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Beschneidung Aus diesen Gründen wird die Vorhaut entfernt

Für viele gehört die Beschneidung zum religiösen Leben. Für manche ist sie eine medizinische Notwendigkeit. Die Zirkumzision gehört zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen. Seit 2012 regelt sogar ein Bundesgesetz, unter welchen Umständen minderjährige Jungen aus nicht-medizinischen Gründen beschnitten werden dürfen. Wir erklären, warum eine Beschneidung vorgenommen wird.

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Beschneidung
Beschneidung
© Thinkstock / iStock

Die Beschneidung oder Zirkumzision – von lat. circumcidere für beschneiden, rings(um) abschneiden – gehört zu den häufigsten operativen Eingriffen an Männern. Jedes Jahr werden etwa 13 Millionen Jungen beschnitten. Bei der Operation wird die Vorhaut für gewöhnlich komplett entfernt, sodass die Eichel des Penis nach dem Eingriff vollständig freiliegt. Bei Erwachsenen geschieht dies unter lokaler Betäubung, bei Kindern in Vollnarkose. Für eine Beschneidung gibt es mehrere Gründe:

  • Aufgrund einer medizinischen Notwendigkeit, weil eine Phimose vorliegt, die nicht anders behandelt werden kann.
  • Aus religiösen Gründen oder aufgrund bestimmter Traditionsvorstellungen.
  • Als Vorsorgemaßnahme, um die Hygiene zu verbessern und die Übertragung von Geschlechtskrankheiten zu verringern.

Bei einer Phimose ist die Beschneidung aus medizinischen Gründen geboten

Lässt sich die Vorhaut nur sehr schwer oder gar nicht über die Eichel zurückziehen, ist dies oft das erste Anzeichen für eine Phimose.
 Bei Erwachsenen führt eine Vorhautverengung darüber hinaus oft zu einem Spannungsgefühl bei der Erektion, manchmal auch zu Einrissen in der Vorhaut mit anschließender Narbenbildung. Zu den Begleiterscheinungen gehört beispielsweise, dass sich die Vorhaut beim Wasserlassen aufbläht. Auch die Harnentleerung selbst kann erschwert sein, und der Harnstrahl sehr dünn sein oder abgelenkt werden. Andere Anzeichen sind häufige Entzündungen von Eichel und Vorhaut sowie weißliche Ablagerungen – beides Folgen der unzureichenden Säuberungsmöglichkeiten.
Sofortiger Handlungsbedarf besteht, wenn die Vorhautverengung zu einer Paraphimose führt. Diese kann entstehen, wenn die verengte Vorhaut gewaltsam über die Eichel zurückgezogen wird und nicht mehr darüber schieben lässt. Dieser Schnürring – auch Spanischer Kragen genannt – ist nicht nur schmerzhaft, sondern kann auch bei längerem Bestehen zu einer Unterversorgung der Eichel mit Blut führen. Dann droht die Eichel abzusterben.
Bei männlichen Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern ist es dagegen normal, dass sich die Vorhaut (noch) nicht zurückziehen lässt. Dieses Verkleben ist entwicklungsbedingt, die Schleimhäute von Eichel und Penis haften aneinander, um die Eichel vor Entzündungen zu schützen. Diese Verbindung löst sich normalerweise von allein.
Auch die kleinen Ansammlungen von Smegma – ein weißes Sekret – unter der Vorhaut sind normal. Durch die natürliche Reifung hebt sich die Vorhaut nach und nach selbstständig vom Penis ab. Dies passiert bei den meisten Jungen zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr, in seltenen Fällen dauert der Prozess bis zur Pubertät. Erst wenn sich dann die Vorhaut nicht vollständig über die Eichel bis zum Penisschaft zurückziehen lässt, sind medizinische Maßnahmen erforderlich.

