Experten-Interview
 
Coronavirus und Kinder: Eure Fragen aktuell beantwortet

Wie gefährlich ist das Coronavirus für Kinder? Diese und viele andere Fragen habt ihr uns über Facebook, Instagram und unsere Foren geschickt. Hier antwortet Prof. Dr. Peter Höger, Chefarzt der Pädiatrie am Kath. Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg. (Stand 6. April 2020)

Prof. Dr. Höger
Kath. Kinderkrankenhaus Wilhelmstift

Wie gefährlich ist das Coronavirus für Kinder?

Zunächst möchte ich vorausschicken, dass jeder, der jetzt verbindliche Antworten auf alle Fragen zu diesem Thema gibt, sich outet als jemand, der mehr sagt, als er wissen kann. Ein Experte heute wird immer einer sein, der sagt: „Wir wissen ganz vieles noch nicht.“ Unser Wissen zu der Erkrankung, die vom Coronavirus SARS-CoV2 verursacht wird, entsteht erst jetzt. Das heißt: Alle Antworten gelten unter diesem Vorbehalt.
 
Zur Frage, wie gefährlich das Coronavirus für Kinder ist: Insgesamt betreffen 95 Prozent aller Fälle von Corona-Infektionen, die sich klinisch äußern, Menschen über 60.
Aber auch Kinder und Jugendliche können betroffen sein. Zwar ist das Virus für Kinder genauso ansteckend wie für Erwachsene, doch verläuft die Erkrankung bei Kindern offenbar häufiger asymptomatisch oder nur mit geringen Symptomen. Häufigste Symptome bei Kindern sind neben Husten und Fieber auch gastrointestinale Symptome (Durchfall, Erbrechen). Der Anteil schwerer Verläufe ist viel geringer, nur ganz vereinzelt wurde über Todesfälle berichtet. (Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind weniger als 10 Fälle weltweit bekannt) Der Verlauf bei Kindern ähnelt, soweit überhaupt Symptome auftreten, den vielen „banalen“ Virusinfektionen, die Kinder gerade in den ersten vier Lebensjahren haben, und die Ausdruck der Reifung ihres Immunsystems sind.

Bei welchen Vorerkrankungen gelten auch Kinder als Risikogruppe?

Man muss davon ausgehen, dass Kinder aus drei Risikogruppen besonders gefährdet sind für schwerere Verläufe:  1. Kinder mit schweren Lungenerkrankungen (wie die zystische Fibrose oder angeborene Lungenfehlbildungen) oder mit schweren angeborenen Herzerkrankungen. 2. Kinder mit angeborener oder erworbener Abwehrschwäche (also Kinder mit schweren, kombinierten Immundefekten oder knochenmarktransplantierte Kinder).  Die 3. Gruppe wären Kinder mit einem schlecht eingestellten Diabetes. Man weiß noch nicht genau, ob es da einen Zusammenhang gibt und wie der funktionieren könnte. Bei Erwachsenen scheint Diabetes (wie auch Hypertonus) ein Risikofaktor für schwere Covid-Verläufe zu sein. Aber: Ein Appell, einen Diabetes bei Kindern gut einzustellen, kann nicht verkehrt sein.

Was ist mit Frühchen?

“Extrem-Frühgeborene“ ( nach weniger als 28 Wochen Schwangerschaft geboren) oder „very low birthweight infants“ (Geburtsgewicht unter 1500 g) kämpfen, solange sie noch ganz klein sind, vermehrt mit respiratorischen Infekten. Insbesondere von RSV-Infektionen sind sie besonders betroffen. Solange solche Infektionen für sie kritisch sind, sind diese Kinder meist noch in der Klinik. Ein extrem früh Geborenes ist normalerweise so lange in der Klinik, bis es seinen errechneten Geburtstermin erreicht hat. Diese Gruppe sollten wir auch noch zu den Gefährdeten dazunehmen, ohne dass dazu bisher Zahlenangaben vorliegen. Wenn die ganz kleinen Frühgeborenen mit dem Coronavirus befallen würden, wäre das unglücklich. Die sollte man mit Sicherheit abschirmen.

Haben Kinder mit Asthma ein höheres Risiko auf einen schweren Verlauf?

