Krankenversicherung
 
Zusatzbeitrag - für viele Versicherte eine bittere Pille!

Die ersten gesetzlichen Krankenkassen haben die Einführung von Zusatzbeiträgen angekündigt. Der Grund: Sie kommen mit den Beiträgen der Versicherten nicht aus. Und die Regelungen des Gesundheitsfons erlauben ihnen dieses Vorgehen. Ob auch Ihre Krankenkasse mehr Geld von Ihnen will, erfahren Sie hier.

Krankenversicherung und Zusatzbeitrag - das sollten Sie wissen:

Krankenversicherung: Zusatzbeitrag - für viele Versicherte eine bittere Pille!

Fast neun Millionen gesetzlich Versicherte müssen bereits in den kommenden Monaten Zusatzbeiträge an ihre Krankenkassen zahlen. Warum das so ist und welche Kasse tatsächlich mehr Geld von ihren Versicherten verlangen will, erfahren Sie hier - klicken Sie einfach auf den entsprechenden Link:

Warum erheben manche Krankenversicherungen jetzt einen Zusatzbeitrag?

Mit dem Gesundheitsfonds wurde ein einheitlicher Beitragssatz für alle gesetzlich Versicherten eingeführt - derzeit liegt er bei 14,9 Prozent. Die Beiträge fließen gemeinsam mit einem Steuerzuschuss in den Gesundheitsfonds und werden von dort aus an die Kassen verteilt - je nach Versichertenstruktur. Pro Kopf der Beitragszahler erhalten die Kassen eine Grundpauschale. Je nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand der Mitglieder wird Geld dazugerechnet oder abgezogen.

Kommt eine Kasse mit dem ihr zugewiesenen Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht aus, kann sie von ihren Mitgliedern einen Zusatzbeitrag erheben - aber eben nur von jenen, die selbst Beiträge zahlen. Wer über Partner oder Eltern mitversichert (alsofamilienversichert) ist, zählt zwar zu den Versicherten einer Kasse, nicht aber zu den Mitgliedern oder Beitragszahlern.

Wie hoch wird der Zusatzbeitrag ausfallen?

Die Kassen haben zwei Möglichkeiten: Entweder sie verlangen von allen Mitgliedern den gleichen Zusatzbeitrag in Form einer Pauschale - diese darf acht Euro monatlich jedoch nicht überschreiten. Oder sie berechnen den Zusatzbeitrag einkommensabhängig - dafür müssen sie das Einkommen ihrer Mitglieder überprüfen. Auf diesem Weg dürfen die Versicherer maximal ein Prozent des Bruttoeinkommens als Zusatzbeitrag verlangen.

Die ersten Kassen, die nun Zusatzbeiträge angekündigt haben, wollen überwiegend Pauschalbeträge einziehen und dabei auch die Obergrenze von acht Euro ausreizen. Die Einkommensprüfung sei bürokratisch zu aufwändig, argumentieren sie. Selbst der einfachere Weg über die Pauschale verursache hohe Kosten. Kassenvertreter rechnen damit, dass ihnen von acht Euro Zusatzbeitrag lediglich fünf bis sechs Euro bleiben. Der Rest fließe in den Verwaltungsakt.

Welche Krankenversicherung will den Zusatzbeitrag erheben?

Acht gesetzliche Krankenkassen haben die Einführung von Zusatzbeiträgen angekündigt. Darunter ist eine der größten deutschen Kassen, die DAK mit 6,4 Millionen Versicherten:

  • DAK: 6,4 Mio. Versicherte (4,9 Mio. Beitragszahler), Zusatzbeiträge vermutlich ab 1. Februar, pauschal acht Euro
  • KKH Allianz: rund 2 Mio. Versicherte (1,5 Mio. Beitragszahler), Zusatzbeiträge vermutlich im Laufe des ersten Halbjahres, pauschal acht Euro
  • BKK Gesundheit: 1,4 Mio. Versicherte (1 Mio. Beitragszahler), Zusatzbeiträge vermutlich ab 1. Februar oder 1. März, pauschal acht Euro
  • Deutsche BKK: rund 1 Mio. Versicherte (750 000 Beitragszahler), Einführungsdatum und Höhe der Zusatzbeiträge noch unklar
  • Novitas BKK: 340.000 Versicherte (245.000 Beitragszahler), Zusatzbeiträge nicht im ersten Quartal, genaues Einführungsdatum und Höhe noch unklar
  • BKK für Heilberufe: 245.000 Versicherte (170.000 Beitragszahler), Einführungsdatum und Höhe der Zusatzbeiträge noch unklar
  • ktp BKK: 130.000 Versicherte (105.000 Beitragszahler), Zusatzbeiträge vermutlich ab 1. April, pauschal acht Euro
  • BKK Westfalen-Lippe: rund 30.000 Versicherte (22.000 Beitragszahler), usatzbeiträge vermutlich ab 1. Februar, mehr als acht Euro (nach Einkommensprüfung)

