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Urvertrauen: So schenkst du deinem Baby die Basis für ein glückliches Leben

Die Welt ist gut und ich bin liebenswert: Wenn dein Kind davon überzeugt ist, dann ist die stabile Basis für ein glückliches Leben gelegt. Das Urvertrauen ist da. Aber wie entsteht es? Und was könnt ihr tun, um es aktiv zu stärken?

Baby und Vater schlafen im Bett
iStock, Anchiy
Auf einen Blick
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  • Unter Urvertrauen versteht man eine positive Grundeinstellung des Menschen zu anderen und seiner Umwelt.
  • Urvertrauen entsteht durch positive Erfahrungen in der frühen Kindheit.
  • Die meisten Eltern tun instinktiv das Richtige, um das Urvertrauen ihres Babys zu stärken: Sie schenken verlässlich Liebe, Fürsorge und Geborgenheit.
  • Körper- und Hautkontakt, Bewegung und Rituale tragen ebenfalls dazu bei.
  • Auch nach einer schweren Geburt oder einem Kaiserschnitt wird dein Baby Urvertrauen entwickeln.
  • Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung verhindern die Bildung eines stabilen Urvertrauens.

Liebe, viel Körperkontakt und Zuwendung, wenn das Kleine nach euch schreit: Die meisten Eltern machen ganz instinktiv alles richtig, um die Bindung zu ihrem Neugeborenen zu fördern und so die Entwicklung einer positiven Lebenseinstellung zu ermöglichen. Wenn das Baby diese Erfahrungen nicht macht, kann auch kein stabiles Urvertrauen entstehen.

Was ist Urvertrauen?

Urvertrauen ist das Grundvertrauen in andere Menschen und die Umwelt, das Kinder in den ersten Jahren durch positive Erfahrungen erwerben. Kinder, die ein stabiles Urvertrauen aufbauen konnten, entwickeln eine positive Einstellung zum Leben und vertrauen darauf, dass die Welt und das Leben grundsätzlich gut sind. Später entsteht aus dieser emotionalen Sicherheit auch ihr eigenes Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, liebevolle und stabile Beziehungen zu anderen Personen aufbauen zu können. Hat euer Kind ein sicheres Urvertrauen erworben, fühlt es:

  • Ich kann mich auf meine Eltern (oder andere Bezugspersonen) verlassen.
  • Die Welt ist gut.
  • Andere sind mir wohlgesonnen.

So fällt es leichter, Freunde zu finden und an die eigenen Fähigkeiten zu glauben. Selbst das Lernen ist für ein Kind mit stabilem Urvertrauen einfacher. Denn es muss sich nicht ständig voller Angst fragen, ob jemand gut für es sorgt. Auch wenn bereits kleine Kinder hier und da Erfahrungen machen, die den positiven Grundannahmen widersprechen, wird ein stabiles Urvertrauen dadurch nicht grundlegend erschüttert. Sie werden als Ausnahmen von der Regel eingestuft. Dass Papa den dreijährigen Paul heute zehn Minuten später von der Kita abholt, ist für ihn nicht wirklich schlimm. Denn sonst ist er ja immer pünktlich.

Wie entsteht Urvertrauen?

Im Grund ist es ganz einfach: Urvertrauen entsteht, wenn das Neugeborene von Mama und Papa – oder einer anderen Bezugsperson – verlässlich das bekommt, was es braucht in seinem kleinen Leben. Nahrung, Liebe, Wärme, körperliche Nähe und Zuwendung. Mit jedem Streicheln, jedem Füttern, jedem Lächeln und jedem Windelwechseln lernt das Baby: Ihr kümmert euch um mich und habt mich lieb. Reagiert ihr immer wieder verlässlich auf sein Schreien und findet mit der Zeit immer besser heraus, ob gerade Hunger oder Bauchschmerzen der Auslöser ist, spürt euer Nachwuchs: Auf die kann ich mich verlassen!

Die Entstehung eines basalen Vertrauens in die Umwelt beginnt direkt nach der Geburt und wird durch das Bonding begünstigt. Die Entstehung dieses engen Bands zwischen Eltern und Neugeborenem wird auch durch die Ausschüttung von Oxytocin unterstützt. Mutter und Baby sind durch dieses Bindungs- und Liebeshormon in den ersten Lebensstunden auch körperlich auf den Bonding-Prozess eingestimmt und nehmen den anderen mit allen Sinnen besonders intensiv wahr.