Es gibt bisher keinen Hinweis darauf, dass Menschen mit Asthma bronchiale vermehrt an Coronavirus-Infektionen erkranken oder einen schwereren Verlauf haben.

Aber was, wenn ein Kind wegen des Asthmas regelmäßig mit Cortison behandelt wird?

Dafür gibt es eindeutige Stellungnahmen der kinderärztlichen Vereinigungen zur Behandlung von Asthma, dass die Asthmatherapie unbedingt weitergehen muss. Denn wenn man die Inhalation mit Cortison nicht fortführt, wird das Asthma mit oder ohne Virus schlimmer. Das ist zwar noch Spekulation, aber: Unter Umständen ist dann ein unbehandeltes schweres Asthma eine leichtere Beute für das Virus als ein gut eingestelltes Asthma.

Was ist mit Kindern, die schon einmal eine Lungenentzündung gehabt haben?

Wenn ein Kind einmal eine Lungenentzündung gehabt hat und die abgeklungen ist, dann ist das kein Grund anzunehmen, dass das Kind dauerhafte Schäden davongetragen hat.
Wenn allerdings ein Kind immer wieder echte Lungenentzündungen hat, dann könnte man sich so etwas vorstellen. Dann müsste man sich aber grundsätzlich überlegen, ob eine angeborene Erkrankung der Lunge oder eine Abwehrschwäche vorliegt.

Wenn Kleinkinder einen Infekt nach dem anderen haben oder dazu neigen, eine Bronchitis zu bekommen und da noch das Coronavirus draufkommt, ist es dann besonders gefährlich?

Nach allem, was wir wissen: nein – solange keine Grunderkrankung vorliegt.  

Könnte es nicht sein, dass schon viel mehr Kinder infiziert sind?

Ja, das ist sogar sehr wahrscheinlich. Da das Virus sich so rasch verbreitet und so ansteckend ist, ist anzunehmen, dass viel mehr Kinder infiziert sind, als wir bisher ahnen. Sie können (wie auch asymptomatisch infizierte Erwachsene) allerdings auch ohne Symptome ansteckend sein, das Virus also weitergeben. Wir planen hier in Hamburg an den Kinderkliniken eine Studie, die schon im April beginnen soll und die genau dieser Frage nachgehen soll: Wie viele Kinder, die äußerlich gesund sind, haben das Virus in sich oder haben gerade eine asymptomatische Infektion durchgemacht? Letzteres wird man dann durch Antikörpertests herausfinden können. Die Frage ist nämlich offen: Wie viele Kinder erkranken überhaupt? Die Hypothese ist: Die Zahl der Kinder, die die Krankheit schon durchgemacht haben, könnte viel höher sein, als wir ahnen. Das Ergebnis könnte untermauern, was wir schon annehmen: dass die Coronavirus-Infektion bei Kindern häufig auch ohne Symptome verläuft.

Wie ist das Risiko für Kinder, die etwa Pseudokrupp hatten oder oft an Bronchitis leiden?

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass hier das Risiko für einen schwereren Verlauf erhöht wäre.

Was ist mit Kindern, die früh eine RSV-Infektion durchgemacht haben?

Auch hier gibt es kein erhöhtes Risiko. Die große Problematik bei RSV-Infektionen kommt durch die Enge der sehr kleinen Atemwege zustande. Die Schleimhaut schwillt, dadurch ist ein Sauerstoffaustausch gefährdet bei den ganz kleinen Säuglingen, während das gleiche Virus bei uns Erwachsenen nicht mehr im Entferntesten so schwere Symptome auslöst. Je jünger ein Säugling ist, umso gefährlicher ist das RSV-Virus. Schon gegen Ende des ersten Lebensjahres nimmt diese Gefahr deutlich ab.

Sollen wir die U-Untersuchungen im ersten Lebensjahr weiter wahrnehmen?