Im Judentum ist die Beschneidung religiös verankert, im Islam ist sie ein wichtiges Ritual

Im Judentum und im Islam gehört die Bescheidung für die meisten Gläubigen untrennbar zur gelebten Religiosität. Für Juden ist die Zirkumzision nicht nur eine Tradition, sondern Teil ihres Glaubens. Grundlage bildet ein Abschnitt in einem Buch der hebräischen Bibel (Tanach), dem ersten Buch Mose, beziehungsweise der Genesis. Hier geht Gott einen Bund mit Abraham, dem ersten Stammvater der Juden, und all seinen Nachkommen ein. Sichtbares Zeichen des Gottesbundes ist die Beschneidung – sogar ihr Zeitpunkt ist biblisch festgelegt: „Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden in jeder eurer Generationen“ (Gen 17,12).
Auch unter Muslimen ist die männliche Beschneidung üblich. Zwar gibt es kein entsprechendes Gebot wie im Judentum, doch es sind mehrere Aussprüche des Propheten Mohammed überliefert, die die Zirkumzision zur religiösen Pflicht erklären. Die Beschneidung erfolgt bei muslimischen Jungen in der Regel zwischen dem 7. und 10. Lebensjahr und wird auch als Übergangsritual in die Adoleszenz verstanden. In dieser wird aus dem Jungen ein Mann, der neue Rechte und Pflichten auferlegt bekommt. Die Beschneidung wird in der Regel von einem Arzt durchgeführt, im Anschluss feiert die Familie ein großes Fest.
Im Jahr 2012 wurde das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) um eine Passage ergänzt, die die Beschneidung von minderjährigen Jungen aus religiösen oder rituellen Gründen regelt. Die Zirkumzision ist erlaubt, „wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll" (Abs. 1 §1631d BGB). Bei Säuglingen unter 6 Monaten darf auch ein entsprechend qualifizierter Beschneider, wie bei Juden üblich, die Zirkumzision vornehmen. Anlass der Regelung war ein Urteil des Landgerichts Köln, das die Beschneidung aus religiösen Gründen als Körperverletzung eingeschätzt hatte. Jüdische und muslimische Verbände protestierten vehement.

Die Beschneidung aus hygienischen Gründen ist unter Ärzten umstritten

Auch eine Verringerung der Infektionsgefahr wird häufig als Argument für die Zirkumzision vorgebracht. Auf den ersten Blick erscheint dies plausibel. So könnten sich unter der Vorhaut Krankheitskeime festsetzen, die dann entweder beim Mann selbst zu Infektionen oder gar Krebs führen oder beim Sex an die Partnerin oder den Partner übertragen werden können. Für Länder, in denen die Gefahr relativ hoch ist, sich mit dem HI-Virus zu infizieren, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO ausdrücklich die Beschneidung. In Ländern südlich der Sahara, etwa Botswana, Kenia oder Simbabwe, helfe die Beschneidung, die Übertragungsrate von AIDS um bis zu 70 Prozent zu reduzieren.
Während der US-Verband der Kinderärzte, die American Academy of Pediatrics, der WHO-Empfehlung folgt, raten europäische Kinderarzt-Verbände von einer generellen Beschneidung ab. Zum einen, weil die hygienischen Bedingungen hierzulande mit Ländern des östlichen und südlichen Afrikas nichtvergleichbar sind. Eine angemessene Körperpflege biete den gleichen Schutz wie eine Entfernung der Vorhaut. Zum anderen wies die US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) darauf hin, dass die Studien, die der WHO-Empfehlung zugrunde liegen, nicht eindeutig seien. „Es gibt keinen deutlichen Zusammenhang zwischen männlicher Beschneidung und HIV-Verbreitung“, so das Fazit der USAID.

Kinderarzt Dr. Hilmar Uhlig

Beschneidung bei Mädchen ist eine Genitalverstümmelung

Die Beschneidung der weiblichen Geschlechtsteile ist immer eine bewusste Verstümmelung von Mädchen und jungen Frauen. Sie ist in Deutschland verboten. Entfernt wird die Klitoris, manchmal zusammen mit den inneren, selten mit den äußeren Schamlippen. Das Ziel der Verstümmelung ist es, das weibliche Verlangen nach Sex zu unterbinden. Die Mädchen sind zum Zeitpunkt der Beschneidung zwischen 4 und 12 Jahre alt. Die Beschneidung wird selten von einem Arzt durchgeführt, auch werden die Frauen weder lokal betäubt oder narkotisiert. Zum Einsatz kommen scharfe Gegenstände aller Art: Glasscherben, Rasierklingen oder scharfkantige Steine. Daher treten häufig Wundinfektionen auf. Die beschnittenen Frauen leiden ihr Leben lang an den physischen und psychischen Folgen dieses Eingriffs.

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