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Eine Mama trauert Wenn die Beziehung zum ersten Kind durch die Geburt des zweiten leidet

Eine Frau mit dunkelblonden Haaren lächelt in die Kamera
Unerwarteter Schmerz: Nach der Geburt des zweiten Kindes trauert Hanna (36) um die exklusive Beziehung zu ihrer ersten Tochter
© privat
Durch die Geburt eines Geschwisterkindes erleben viele Erstgeborenen den Schmerz, Mama und Papa nicht mehr nur für sich zu haben. Aber wie verkrafte ich es als Mutter, wenn sich die bis dahin exklusive Bindung zum ersten Kind verändert?

Krrrk. Ich frage mich, ob das Geräusch, mit dem mein Herz bricht, für alle hörbar ist. Es hat sich angekündigt, durch ein schmerzhaftes Ziehen nach meiner Rückkehr aus dem Krankenhaus. Immer wieder hat es sich leise bemerkbar gemacht, wenn ich dich angeschaut habe, nachdem du zur großen Schwester geworden bist. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es einfach wird, weder für dich noch für mich. Trotzdem ist es ein Schock für mich, als es passiert.

Ich hatte mich gut vorbereitet – dachte ich

Dabei habe ich mich so gut vorbereitet: Es gibt unzählige Bücher und Blogs über die sogenannte Entthronung der Erstgeborenen durch die Geburt eines Geschwisterkindes. Jede Menge Tipps, wie man sich als Familie darauf einstellen kann, dass deine kleine Welt explodieren wird. Ich habe die Zeit genutzt und mich schlau gemacht, während deine kleine Schwester in meinem Bauch herangewachsen ist: Wie bezieht man das erste Kind mit ein, wie federt man irgendwie den Schmerz ab, die Eltern plötzlich teilen zu müssen?

Manchmal hatte ich fast schon ein schlechtes Gewissen, noch ein Kind zu bekommen, so sehr rauschte mir der Kopf, wenn ich über Verlustängste und das Gefühl der Wertlosigkeit las.

Ich habe mir ausgemalt, wie ich uns Zeitinseln schaffen würde, in denen nur wir beide zusammen sind. Ich wollte dir das Gefühl geben, dass ich kein Stück weniger deine Mama bin, wenn deine Schwester da sein würde. Es würde schon werden, irgendwie.

Nichts und niemand hatte mich auf den eigenen Trennungsschmerz vorbereitet

Dann ist es soweit. Und ich muss feststellen: Trotz aller Lektüre hat mich nichts und niemand auf meinen Schmerz vorbereitet. Der trifft mich unvorbereitet, mit aller Wucht.

Deine kleine Schwester kommt gesund zur Welt, es fühlt sich einfacher an als beim ersten Mal. Ich weiß schon, wie Stillen geht, nichts fühlt sich mehr richtig fremd an. Ich bin verliebt. Auch der Babyblues, der mich damals wenige Tage nach deiner Geburt hart erwischt hat, bleibt aus. Ich bin glücklich.

Wir sind das erste Mal vier Nächte voneinander getrennt, aber es fällt mir nicht schwer, du bist gut aufgehoben bei deinem Papa und deinen Großeltern. Besuchen darfst du mich nicht, wegen Corona. Ich genieße die Zeit mit deiner Schwester, mache mich vertraut mit ihr, habe sie immer bei mir. Sie und ich sind wie in einer Blase, in der es vor allem uns gibt.

Einmal weine ich, als dein Vater uns besuchen kommt und mir ein Bild von dir zeigt. Telefonieren will ich nicht mit dir, aus Angst, dass du mich vermissen wirst und ich dann noch mehr weinen muss. Ich bin aufgeregt, als wir nach Hause dürfen.

Ich bin nicht mehr nur deine Mama

Die Wohnung ist noch leer, deine Großeltern sind mit dir unterwegs, damit wir in Ruhe ankommen können. Sie bringen dich kurz nach unserer Ankunft zurück. Ich bin so nervös, kann es jetzt fast nicht mehr erwarten, dich wieder zu sehen. Als du dann vor der Tür stehst, weine ich, schließe dich in meine Arme, weine noch mehr. Du kommst mir plötzlich sehr groß vor mit deinen drei Jahren. In diesem Moment wird mir das erste Mal wirklich bewusst, dass du jetzt nicht mehr mein einziges Kind bist. Ich bin nicht mehr nur deine Mama. Da kommt das Ziehen das erste Mal.

Du freust dich, bist gleichzeitig verunsichert, fragst, warum ich weine. Du willst das Baby sehen. Es ist das erste Mal, dass ich euch beide nebeneinander sehe, auf der Couch. Zwei Kinder.

Drei Jahre lang gab es vor allem dich und mich. Mit mir hast du am meisten Zeit verbracht. Ich habe dich getragen, gestillt, getröstet. So viele Dinge haben wir beide zum ersten Mal miteinander gemacht.

