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Stillen "Wie - du stillst nicht?!"

Früher mussten sich stillende Mütter noch rechtfertigen - heute ist es eher anders herum: Wer seinem Baby die Flasche gibt, wird als Rabenmutter beschimpft. ELTERN-Autorin Nora Imlau fragt sich, wozu diese Grabenkämpfe gut sein sollen.

Nora Imlaus Pläydoyer gegen Grabenkämpfe unter Müttern

Stillen: "Wie - du stillst nicht?!"
© Feverpitched / iStock

T atjana wollte ihrem Sohn gern die Brust geben, bekam zum Start aber nicht die richtige Unterstützung. Emma nimmt Medikamente ein, die mit dem Stillen unvereinbar sind. Und Lisa konnte sich schlicht nicht vorstellen, für Monate die einzige Nahrungsquelle ihrer Tochter zu sein. Dass die Babys meiner drei Bekannten das Fläschchen bekommen, hat also ganz unterschiedliche Gründe. Doch eine Erfahrung teilen sie alle: Man kann heute nicht nicht stillen, ohne von anderen Müttern schräg angeguckt zu werden.
Ob in der Krabbelgruppe oder im Eiscaf: Wer statt der Brust das Fläschchen auspackt, erntet missbilligende Blicke und bekommt immer wieder dieselbe Frage zu hören: "Was, du stillst nicht? Aber warum denn nicht?"

Ein kleiner Rückblick

Rückblick: In den 60er- und 70er-Jahren war das gesellschaftliche Klima genau umgekehrt. Man hielt Flaschenmilch nicht nur für gesünder, sondern auch für praktischer als Muttermilch. Wer trotzdem stillen wollte, musste einen starken Willen haben. In den 80er-Jahren war dann plötzlich die "sanfte Geburt" ein großes Thema, und im Zuge dieser Wiederentdeckung der Natürlichkeit kam auch das Stillen in Mode.
In den neu eingerichteten Geburtsvorbereitungskursen lernten Frauen nun erstmals, was heute jede Schwangere zu hören bekommt: dass Muttermilch die beste Ernährung für Menschenbabys ist und dass Stillen nicht nur fürs Kind große gesundheitliche Vorteile hat, sondern auch für die Mutter.
Es folgte eine kurze Zeitspanne, in der Brust- und Flaschenernährung gleichberechtigt waren: Manche Mütter stillten eben, andere gaben die Flasche - und den wenigsten kam es in den Sinn, über ihre Entscheidung groß zu diskutieren.
In den 90er-Jahren begann dann die Stillförderung in großem Stil. Nachdem immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen den Wert des Stillens belegt hatten, forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1992, dass es die Aufgabe eines jeden Staates sei, sich für "den Schutz, die Förderung und die Unterstützung des Stillens" einzusetzen. In der Folge entstand 1994 in Deutschland die "Nationale Stillkommission", die im Auftrag der Bundesregierung dazu beitragen sollte, dass Stillen die normale Ernährung für Säuglinge wird. An sich keine schlechte Idee - doch irgendwie ist im Zuge dieser Stillförderungskampagnen die Waagschale gekippt. Plötzlich galt Muttermilch nicht mehr nur die wünschenswerte Form der Babyernährung, sondern als die einzig akzeptable. Was daraus für viele freiwillige oder unfreiwillige Fläschchenmamas folgt, ist Müttermobbing der übelsten Sorte.
"Mich hat mal eine militante Stillmutter gefragt, ob ich nachts eigentlich ruhig schlafen könne, wenn ich meinem Kind tagsüber diese Giftbrühe verfüttere!", erzählt mir Emma. Und Tatjana bekam immer wieder zu hören, wer bei Stillproblemen abstille, habe sich eben nicht richtig Mühe gegeben. "Jede Frau kann stillen!", sagt sie verbittert. "Wenn ich diesen Satz schon höre! Mag ja sein, dass das theoretisch möglich ist, aber ich hatte keine Kraft mehr zum Kämpfen - kann man das nicht einfach so stehen lassen?“ Den schwersten Stand haben heute sicher Frauen wie Lisa, die sich aus freien Stücken gegen das Stillen entscheiden. "Manche Leute geben mir zu verstehen, dass ich doch auf ein Kind hätte verzichten können", sagt sie. "Wenn ich schon nicht bereit bin, diese erste Mutterpflicht zu erfüllen." Zur Erinnerung: Wir schreiben das Jahr 2012. Wir leben in einer Zeit, in der Frauen zum Glück das Recht haben, über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Und dann beschimpfen erwachsene Frauen tatsächlich andere Mütter, weil sie es wagen, ihren Babys eine andere Milch zu geben? Haben wir sie eigentlich noch alle? Als eine Mutter, die ihre beiden Töchter gern und lange gestillt hat, finde ich: Wir müssen endlich aufhören, uns gegenseitig das Leben schwer zu machen! Es ist nämlich nicht die Brust oder die Flasche, die uns zu guten Müttern macht. Sondern die Fähigkeit, unseren Kindern, aber auch einander, mit Respekt zu begegnen.

