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Frühchen Wie moderne Medizin und ganz viel Kuscheln die Winzlinge stark machen

Frühchen: neugeborenes Baby
© OndroM / Shutterstock
Frühchen kommen winzig, viel zu früh und viel zu leicht auf die Welt. Wie stehen heute ihre Chancen, was könnt ihr als Eltern tun und wie werden sich diese kleinen Kämpfer später entwickeln? Diese und andere wichtige Fragen zum Thema Frühgeborene beantworten wir euch hier.

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Eine drohende Frühgeburt ist für werdende Eltern immer eine beängstigende Vorstellung. Dabei stehen die Überlebenschancen heute so gut wie noch nie. Das liegt vor allem an einer immer ausgereifteren Neugeborenen-Intensivmedizin. Selbst Babys, die bei ihrer Geburt unter 1000 Gramm wiegen, haben im Durchschnitt eine 80-prozentige Chance, den Frühstart in ihr Leben zu überleben. Risiken für langfristige Folgen haben vor allem extrem kleine Frühchen.

Wann ist ein Neugeborenes ein Frühchen?

Babys, die schon vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche (SSW) auf die Welt kommen oder unter 2500 Gramm wiegen, gelten als Frühchen. Eine voll ausgetragene Schwangerschaft dauert in der Regel 40 Wochen. Die Geburtsmedizin unterscheidet Frühgeborene noch feiner, da jede Woche, die das zu früh geborene Kind länger in deinem Bauch sein konnte, wichtig für seine Überlebenschancen und seine Entwicklung ist.

Moderate bis späte Frühchen (32. bis 37. SSW) unterscheiden sich in Gewicht und Körpergröße kaum von reif geborenen Kindern. Die frühe Geburt kann aber Entwicklungsverzögerungen nach sich ziehen. Außerdem sind späte Frühchen anfälliger für Infekte.

Sehr unreife Frühchen (28. bis 31. SSW) wiegen meistens unter 1500 Gramm. Dank der Fortschritte in der Neugeborenenmedizin haben auch sehr unreife Frühchen gute Chancen, sich ohne Spätfolgen zu gesunden Kindern zu entwickeln.

Extrem kleine Frühchen (Ende 27. SSW und früher) wiegen meistens unter 1000 Gramm. Ihre Organe sind noch nicht vollständig entwickelt. Besondern die unreifen Lungen erschweren das Leben außerhalb des Mutterleibs. Je später ein extrem kleines Frühchen auf die Welt kommt, desto besser sind seine Überlebenschancen. Das gilt auch für das Risiko für Spätfolgen und Komplikationen.

Die Grenze der Lebensfähigkeit mit medizinischer Unterstützung liegt in Deutschland beim Erreichen der 23. SSW. Früh geborene Kinder sind übrigens gar nicht so selten, wie ihr vielleicht denkt. Acht bis neun Prozent aller Babys eines Geburtsjahrgangs (etwa 50.000) kommen in Deutschland vor der 38. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Die meisten wiegen unter 2500 Gramm. Der Anteil extrem kleiner Frühchen liegt bei einem Prozent. Damit hat Deutschland die höchste Frühgeborenenrate in Europa.

Welche Überlebenschancen hat ein Frühgeborenes?

Dank der enormen Fortschritte in der Neugeborenenmedizin (Neonatologie) sind die Überlebenschancen von Frühgeborenen größer denn je. Selbst Kinder, die bei ihrer Geburt unter 1000 Gramm wiegen, haben heute eine 80-prozentige Überlebenschance. Voraussetzung ist eine medizinische Betreuung in einem Perinatalzentrum. Dort ist die notwendige intensivmedizinische Ausstattung vorhanden, um zu früh geborene Babys bestens zu versorgen und dort arbeiten Ärzte und Ärztinnen sowie Pflegekräfte, die sich auf die Bedürfnisse ihrer kleinen Patienten spezialisiert haben.

Neben der medizinischen Versorgung ist das sogenannte Gestationsalter der frühgeborenen Babys der wichtigste Überlebensfaktor. Jeder Tag im Mutterleib ist wichtig. Je länger dein Baby in deiner Gebärmutter reifen kann, desto besser für seine Überlebens- und Entwicklungschancen. Daher richtet sich die Behandlung von Schwangeren, bei denen eine zu frühe Geburt droht, darauf, die Geburt möglichst hinauszuzögern.

