Muttermilch spenden
 
Muttermilchbanken: Gespendete Muttermilch für Frühchen

Nicht alle Mütter können ihr Frühchen selbst stillen. Doch für die Kinder ist die Muttermilch sehr wichtig. Frauenmilchbanken können helfen – leider gibt es davon in Deutschland viel zu wenige.

Neugebohrenes wird mit Flääschchen gestillt
iStock, cdwheatley

Die Muttermilchbank des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf passt in ein Kühlschrankfach, eine Handvoll kleiner Becher mit tiefgekühlter Milch, darauf ein Etikett mit Strichcode. Die Mengen, die hier jährlich verbraucht werden, sind noch klein. 600 Milliliter waren es 2018, damit wurden fünf Kinder versorgt. „Wir sind eine noch junge Einrichtung. Die Milch wird hauptsächlich zur Versorgung von sehr kleinen Frühchen genutzt, die oft viele Wochen auf unserer Frühgeborenenstation liegen“, erklärt Judith Karger-Seider. Die Fachkinderkrankenschwester kümmert sich auf der Intensivstation für Früh- und Neugeborene um die Muttermilchspenden.

Wenn Kinder in der 24. oder 25. Woche auf die Welt kommen, ist das erst einmal ein großer Schock für die Eltern. Die Sorge um den Nachwuchs und der Stress können dazu führen, dass die Mütter keine oder nicht ausreichend eigene Milch produzieren. Manchmal brauchen sie auch selbst noch medizinische Unterstützung und können wegen Medikamenten nicht stillen. Umso wichtiger sind Muttermilchspenden zur Überbrückung.Die kommen in der Hamburger Universitätsklinik ausschließlich von Müttern, die selbst auf der Frühchen-Station liegen und bereit sind, überschüssige Milch abzugeben. Eine wichtige Voraussetzung: Die Mütter müssen absolut gesund sein. Die Kriterien sind dabei noch strenger als bei der Blutspende. Medikamente, Tattoos, chronische Erkrankungen und Infektionen sind Ausschlusskriterien. Zusätzlich wird die Milch im Labor auf bakteriologische Verunreinigungen getestet. Erst wenn alle Tests negativ sind, gibt es eine Freigabe der Muttermilch.

Ein halbes Jahr ist die Spende im Gefrierschrank haltbar. Ein Grund für die strengen Vorgaben: In Hamburg wird die gespendete Milch den Frühchen roh gegeben – so bleiben alle gesundheitsfördernden Bestandteile erhalten. Gleichzeitig könnten schon kleinste Infektionen für die zu früh geborenen Empfänger gefährlich werden. Deshalb ist auch von privaten oder Muttermilchspenden aus dem Internet abzuraten. Hier können Infekte oder schädliche Medikamentenspuren nicht sicher ausgeschlossen werden.

Warum ist für Frühgeborene Muttermilch so wichtig?

Muttermilch in Spendenfläschchen
iStock, Reptile8488

Gerade für Frühgeborene gilt Muttermilch als beste Nahrungsform. Sie unterstützt das Immunsystem, hilft bei der Entwicklung der Darmflora und schützt vor schwerwiegenden Darmerkrankungen, wie der sogenannten nekrotisierenden Enterokolitis. Dabei können Bakterien regelrechte Löcher in die Darmwand fressen. Auch wenn sich moderne Frühgeborenennahrung immer stärker an den Muttermilchbestandteilen orientiert, kann man die wertvolle Zusammensetzung der Muttermilch nur in gewissen Grenzen imitieren.

„Besonders bei Frühgeborenen, die noch sehr leicht sind oder um die 24. Woche auf die Welt kamen, machen wir sehr gute Erfahrungen mit den Muttermilchspenden“, erklärt Karger-Seider. Über eine Magensonde bekommen sie alle zwei Stunden einen Milliliter Muttermilch. Parallel dazu tun Stillberaterinnen und Schwestern alles, damit die Mutter selbst das Stillen übernehmen kann. Ein guter Weg, dies zu unterstützen, ist viel Hautkontakt zwischen Kind und Mutter.

Etwa ab der 32. Woche können die Babys saugen, schlucken, den Atem koordinieren und aktiv trinken. Schon vorher werden sie aber regelmäßig an die Brust angelegt und ihr Mundraum mit gespendeter Muttermilch in Kontakt gebracht. Beides ist gut für die Entwicklung der Frühchen. Und wenn das alles nicht hilft, können die Kinder auch während des gesamten Aufenthalts in der Klinik mit Muttermilch versorgt werden.

singlePlayer

Woher stammt die Idee der Frauenmilchbanken?

Frauenmilchbanken gibt es bereits seit über 100 Jahren in Deutschland. Marie-Elise Kayser, eine Kinderärztin aus Magdeburg, kam als Erste auf die Idee, überschüssige Muttermilch zu sammeln und an Babys weiterzugeben, deren Mütter nicht stillen können. Im Moment bekommt diese Idee neuen Schwung, dank einer neuen Frauenmilchbank-Initiative. Das Bündnis aus Kinderärzten, Wissenschaftlern und Stillberatern setzt sich dafür ein, dass in jedem Bundesland Spendezentren geschaffen werden und alle Frühchenstationen Zugang zu einer Frauenmilchbank bekommen.

Die Zahl der Banken steigt langsam aber sicher. Aktuell sind es 23, zwei sind noch in der Startphase. Trotzdem hat bisher nur ein Bruchteil der über 200 Perinatalzentren in Deutschland einen Zugang zu gespendeter Muttermilch aus einer Frauenmilchbank. Besonders viele sind es im Osten der Republik. Die DDR hielt nach der Teilung Deutschlands an der Idee der Muttermilchspenden fest, wogegen im Westen ein großer Hype um künstliche Babynahrung entstand – auch getrieben durch die Angst vor dem aufkommenden HI-Virus. Die Folge: Viele Banken wurden geschlossen.

Bisher heute wurden in Schleswig-Holstein, Bremen, Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland keine neuen Einrichtungen eröffnet. Der Bedarf an Spendermilch liegt dadurch weit über dem, was die Frauenmilchbanken aktuell anbieten können.

Spendenbereitschaft ist groß, nur die Kapazitäten klein

Das liegt übrigens nicht an fehlenden Spenderinnen. Hier gibt es großes Interesse, auch wenn die Frauen für ihre Spende kein Geld bekommen. „Wir haben immer wieder Anfragen von Müttern, die gerne ihre Milch spenden würden“, erklärt Karger-Seider. Leider gebe es dafür keine Kapazitäten in Hamburg. So geht es vielen Kliniken. Für sie ist der Betrieb einer Milchbank ein Minusgeschäft. Von den Krankenkassen gibt es keine finanzielle Unterstützung für Personal oder Ausstattung. Stattdessen finanzieren sich viele Muttermilchbanken durch Spenden oder öffentliche Fördergelder. Die Folge: Oft fehlen Strukturen, um die Kapazitäten der Bank zu vergrößern und mehr Spenderinnen-Milch anzunehmen.

Mehr über Muttermilchbanken findet ihr unter www.fmbi.de