Familie und Beruf
 
In der Krise lieber keine Vätermonate nehmen?

Familie und Beruf unter einen Hut bringen - das ist auch heute nicht leicht. Dabei haben in den vergangenen Jahren immer mehr Unternehmen erkannt, wie gut das Schlagwort "Familienfreundlichkeit" für ihr Image ist. Macht die Wirtschaftskrise diese Bemühungen jetzt zunichte? Ein Gespräch mit Randolf Rodenstock, Unternehmer und Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. (vbw).

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - auch für Unternehmen ein Thema

Familie und Beruf: In der Krise lieber keine Vätermonate nehmen?

Die weltweite Wirtschaftskrise lässt auch in Deutschland viele Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten. Tatsächlich werden in vielen Unternehmen ausgeschiedene Mitarbeiter nicht mehr ersetzt, befristete Verträge nicht mehr verlängert oder gar tatsächlich Entlassungen ausgesprochen. Für die verbliebenen Angestellten heißt das meist: mehr Arbeit auf weniger Schultern. Keine guten Zeiten, um Vätermonate zu nehmen oder um der Familie willen Teilzeit zu arbeiten, oder?

"Doch" - das sagen erstaunlicher Weise sogar die Unternehmer. Denn die haben bereits den in wenigen Jahren drohenden Fachkräftemangel im Auge. Und weil sich auch bei ihnen mittlerweile herumgesprochen hat, dass gerade für gut qualifizierte Männer und Frauen das familienfreundliche Image eines Unternehmens durchaus ein Argument dafür ist, eine Stelle anzunehmen.

So haben beispielsweise die vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. und die Arbeitgeberverbände VBM und BayME zusammen mit dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen und den Bayerischen Metallarbeitgebern das Projekt "eff - effizient familienbewusst führen" gestartet. Ziel ist es, Führungskräften mit vielen praktischen Tipps zu zeigen, welche familienfreundlichen Maßnahmen es gibt und wie sie diese in ihrem Unternehmen umsetzen können. In dem dazugehörigen Internetportal (www.eff-portal.de) finden Sie dazu Termine von Workshops und Seminaren, eine individuelle Beratung sowie verschiedene Tools, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Mitarbeiter erleichtern.

Warum ein solches Portal für Führungskräfte nötig ist und weshalb die Umsetzung familienfreundlicher Maßnahmen manchmal nicht ganz so einfach ist, wie Chefs und Angestellte sich das wünschen, darüber sprach Eltern.de mit einem, der es wissen muss: Randolf Rodenstock ist Präsident der vbw sowie der Metall-Arbeitgeberverbände VBM und BayME. Außerdem fungiert er als Vizepräsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und als Mitglied des Präsidiums des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Von 1990 bis 2003 war der studierte Physiker Geschäftsführer der Rodenstock GmbH. Heute sitzt er im Aufsichtsrat des Brillenherstellers.

Randolf Rodenstock über Familienfreundlichkeit in Unternehmen

Randolf Rodenstock
Randolf Rodenstock

Herr Rodenstock, werden familienfreundliche Maßnahmen angesichts von Entlassungen und Firmenpleiten im Moment für viele Unternehmen zum Luxus?
Überhaupt nicht! Familienfreundliche Maßnahmen muss man als mittel- und langfristige Investitionen betrachten. Die kann man auch nicht einfach an- oder ausschalten.

Aber warum sollten Unternehmen auch in Krisenzeiten in diesen Bereich investieren?
Dafür gibt es sowohl betriebswirtschaftliche als auch gesellschaftspolitische Gründe. Wir alle wissen, dass uns in wenigen Jahren ein gravierender Fachkräftemangel erwartet. Und wird einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden verursachen. Umso wichtiger wird es für die Unternehmen in Zukunft sein, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Die Familienfreundlichkeit einer Firma ist dabei ein wichtiges Kriterium: Studien haben ergeben, dass viele Arbeitnehmer sogar schon mal ihren Job gewechselt haben, weil sie mit der neuen Stelle Familie und Beruf besser vereinbaren können - das war mir früher so übrigens auch nicht bewusst. Außerdem sind die Angestellten in familienfreundlichen Unternehmen motivierter.

Mit der Schwierigkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren, kämpfen Arbeitnehmer aber schon lange. Haben die Arbeitgeber diesen Bedarf lange verschlafen?
Ich würde nicht sagen, dass wir dieses Thema verschlafen haben. Die vbw etwa beschäftigt sich bereits seit der Jahrtausendwende intensiv mit diesem Thema. Wir haben sogar schon Pilotprojekte zur Kinderbetreuung gefördert, als Krippen und Ganztagsschulen in der Politik noch tabu waren. Außerdem haben wir zusammen mit der katholischen Kirche einen Handlungsleitfaden zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf herausgegeben. Mittlerweile sind in 95 Prozent der bayerischen Unternehmen familienfreundliche Maßnahmen etabliert – von der Teilzeit über Home Office bis zu verschiedensten weiteren Mitteln. Bundesweit dürfte das Verhältnis ähnlich sein. Richtig aber ist, dass noch nicht bei allen Firmen das Bewusstsein für die Notwendigkeit solcher Maßnahmen gleich stark ausgeprägt ist. Da besteht durchaus noch Handlungsbedarf.