Die Kassenchefs rechtfertigten den Schritt mit der wachsenden Finanzlücke in der gesetzlichen Krankenversicherung. Die endgültigen Beschlüsse der Verwaltungsräte stehen allerdings noch aus, die Pläne stehen also noch unter Vorbehalt.

(Quellen: Versichertenzahlen auf ddp-Anfrage; Angaben zu Zusatzbeiträgen von Kassenvertretern in Berlin)

Kann ich mich als Versicherter gegen den Zusatzbeitrag wehren?

Wenn eine Kasse Zusatzbeiträge einführt, haben die Mitglieder die Möglichkeit, zu einem anderen Versicherer zu wechseln. Dazu gilt ein Sonderkündigungsrecht von zwei Monaten. Die Details: Die Kasse muss mindestens vier Wochen, bevor der Zusatzbeitrag zum ersten Mal fällig ist, über dies Sonderkündigungsrecht informieren. Der Versicherte wiederum muss bis zu diesem Fälligkeitsdatum seine Kündigung bei der Kasse einreichen. Dann bleibt er noch zwei volle Monate bei dem Versicherer und kann anschließend wechseln.

Ein Beispiel: Die Kasse führt zum 1. Februar einen Zusatzbeitrag ein. Das Geld muss am 1. März erstmals gezahlt werden. Bis zu diesem Datum hat der Versicherer Zeit, seine Kündigung einzureichen. Den März und April über bleibt er noch bei seiner alten Kasse und kann ab 1. Mai zu einem neuen Versicherer wechseln.

Gibt es auch Krankenkassen, die mit dem Geld auskommen?

Neben der Option, Zusatzbeiträge zu erheben, haben Kassen grundsätzlich auch die Möglichkeit, ihren Mitgliedern Geld zurückzuzahlen, wenn sie Überschüsse erwirtschaften. Dies hat aber offenbar nur eine Minderheit der Versicherer vor. Nach einer Umfrage des Magazins "Focus" wollen zehn Kassen ihren Mitgliedern für dieses Jahr eine solche Prämie auszahlen - in Höhe von 25 bis 180 Euro pro Beitragszahler und Jahr. Die Mehrheit der rund 160 gesetzlichen Versicherer wird nach Brancheneinschätzung dagegen Extra-Kosten einführen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen geht davon aus, dass bis zum Jahresende und "spätestens im nächsten Jahr" schließlich auf alle gesetzlich Versicherten Zusatzbeiträge zukommen.

Wie reagieren Politik und Verbände auf den Zusatzbeitrag?

Die SPD machte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) für die Entwicklung verantwortlich. Er tue nichts dafür, Zusatzbeiträge zu vermeiden, sondern bereite so das Feld für die Kopfpauschale, sagte SPD-Vize Manuela Schwesig. Auch CSU-Chef Horst Seehofer sieht Rösler gefragt. Es müsse etwas gegen den Ausgabenanstieg im Gesundheitswesen unternommen werden, sagte Seehofer und betonte, ihm gefalle dieses "Flüchten in Beitragserhöhungen" nicht.

Die Linke-Gesundheitspolitikerin Martina Bunge kritisierte die Mehrbelastung der Versicherten als "unsozial". Grünen-Chefin Claudia Roth kritisierte, acht Euro monatlich seien für Rentner und Alleinerziehende viel Geld. Der Paritätische Wohlfahrtsverband forderte, Geringverdiener von den Zusatzbeiträgen zu befreien.

Die Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten nahm die Kassen dagegen in Schutz. Verbandschef Wolfram-Arnim Candidus sagte, Beitragssteigerungen seien nicht vermeidbar. Andernfalls komme es dazu, "dass rationiert wird - nicht offen, sondern verdeckt". Das müsse man auch den Bürgern klar machen.