Ein starkes Urvertrauen entwickelt sich aber nicht in wenigen Tagen. Psychologen und Hirnforscher gehen davon aus, dass das erste Lebensjahr die entscheidende Zeitspanne ist. Aber auch im Kita- und Grundschulalter könnt ihr das Vertrauen eurer Kinder in seine Welt weiter fördern. Erleben sie eine liebevolle und sichere Beziehung zu ihren Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen, haben sie es viel leichter, anderen und sich selbst zu vertrauen – ein Leben lang.

So gerüstet, können sie dann auch negative Erfahrungen verkraften und Krisen besser meistern. Denn natürlich werden eure Kleinen irgendwann die Erfahrung machen, dass man sich zwar hundertprozentig auf Mama, Papa, Oma und Opa verlassen kann, aber nicht immer auf die Erzieherin, die auch mal im Urlaub ist oder vielleicht die Kita wechselt. Oder sie werden erleben, dass das Abendessen mal später fertig ist als gewohnt. Bei einem unsicher gebundenen Kind, das vielleicht die Erfahrung gemacht hat, dass es nicht zuverlässig gefüttert wurde, schrillen in einer solchen Situation alle Alarmglocken. Ein Kind mit einem gesunden Urvertrauen weiß, dass es etwas zu Essen geben wird. Nur heute eben etwas später.

Wie könnt ihr die Bildung von Urvertrauen unterstützen?

Neugeborerens schaut seiner Mutter in die Augen
iStock, Enzo Nguyen@Tercer Ojo Photography

Ihr fragt euch, wie ihr euer Baby bei der Entwicklung eines stabilen Urvertrauens unterstützen könnt? Folgt einfach eurem Herzen und eurem Bauchgefühl. Dann macht ihr beim Anblick eures Neugeborenen ganz instinktiv alles richtig. Versucht, seine Bedürfnisse verlässlich und liebevoll zugewandt zu stillen. Und zwar immer dann, wenn es sie lautstark einfordert und nicht, wenn zweifelhafte Schlafratgeber oder Still-Apps das für nötig halten. Wird auf sein Weinen in den ersten Monaten immer prompt reagiert, entwickelt sich euer Neugeborenes zu einem zufriedenen Baby, das Vertrauen in seine ihm zugewandte Umwelt und keine Angst davor hat, Neues zu entdecken. Ein Schlaf-Wach-Rhythmus stellt sich dann von ganz alleine ein.

Wenn ihr an die folgenden Punkte einen Haken machen könnt, gebt ihr eurem Schatz ein solides Urvertrauen mit auf seinen Lebensweg. Eines der wichtigsten Geschenke, das ihr eurem Lieblingsmenschen machen könnt.

Mit unseren 10 Tipps stärkt ihr Bindung und fördert Urvertrauen:

  1. Nehmt euch Zeit für Hautkontakt (Legt euch euer Kleines nackt auf euren Körper und genießt die Nähe und Wärme – das können auch Papis!)
  2. Pflegt Körperkontakt auch im Alltag (drücken, kuscheln, schmusen, streicheln, auf den Arm nehmen, Babymassage etc.). Euer Baby muss sich an die neue Umgebung außerhalb der Gebärmutter erst anpassen. Mit liebevollen Streicheleinheiten könnt ihr ihm dabei helfen.
  3. Reagiert prompt auf sein Weinen und Schreien.
  4. Nehmt euch Zeit und Ruhe zum Stillen oder Fläschchen geben.
  5. Lobt es und zeig ihm, dass ihr stolz auf es seid (“Das hast du toll gemacht!“).
  6. Schaut eurem Kleinen in die Augen und lächelt es an.
  7. Redet mit ihm und sagt ihm, dass ihr es liebhabt.
  8. Schafft Rituale am Morgen und beim ins Bett bringen (Singt ihm etwas vor, lest eine Geschichte oder nehmt Fingerspiele mit ins Ritual auf).
  9. Lasst euer Neugeborenes in eurem Zimmer schlafen (evtl. in einem Beistellbett).
  10. Bewegt euch zusammen (Tanzen, Flugzeug spielen, Hoppe-Reiter-Spielen etc.) und habt Spaß.

Urvertrauen trotz Kaiserschnitt oder einer schweren Geburt?

Jede Schwangere wünscht sich eine Geburt, die für beide möglichst leicht über die Bühne geht. Und natürlich ist es wunderbar, wenn die Mutter ihr Neugeborenes direkt auf die nackte Brust gelegt bekommen kann und der vertraute Herzschlag und die Wärme der Mutter dem Baby helfen, sich an die neue Umwelt anzupassen.