Besonders wichtig ist die Lungenreife deines Babys. Denn die Lunge entwickelt ihre volle Funktionsfähigkeit erst in den letzten Schwangerschaftswochen. Kündigt sich eine Frühgeburt an, unterstützen die Ärzte diese Reifung daher medikamentös. Dennoch können viele Frühchen nach der Geburt noch nicht selbständig atmen. Ihnen hilft eine Nasenmaske und die weitere Gabe von Surfactant, einem Wirkstoff, der die Entfaltung der Lunge ermöglicht.

Kann sich ein Frühgeborenes so entwickeln wie jedes andere Baby?

In den ersten Tagen nach der Geburt haben Frühchen-Eltern zunächst nur einen bangen Gedanken: Wird unser Baby überleben? Erst wenn das Kleine stabil ist und die Ärzte eine hoffnungsvolle Prognose stellen können, tauchen andere Fragen auf: Wird unser Kind sich so entwickeln wie andere? Wird man ihm immer anmerken, dass es zu früh auf die Welt kam?

Gerade bei den extrem kleinen Frühchen besteht durchaus das Risiko, dass die Frühgeburt zu bleibenden Schäden führt. Die Zahl der betroffenen Babys hat aber in den vergangenen Jahren abgenommen. Und das, obwohl immer mehr Frühgeborene am Leben gehalten werden konnten.

Auch Studien zur körperlichen und geistigen Entwicklung von Frühchen stimmen hoffnungsvoll. Eine Langzeitstudie an der Universität Bonn kam zu dem Ergebnis, dass sich die Endgröße der Frühgeborenen trotz anfänglicher Wachstumsdefizite (bis acht Jahre) nicht von der reif geborener Kinder unterscheidet. Professor Dr. Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin betont, dass "die Auswertung (europaweiter Daten) zeigt, dass die Fortschritte in der Intensivmedizin und der Neonatologie sehr wohl dazu führen, dass die ‚Frühchen‘ nicht nur vermehrt überleben, sondern auch besser überleben". Auch die Stiftung Kindergesundheit beobachtet, dass die meisten Frühchen zu gesunden Erwachsenen heranwachsen.

So helft ihr eurem Frühchen beim Wachsen

Gewicht zulegen und selbständig atmen: Das sind die zwei wichtigsten Ziele für euer Frühchen. Späte Frühchen werden Schritt für Schritt an das Stillen gewöhnt. Dabei tankt das Neugeborene ganz viel Wärme und Nähe, wenn es auf deinem Bauch liegt und das Saugen übt. Auch die Atmung wird durch das sogenannte Känguruhen unterstützt. Zur Kräftigung wird deinem Baby eine zusätzliche Lösung angeboten.

Unreife und extrem kleine Frühchen können noch nicht selbständig Nahrung zu sich nehmen. Sie werden mit Magensonden und Infusionen mit allem versorgt, was sie in den kommenden Wochen zum Wachsen brauchen. Wenn du regelmäßig abpumpst, kannst du dein Baby mit Muttermilch versorgen. Sie ist wichtig für sein empfindliches Immunsystem. Die meisten Frühgeborenen haben bei der Entlassung rund um den eigentlichen Geburtstermin noch nicht das normale Gewicht eines reif geborenen Babys erreicht. 

Zuhause gibt noch mehr, was ihr als Eltern tun könnt, um eurem Frühgeborenen zu helfen, sich in seiner neuen Welt zurechtzufinden:

  • für eine reizarme Umgebung sorgen (gedimmtes Licht, keine lauten Geräusche)
  • regelmäßiger Tagesablauf (gibt Struktur)
  • immer gleiche Schlafumgebung (gibt Sicherheit)
  • den eigenen Schlaf-Wach-Rhythmus finden lassen
  • viel Körperkontakt im Tagesablauf einbauen und schnelle Bewegungen vermeiden
  • die Körpersignale eures Kindes lesen lernen (z.B. Gähnen, Abwenden, Rückenkrümmen) und respektieren, wenn es überfordert ist (z.B. gleichzeitig zu essen, zu schauen und zuzuhören)

Wichtig: Denkt daran, dass ein Frühchen nicht innerhalb der normalen Entwicklungstabelle wächst. Zieht vom Geburtstag gedanklich die Wochen ab, die es zu früh auf die Welt kam. Erst dann ist ein Vergleich mit den Normwerten in den U-Heften sinnvoll.