"Jede Mutter will das Beste für ihr Kind!"

Stillbücher gibt es wie Sand am Meer. Nun erscheint endlich der erste Ratgeber speziell für Mütter, die nicht stillen können oder wollen. Nora Imlau hat sich mit der Autorin von "Wie, du stillst nicht?" unterhalten.

"Jede Mutter will das Beste für ihr Kind!"

Stillbücher gibt es wie Sand am Meer. Nun erscheint endlich der erste Ratgeber speziell für Mütter, die nicht stillen können oder wollen: In "Wie, du stillst nicht?" räumt Regina Masaracchia, dreifache Mutter und Stillberaterin, mit vielen Vorurteilen rund um die Fläschchen- Ernährung auf. Nora Imlau hat mit ihr gesprochen.

ELTERN: Welche Frage beschäftigt Ihrer Erfahrung nach Fläschchenmütter am meisten?
Regina Masaracchia: Ganz klar die, ob sie ein schlechtes Gewissen haben müssen. Dass Stillen das Beste fürs Kind ist, weiß inzwischen jeder - es steht ja sogar auf den Pulvermilchpackungen. Der gesellschaftliche Druck ist groß: Wer seinem Baby nicht die Brust gibt, sieht sich schnell als Rabenmutter abgestempelt.

Was hilft gegen die Schuldgefühle?
Sich klarzumachen, dass Stillen eben nicht unbedingt das Beste fürs Kind ist. Denn ein Baby merkt, wenn seine Mutter beim Stillen gestresst und überfordert ist. Es spürt genau, wenn die Mutter es nur widerwillig an die Brust legt. Das heißt natürlich nicht, dass Stillen immer Spaß machen muss. Schwierige Phasen sind ganz normal. Aber wenn eine Frau spürt, dass sie mit dem Stillen nicht mehr glücklich wird, kann Abstillen die richtige Entscheidung für beide Seiten sein.

Viele Frauen wollen durchaus stillen, und dann klappt es einfach nicht.
So ging es mir mit meinem zweiten Kind. Nachdem ich meinen ersten Sohn problemlos neun Monate lang gestillt hatte, kam Samuel mit einer Gaumenspalte zur Welt. Ich wusste nicht, dass auch Kinder mit dieser Behinderung gestillt werden können, und hatte auch nicht die richtige Unterstützung dafür. Samuel wurde deshalb ein Flaschenbaby – und ich eine jener Mütter, die in Cafs verstohlen das Milchpulver auspacken und missbilligende Blicke ernten.

Woher kommt dieser Still-Druck?
Ich würde eher von einem sehr engen Normalitätsbegriff reden. In unserer Gesellschaft gilt es gerade als normal, dass Babys in den ersten Lebensmonaten gestillt und dann auf Brei und Flaschennahrung umgestellt werden. Jede Mutter, die es anders macht, muss mit Gegenwind rechnen – vor allem von anderen Müttern. Ich würde mir sehr wünschen, dass sich Frauen bereits in der Schwangerschaft mit der Frage auseinandersetzen, ob sie stillen wollen oder nicht. So können sie gut informiert und ohne Reue den Weg finden, der zu ihnen passt – und sich dafür die Unterstützung organisieren, die sie brauchen. Vor allem aber sollten wir Mütter untereinander endlich solidarischer werden: Nicht-Stillen hat viele Gründe und Facetten, und niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen.

Was ist Ihr wichtigster Tipp für Fläschcheneltern?
Dass sie vieles, was das Stillen so wertvoll macht, ihrem Baby auch ermöglichen können. Schließlich geht es beim Stillen ja nicht nur um gesunde Ernährung, sondern vor allem auch um den innigen seelischen und körperlichen Kontakt. Der entsteht aber beispielsweise auch beim Tragen im Tragetuch. Oder wenn die Mutter das Fläschchen immer wieder einmal mit nacktem Oberkörper gibt. Dabei hört das Baby beim Trinken den vertrauten Herzschlag, es spürt die weiche, warme Haut, die wunderbar nach Mama riecht. Welche Milch es dabei trinkt, ist dann gar nicht mehr so entscheidend. Es entsteht eine feste Eltern-Kind-Bindung, das ist das Wichtigste.

Zum Weiterlesen

Regina Masaracchia: "Wie, du stillst nicht?" Ein Praxisbuch für Mütter, die nicht stillen wollen oder können. Kösel, 15,99 Euro
Für Kinder mit Geschwistern erscheint von derselben Autorin "Finja kriegt das Fläschchen", Edition Riedenburg, 14,90 Euro

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