Aber das Leben ist nicht immer ein Wunschkonzert und es hat auch Geburten im Repertoire, bei denen ein Kaiserschnitt notwendig wird oder solche, nach denen die Mutter zu erschöpft ist, um ihr Neugeborenes zu halten oder zu stillen. Und dann? Die gute Nachricht lautet: Eine sichere Bindung und Urvertrauen sind auch dann nicht in Gefahr, wenn der Start ins Leben nicht ganz reibungslos verläuft. Die vielen Stunden, die die junge Familie in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten gemeinsam verbringen werden, sind ebenso entscheidend für eine stabile Eltern-Kind-Bindung.

Kuscheleinheiten mit nackter Haut könnt ihr auch später noch täglich einlegen. Und wenn Mama diesen Part nach einem Kaiserschnitt noch nicht übernehmen kann, dann ist ja Papa da, der das Neugeborene auf die nackte Brust gelegt bekommt. Das ist besonders für Frühchen wichtig, die ganz viel Körperkontakt brauchen, um den frühen Start des Lebens unbeschadet zu überstehen.

Was stört die Entwicklung von Urvertrauen?

Macht euch keine Sorgen, wenn ihr nicht dauernd die Vorzeigereltern seid, die ihr gern sein würdet. Keiner ist perfekt. Erst recht nicht Eltern, die vielleicht ein Schreikind haben, sich Sorgen um ihre finanzielle Situation machen müssen oder einfach nur so unglaublich müde sind. Das Vertrauen eures Kindes in euch wird nicht zerstört, wenn es einmal länger schreien musste, als es das sonst gewohnt ist, oder ihr einfach nicht wisst, warum es gerade wieder weint. Ist das stabile Fundament einmal gelegt, wird es nicht so leicht erschüttert.

Anders sieht es aus, wenn Neugeborene von Anfang an nicht gut versorgt werden oder sie keine verlässliche Bindung zu einer Bezugsperson herstellen dürfen. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Entweder sind Mutter und Vater nicht fähig, sich gut um einen Säugling zu kümmern (z.B. aufgrund einer Wochenbettdepression) oder sie sind nicht da, weil sie krank oder weggegangen sind oder das neue Familienmitglied gar ablehnen.
Ob ein Baby, das in eine solche Situation gerät, dennoch ein grundlegendes Vertrauen herstellen kann, liegt dann daran, ob schnell ein anderer Mensch als neue feste Bezugsperson zur Verfügung steht. Das kann ein anderes Familienmitglied oder eine Pflege- oder Adoptivmutter sein. Bleibt dieser Mensch eine Konstante, stehen die Chancen auf ein starkes Urvertrauen nicht schlecht.

Störungen der Entwicklung sind aber auch in an sich stabilen Familienverhältnissen möglich. Werden die Bedürfnisse des Kindes nicht verlässlich gestillt, kann das weitreichende Folgen für das betroffene Kind haben. So ist es zum Beispiel schädlich für ein stabiles Urvertrauen, wenn Eltern ihr Baby von Anfang an bewusst schreien lassen, um ihm einen Schlafrhythmus anzutrainieren oder das Kind nicht zu trösten, um es gegenüber dem Leben abzuhärten.

Mögen einige diese Beispiele noch als Grauzone empfinden, verhindert natürlich jegliche Form von seelischem und körperlichem Missbrauch, Vernachlässigung und mangelhafter Fürsorge (zu wenig Nahrung, keine angemessene Kleidung und Körperpflege), dass Kinder ihrer Umwelt noch vertrauen können.

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Wie äußert sich fehlendes Urvertrauen bei Kindern?

Menschen, die in der frühen Kindheit kein stabiles Urvertrauen entwickeln konnten, zeigen in der Folge ganz unterschiedliche Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften. Sie stehen anderen Menschen und dem Leben insgesamt misstrauisch gegenüber. Lieblosigkeit, Vernachlässigung, Ablehnung, sexueller Missbrauch, Misshandlungen oder eine sehr frühe Trennung von vertrauten Menschen haben sie gelehrt, dass es für sie keine Sicherheit gibt. Die Folgen: Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, neue Beziehungen einzugehen. Das kann sowohl für Freundschaften zu Gleichaltrigen als auch für Beziehungen zu neuen erwachsenen Bezugspersonen und spätere Partnerschaften gelten.
Ein unsicher gebundenes Kind misstraut nicht nur anderen, sondern auch sich selbst. Da die Erwachsenen es nicht wertschätzen und lieben, hat es auch nicht gelernt, sich selbst wertzuschätzen.