Welche Herausforderungen bedeutet eine Frühgeburt für euch Eltern?

Frühchen-Eltern stehen unter einer extremen seelischen und körperlichen Belastung. Die Verarbeitung von Angst und Schuldgefühlen, der Schwebezustand zwischen Krankenhaus und altem Leben, das Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen bringt viele an die Grenze ihrer Kräfte.

Versucht, das gemeinsam durchzustehen. Auch Väter können sich das Baby auf den nackten Oberkörper legen und ihm den Körperkontakt geben, den es jetzt so dringend braucht. So kann Mama eine Pause machen und Papa tut etwas für die Vater-Kind-Bindung. Denn bei aller Sorge und bei aller Kraft, die es kostet Frühchen-Eltern zu sein: Diese erste Zeit mit eurem Baby wird euch auch als etwas ganz Besonderes in Erinnerung bleiben.

Neben der gegenseitigen Unterstützung tut vielen Frühchen-Eltern auch der Kontakt zu anderen Betroffenen gut. Oft gibt euch das Krankenhaus schon Informationen über Selbsthilfegruppen mit. Nehmt euch vor allem zu Hause die Zeit, die ihr braucht, um in eurem neuen Alltag anzukommen. Dabei hilft auch die Verlängerung des Mutterschutzes für Frühchen-Mamas auf mindestens 12 (statt 8) Wochen nach der Geburt. Und auch der Arbeitgeber des Vaters muss bei einer Frühgeburt flexibel in Sachen Elternzeit sein.

Warum kommen Kindern zu früh?

Meistens führen ein vorzeitiger Blasensprung oder verfrühte Wehen zu einer Frühgeburt. Was aber der Auslöser dafür war, ist ganz unterschiedlich. Oft kann im Nachhinein auch nicht eindeutig nachgewiesen werden, was die konkrete Ursache war. Hier die wichtigsten Risikofaktoren: 

  • Rauchen
  • Alkohol und anderen Drogen
  • schwere körperliche Arbeit
  • Stress, psychische Belastungen und Ängste, die den Körper empfänglicher für Infektionen machen
  • Übergewicht
  • Zahnfleischerkrankungen
  • Infektionen der Harnwege oder Geschlechtsorgane
  • sehr junge oder überdurchschnittlich alte Mutter
  • Gebärmutterfehlbildungen
  • chronische Erkrankungen
  • Präeklampsie
  • Diabetes
  • Störungen der Plazentafunktion
  • vorhergehende Frühgeburten
  • kurzer Abstand zur letzten Schwangerschaft
  • Mehrlingsschwangerschaften
  • Unregelmäßigkeit der Entwicklung des Kindes

Sex, Schwimmen und Flugreisen sind hingegen – wenn auch immer wieder behauptet – keine Auslöser für eine Frühgeburt. Es sei denn, dein Arzt hat dir etwas anderes geraten, weil du schon mal eine Frühgeburt hattest.

Kann man vorbeugen?

Wenn du in der Schwangerschaft auf Alkohol, Nikotin und Drogen verzichtest, dich gesund ernährst und bewegst, hast du schon viel dafür getan, dass deine Schwangerschaft einen normalen Verlauf nehmen wird. Bei den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen wird deine Ärztin /dein Arzt dich nochmals über die Risikofaktoren aufklären und dir zum Beispiel empfehlen, während der Schwangerschaft zum Zahnarzt zu gehen.Es ist auch möglich, dass du ein individuelles Beschäftigungsverbot bekommst, weil du körperlich zu schwer arbeitest.

Quellen:

Anne Bäuerle (2017): Weltfrühgeborenentag. Bei der Anzahl der Frühchen sieht Deutschland alt aus, in: aerztezeitung.de.

Auf der Website des Bundesverbands „Das frühgeborene Kind“ finden Betroffene  Musteranträge zur Kostenerstattungen besonderer Ausgaben für eure Krankenkasse.

Bundesministerium für Bildung und Forschung (2019): Frühgeborene Kinder mit Atemnotsyndrom wirkungsvoll behandeln, in: Newsletter 97.

Bundesverband „Das frühgeborene Kind e.V.“ (o.J.): Entwicklungsprognose frühgeborener Kinder, Informationsbroschüre.

Stiftung Kindergesundheit (2020): Immer bessere Chancen auch für sehr kleine Frühchen, Stiftung Kindergesundheit informiert über die beeindruckenden Erfolge der Neonatologie.

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