Woran hapert es denn bei diesen Unternehmen?
Sie müssen sehen, wer solche familienfreundlichen Maßnahmen umsetzen muss: Das sind in der Regel die mittleren Führungskräfte. Die haben dabei oft eine sehr undankbare Rolle, denn die Organisation solcher Maßnahmen verlangt nicht nur viel Kreativität, sondern auch einen hohen Aufwand – sie bringt also zusätzliche Arbeitsbelastung mit sich. Zum zunehmenden Alltagsstress bekommt diese Führungskraft dann bei der Umsetzung Druck von oben und unten - vom Chef genauso wie von den Angestellten. Deswegen ist es natürlich empfehlenswert, wenn klare Impulse von oben kommen. Dafür setzen wir uns als vbw ja auch ein. Und um diesen Führungskräften unter die Arme zu greifen, bieten wir deshalb mit dem eff-Portal neben der individuellen Beratung auch viele Lösungsansätze.

Und vor welchen Hürden stehen solche Führungskräfte konkret?
Alleine schon die Umorganisation der Arbeit, wenn eine Mitarbeiterin in Elternzeit geht oder künftig Teilzeit arbeitet. Aber auch alle weiteren familienfreundlichen Maßnahmen, etwa Wiedereinstiegsprogramme, erfordern einfach viel Engagement von der dafür zuständigen Führungskraft. Leider muss man sagen, dass bei vielen dieser Maßnahmen auch einiges an bürokratischen Hürden überwunden werden muss, etwa bei der Einrichtung von Betriebskindergärten. Das ist bedauerlich- zumal zahlreiche Unternehmen gerne einen Beitrag zum Ausbau der Kinderbetreuung leisten. Aber wir müssen im Auge behalten, dass dies grundsätzlich immer noch eine Aufgabe des Staates ist.

Mit dem Elterngeld wurden von der Politik auch die so genannten Vätermonate eingeführt. Viele Männer haben aber nach wie vor Angst, ihre Karriere zu gefährden, wenn sie diese zwei Monate bei ihrem Kind bleiben oder gar eine längere Elternzeit nehmen. Müssten die Unternehmen nicht auch verstärkt darauf achten, auch Vätern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern?
Da bewegt sich ja schon etwas. Dabei handelt es sich aber nicht nur um ein Problem der Unternehmen, sondern auch der Gesellschaft. Deswegen brauchen wir einen Mentalitätswechsel. Denn grundsätzlich ist es natürlich nur empfehlenswert, dass sich Väter Zeit für ihre Kinder nehmen. Das gilt besonders für die Jungs: Viele haben auch deshalb Probleme in der Schule und in der Gesellschaft, weil ihnen ein männliches Vorbild fehlt. Wenn sie dann Probleme haben und keinen Schulabschluss oder keine Ausbildung schaffen, müssen angesichts des künftigen Fachkräftemangels die Alarmglocken läuten.

Aber woran liegt es denn, dass viele Mitarbeiter sich nicht trauen, ihre Rechte wahrzunehmen - oder gar nicht wissen, welche familienfreundlichen Maßnahmen ihr Arbeitgeber ihnen anbietet?
Da gibt es natürlich eine Bring- und eine Hol-Schuld: Die Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter über solche Maßnahmen informieren – aber die müssen sich auch die entsprechenden Informationen besorgen.

Welche familienfreundlichen Maßnahmen gibt es eigentlich bei Ihrer Firma, dem Brillenhersteller Rodenstock? Immerhin wurde das Unternehmen bislang nicht nach dem "audit beruf und familie" der Hertie-Stiftung zertifiziert ...
Ich bin ja mittlerweile nicht mehr ins Tagesgeschäft eingebunden. Aber natürlich gibt es dort die gängigen Maßnahmen wie flexible Arbeitszeitmodelle oder Home Office. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man mit Kreativität und vernünftigen Gesprächen immer zu einer Lösung kommt. Ich selbst zum Beispiel hatte vor Jahren eine Mitarbeiterin, die für die Optikerschulung zuständig war. Als die schwanger wurde, fürchtete ich, sie würde kündigen. Wir haben uns also zusammen gesetzt, miteinander geredet und so eine gute Lösung gefunden, die allen gerecht wurde: Sie bekam einen Home Office-Arbeitsplatz und konnte weiter für uns arbeiten.