, die klassisch mit Brei gefüttert wurden.
"Baby-led Weaning" bedeutet übersetzt: Das Baby bestimmt, wie es von der Brust oder Flasche entwöhnt wird. Kann so ein kleines Kind tatsächlich die Verantwortung für seine eigene Ernährung übernehmen?
Ja, wenn die Ausgangsbedingungen stimmen. Heute wissen wir, dass schon Neugeborene sehr genau spüren, was sie brauchen. Deshalb rät man jungen Müttern heute, nicht nach der Uhr, sondern nach Bedarf zu stillen. Denn niemand weiß besser, wie viel Muttermilch ein Säugling braucht, als das Kind selbst. Es dementsprechend auch das Tempo der Umstellung auf feste Nahrung selbst bestimmen zu lassen, ist der logische nächste Schritt und hat für mich viel mit Respekt zu tun: Ich nehme die Bedürfnisse meines Kindes ernst, also schiebe ich ihm nicht einfach etwas in den Mund, sondern lasse es selbst auswählen, ob und, wenn ja, was es essen will.
Geht der Beikost-Start dann nicht viel langsamer?
Da ist was dran: Viele berichten, dass ihre Babys in den ersten Wochen lieber mit dem Essen spielen, als es wirklich zu verspeisen. Doch das ist kein Grund zur Sorge. Denn auch im zweiten Lebenshalbjahr versorgt die gewohnte Milch das Baby mit allem, was es zum Wachsen braucht. Warten Eltern jetzt geduldig ab, passiert etwas Wunderbares: Der Säugling beginnt, aus eigenem Antrieb heraus zu essen, und läutet so Schritt für Schritt in seinem eigenen Tempo das Abstillen ein. Die meisten nehmen dann bereits mit etwa acht Monaten erstaunliche Mengen zu sich – oft mehr als ihre gefütterten Altersgenossen. Die lassen nämlich oft zwar die ersten Breiversuche ganz willig über sich ergehen, akzeptieren dann aber plötzlich mit acht oder neun Monaten gar keinen Brei mehr oder nur noch eine ganz bestimmte Sorte. Auch in solchen Fällen kann die Umstellung auf Fingerfood helfen.
Vielen Eltern erscheint Ihr Ansatz sehr extrem. Ist es denn wirklich schlimm, wenn mit Brei gefüttert wird?
Meine Botschaft ist: Babys brauchen nicht gefüttert zu werden. Sie können selbst essen, und das von Anfang an. Mir ist wichtig, dass Eltern das wissen. Daraus kann dann jede Familie machen, was für sie passt: Manche lassen es dann tatsächlich ausschließlich allein essen, andere entscheiden sich für eine Mischform aus Füttern und Fingerfood. Solange es dem Kind dabei gut geht, kann ich daran nichts Schlimmes finden.

Zum Weiterlesen: Gill Rapley and Tracey Murkett: "Baby-led Weaning. Der stressfreie Beikostweg", Kösel, 19,99 Euro.

Das sagen Kritiker zu Baby-led Weaning

Das Ernährungsmodell "Baby-led Weaning" begeistert viele, ruft aber auch Kritiker auf den Plan, die eher für das Füttern klassischer (Brei-)Beikost plädieren. Und davor warnen, aus BLW eine Ideologie zu machen. Eltern.de-Redakteurin Wiebke Toebelmann fasst die Kritikpunkte zusammen.

  • Wer BLW praktiziert, vertraut darauf, dass das Kind instinktiv weiß, was es braucht und sich das dann auch nimmt. Bewiesen ist das nicht. Das Online-Netzwerk „Gesund ins Leben“ der Bundeszentrale für Ernährung gibt zu bedenken, dass das Risiko eines Nährstoffmangels nicht ausgeschlossen werden kann und rät eher zu der kalkulierbaren Beikost mit Brei.
  • Eine ähnliche Meinung vertritt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zu Baby-led Weaning: „Für eine gute Versorgung ist ein ausgewogenes Nahrungsmittelangebot wichtig. Dieses kann bei Säuglingen, die ‚von der Hand in den Mund‘ leben, auf der Strecke bleiben“, sagt Verbandssprecher Dr. Josef Kahl. So zum Beispiel die Aufnahme von genügend Eisen, welche beim Lutschen an einem Stück Fleisch zu kurz kommen könne.
  • Dein Sohn oder deine Tochter kann schon gut greifen und Essen zum Mund führen? Prima! Doch nicht alle Kinder entwickeln sich gleich schnell. „Es kann sein, dass ein motorisch noch ungeschicktes Kind bei dem Fingerfood-Konzept nicht richtig satt wird“, gibt Josef Kahl zu bedenken.

Aber auch die Kritiker betonen, dass nicht das Entweder-oder-Prinzip gelten muss. Du möchtest deinem Kind nicht nur Brei füttern? Kein Problem. Lege ihm doch einfach zusätzlich zum Brei ein paar Stücke weiches Obst oder Gemüse hin oder reiche ihm am Familientisch einige leckere Happen. So weißt du, dass es alle wertvollen Nährstoffe bekommt und führst es trotzdem an normale Kost heran. Nicht ganz BLW – aber quasi eine abgespeckte Version davon.
Apropos Familientisch: Auch wenn ihr einem Beikostplan folgt und euer Kleines eher ein Brei-Esser ist, kann es selbstverständlich mit am Tisch sitzen. Wahrscheinlich wird es lieben, euch zu beobachten und bald auch neugierig auf das sein, was ihr auf dem Teller habt. Dann könnt ihr ihm ruhig etwas zutrauen: Auch wenn ein Säugling noch nicht viele Zähne hat, besitzt er doch eine erstaunlich harte Kauleiste und hat Spaß daran, durch Lutschen und Kauen ein Stück Banane, Brot ohne Rinde oder gedünstetes Gemüse zu zerkleinern.
Wie die ideale Beikost aussieht, sorgt oft für Diskussionen. Selbstkochen oder Gläschen? Oder gleich BLW? Lass dich nicht davon unter Druck setzen, wenn eine Ernährungsform dogmatisch als die einzig wahre propagiert wird. Schau einfach, was für dich und dein Kind am besten funktioniert. Wichtig ist, gelassen zu bleiben und sich ruhig von den guten Ideen des BLW inspirieren zu lassen – denn die Vielfalt macht‘s!