So kann sich fehlendes Urvertrauen zeigen: Der oder die Betroffene …

  • hat ein mangelndes Selbstvertrauen
  • leidet unter Depressionen oder anderen psychischen Störungen
  • ist unsicher
  • reagiert oft gereizt
  • ruht nicht in sich
  • ist pessimistisch
  • ist misstrauisch
  • hat Angst
  • gibt schnell auf
  • geht Konflikten aus dem Weg
  • meidet alles, was neu und unbekannt ist
  • hat kaum Freunde
  • kann schlecht mit Kritik umgehen

Fehlt das Urvertrauen, können diese Kinder auch mit Enttäuschungen und Rückschlägen schlecht umgehen. In der Psychologie spricht man von fehlender Resilienz. Sicher gebundene Kinder können Enttäuschungen grundsätzlich verkraften. Sowohl kleinere als auch größere Schicksalsschläge, die das Leben bereithalten mag. Unsicher gebundene Kinder haben diese Fähigkeit nicht entwickelt. Sie spüren in sich nicht die innere Kraft, eine Niederlage überwinden zu können und leben in ständiger Unsicherheit und Angst.
Urvertrauen kann sich nicht entwickeln, wenn die Eltern oder nahe Bezugspersonen das Kind gefühlsmäßig ablehnen, vernachlässigen oder misshandeln.

Kann fehlendes Urvertrauen später noch aufgebaut werden?

Stellt ihr schon in den ersten Lebenswochen fest, dass ihr das Gefühl habt, eurem Baby nicht genug Liebe, Nähe oder Fürsorge geben zu können, braucht ihr Hilfe. Scheut euch nicht, darum zu bitten. Ihr helft eurem Schatz am besten, wenn ihr euch professionelle Unterstützung sucht. Dass Mütter Schwierigkeiten haben, ein emotionales Band zu ihrem Neugeborenen zu knüpfen, kann viele Ursachen haben (Stress, Trauer, Trennung, schwierige Beziehung in der eigenen Familie). Oft steckt auch eine Wochenbettdepression (Postnatale Depression) hinter einer Bindungsstörung. Wenn ihr schnell handelt, wird der etwas mühsame Start aber in der Regel keine bleibenden Schäden verursachen. Mit Hilfe des Partners, deiner Hebamme, des Klinikpersonals oder eures Kinderarztes werdet ihr einen guten Weg finden, eurem Kind das gute Gefühl zu geben, dass es stets umsorgt, geliebt und sicher ist.
Bei kleinen Kindern, die lange Zeit in einer emotionalen und sogar körperlichen Mangelsituation leben mussten, stehen die Chancen sehr viel schlechter. Allerdings kann niemand in einen anderen hineinsehen. Letztlich ist es auch für erfahrene Kinderpsychologen schwer zu beurteilen, wie viel oder wenig Urvertrauen angelegt ist. Es gibt immer wieder Fälle von vernachlässigten Kindern, die in einer neuen Umgebung förmlich aufblühen und zeigen, dass sie über ein erstaunliches Maß an Widerstandskraft verfügen und bereit sind, dem Guten in der Welt eine zweite Chance geben.
Wichtig ist, dass man als Bezugsperson an die Möglichkeit glaubt, aktiv helfen zu können. Denn auch wenn keine vollständige Heilung möglich ist, könnt ihr einiges tun, um das Selbstwertgefühl und die Lebensfreude des Kindes zu stärken und ihm so in jedem Fall eine bessere Zukunft schenken.

Tipps für die Stärkung des Urvertrauens von Kindern

  1. Zuverlässig da sein und viel Zeit miteinander verbringen.
  2. Geborgenheit schenken.
  3. Viel körperliche Nähe herstellen (Kuscheln, halten, streicheln, bei Babys: Bonding).
  4. Eine positive Atmosphäre schaffen.
  5. Mahlzeiten zu liebevollen Ritualen machen.
  6. Dem Kind sagen, dass man es liebhat.
  7. Sagen, dass man stolz auf es ist.
  8. Es mit allen seinen Eigenarten wertschätzen.
  9. Es ernst nehmen in seinem Wesen und seiner Meinung.
  10. Gemeinsame Erinnerungen schaffen (Gemeinsamer Sport, Ausflüge, Kochen, Basteln, Lesen)

Verwendete Quellen

Erikson, Erik H (1970): Jugend und Krise. Die Psychodynamik im sozialen Wandel, Stuttgart, Klett.
Goddemeier, Christof (2015): John Bowlby: Pionier der Bindungsforschung, Deutsches Ärzteblatt, PP 10, S. 459 ff.
Renz-Polster, Herbert (2009): Kinder verstehen. Born to be wild – wie die Evolution unsere Kinder prägt, München, Kösel.
Wettig, Jürgen (2006): Eltern-Kind-Bindung: Kindheit bestimmt das Leben, Deutsches Ärzteblatt, Jg. 103, Heft 26, S. A2298 ff.