Du hast mich zum Schmelzen gebracht, in den Wahnsinn getrieben, ich habe gelacht und geweint deinetwegen. Du warst mir so vertraut. Ein Teil von mir. Bei jedem Streit, jedem Wutanfall hatte ich das Gefühl, dich immer irgendwie noch erreichen zu können. Ich konnte auch gut ohne dich sein, habe die Zeit allein genossen, wenn du mit deinem Papa oder deinen Großeltern unterwegs warst, und ich mir Stück für Stück ein wenig Unabhängigkeit zurückerobert habe. Ich habe immer diese Bindung gespürt.

Und jetzt ist da plötzlich etwas zwischen uns. Als wären wir nicht mehr ganz beieinander.

Es fühlt sich an wie Liebeskummer

In den folgenden Tagen kommt der Schmerz mit voller Wucht. Wenn du wütend bist und nicht umarmt werden willst. Wenn du dich nicht auf uns konzentrieren kannst in den Momenten, in denen ich uns Zeit zu zweit freigeschaufelt habe. Wenn du nach draußen gehst mit deinem Vater und ich mit deiner Schwester zuhause bleibe. Wenn er dich ins Bett bringt, dir deine Gutenacht-Geschichte vorliest, sich zu dir legt, bis du eingeschlafen bist.

Ich versuche, so viel wie möglich mit dir zu machen, dich auch ins Bett zu bringen, aber du bist unglaublich aufgedreht, weigerst dich, den Schlafanzug anzuziehen, brauchst eine Ewigkeit zum Einschlafen, und ich liege neben dir im Dunkeln und habe Angst, dass deine Schwester gleich weint und ich raus und mit Papa tauschen muss. Weil du dann die Arme um mich legst, mich festhältst und sagst: "Nein Mama, du sollst bei mir bleiben, du sollst nicht gehen."

Das ist der Moment, in dem es das erste Mal passiert: Mein Herz bricht. In den folgenden Tagen passiert es immer und immer wieder. Ich spüre deinen Schmerz und meinen Schmerz, die ganze Zeit. Es ist zu viel, denke ich, ich kann nicht mehr. Aber es hört nicht auf.

Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich. Ich will es dir irgendwie begreiflich machen, will, dass du spürst, dass es keine Worte gibt für das, was ich für dich empfinde.

Deine Schwester verschläft die Tage als warmes Bündel auf uns drauf. Wenn ich allein mit ihr bin, strahlt ihre Ruhe auf mich ab, ich lege die Füße hoch, spüre, wie sich ihr kleiner Körper hebt und senkt bei jedem Atemzug, und habe kein Problem damit, Stunden in dieser Haltung auf der Couch zu verbringen. Wir haben Glück mit dem Wetter, die Sonne scheint meist warm durchs Fenster.

In manchen Momenten aber bin ich unendlich traurig. Ich fühle mich wie nach einer Trennung, ich habe Liebeskummer. Auf der Suche nach Trost rede ich mit deinem Vater darüber, doch ich glaube, er versteht das Ausmaß dieses Gefühls nicht. Also google ich nach ähnlichen Erfahrungen. Ich tippe Wörter wie "Trauer, Sehnsucht, Mama, Baby, Geschwisterkind", aber alles, was ich finde, dreht sich nur wieder um deine Trauer, nicht um meine. Wie kann das sein?

Es wird nie mehr so sein, wie es vorher war

Irgendwann treffe ich unsere Nachbarin am Sandkasten, auch mit zwei Kindern. Mir kommen die Tränen, als ich ihr erzähle, wie es mir geht, neben der Freude darüber, dass deine kleine Schwester jetzt da ist. Sie nickt. Endlich.

Nach und nach höre ich von immer mehr Freundinnen, dass es ihnen ähnlich ergangen ist nach der Geburt des zweiten Kindes. Ich frage mich, warum mir vorher nie jemand davon erzählt hat. Noch hoffe ich, dass es eine Frage der Zeit ist, bis sich alles wieder einrenkt und so wird wie früher. Eine Freundin sagt mir aber leise, dass diese enge Bindung zum ersten Kind ihrer Erfahrung nach nie mehr so sein wird wie zuvor.

Und ich begreife langsam: Ich kann mir ein Bein ausreißen, versuchen, mich zweizuteilen, mich selbst ganz hintenanstellen, um auch für dich noch möglichst viel da zu sein, aber ich kann es nicht verhindern – wir haben uns ein klitzekleines Stück voneinander gelöst. Ich werde das mit uns, so wie es war, nicht zurückbekommen. Und auch wenn sich die Wogen geglättet haben, wenn wir uns etwas eingelebt haben zu viert, es wird nicht mehr so sein, wie es vorher war.

Ich kann nur versuchen, dir zu helfen, mit deiner Traurigkeit fertigzuwerden, und abwarten, bis meine auch ein bisschen leiser wird und Platz macht für etwas Neues.

Die Autorin: Hanna (36) lebt mit Mann und Kindern im Schwarzwald. Eigentlich ist sie Naturwissenschaftlerin, ihr Herz schlägt jedoch fürs Schreiben.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Brigitte.de


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