Im Prinzip ja, allerdings kann sich durch den momentan großen Andrang der Zeitpunkt vielleicht etwas verschieben. Natürlich möchte man nicht mit vielen Kindern in einem Wartezimmer sitzen. Die U-Untersuchungen sind ja in den ersten Lebensmonaten deshalb so wichtig und so zahlreich, weil man damit alle möglichen anderen Erkrankungen oder Fehlentwicklungen frühzeitig erkennt. Die Untersuchungen ausfallen zu lassen oder für mehrere Monate zu verschieben, ist daher für Säuglinge und Kleinkinder in den ersten zwei bis drei Lebensjahren nicht sinnvoll. Mehr noch: Das kann sogar gefährlich sein, wenn man etwas, was bei den Untersuchungen abgecheckt wird, übersieht oder zu spät erkennt.

Kann sich unser Kind nicht auch beim Kinderarzt direkt anstecken?

Wenn der Kinderarzt und alle in der Praxis mit Patientenkontakt Masken tragen und Hände-Desinfektion betreiben, besteht keine Ansteckungsgefahr. Viele Praxen trennen die Sprechstunden für Kinder mit und ohne Zeichen von Atemwegsinfektionen, um das Risiko weiter zu verringern.

Machen Impfungen das Kind anfälliger für eine Ansteckung?

Das ist ein beliebtes Argument von Impfgegnern. Das Gegenteil ist der Fall! Mit einer Impfung wird unser Immunsystem nicht geschwächt, sondern gestärkt! Mit den Impf-Antigenen wird der Körper zur Bildung von Antikörpern und schützenden Zellen angeregt Das gleiche gilt natürlich für die Coronavirus-Impfung; verschiedenen Impfstoffe werden bereits erprobt. Die Impfung wird allerdings leider nicht mehr in diesem Jahr kommen, wenn wir realistisch sind. Also, unbedingt die planmäßigen Impfungen weiter wahrnehmen!

Es heißt, die Pneumokokken-Impfung sei jetzt besonders wichtig. Warum?

Wenn man eine Virusinfektion durchmacht, so leicht sie auch äußerlich ablaufen kann, dann machen sich Erreger, die normalerweise im Nasen-Rachen-Raum wohnen, die Vorschädigung der Schleimhäute durch die Viren zunutze. Zu diesen Bakterien gehören zum Beispiel Haemophilus influenzae  und Pneumokokken, zwei Bakterien, gegen die man schon im ersten Lebensjahr impft. Sie können bereits bei Säuglingen lebensgefährliche Erkrankungen hervorrufen, nämlich eitrige Gehirnhautentzündungen. Wenn Eltern aus falsch verstandener Vorsicht ihr Kind nicht impfen lassen, dann wird das Gegenteil erreicht: Das Immunsystem wird geschwächt, weil durch die virale Vorschädigung Eintrittspforten für diese Bakterien geschaffen werden und diese es viel leichter haben. Die genannten Bakterien gehören bei vielen Menschen, auch Eltern, auch Impfgegner, zur „normalen“ Flora des Nasen-Rachen-Raumes. Die Träger erkranken nicht selbst, können diese Bakterien aber an besonders empfindliche, weil ungeimpfte Säuglinge weitergeben, die dann erkranken. Diese Bakterien sind viel weiter verbreitet als die Coronaviren! Die Kinder nicht gegen diese Bakterien zu impfen hieße also, sie nicht gegen solche eitrigen Hirnhautentzündungen zu schützen, obwohl man es könnte. Also, unbedingt an die STIKO-Impfempfehlungen halten!

Kann ein Kinderarzt bei einer normalen Untersuchung ausschließen, dass ein Kind infiziert ist?

Ganz klar: Das kann er nicht. Und momentan liegen noch keine zuverlässigen Testverfahren vor, mit denen man feststellen kann, wer bereits immun gegen das Virus ist. Bei bestehender Immunität ist die Wahrscheinlichkeit, dass man jemanden anderen mit dem Coronavirus ansteckt, so gut wie null. Sobald diese Testverfahren vorliegen, wird man das Risiko, wer ansteckend ist und wer nicht, viel besser einschätzen können.

Muss ich aufhören zu stillen, wenn ich mich infiziert habe?

In der Muttermilch sind verschiedene immunologische Schutzfaktoren und Muttermilch ist optimal auf die Ernährungsbedürfnisse des Babys abgestimmt. Deshalb wird empfohlen, nach Möglichkeit während der ersten vier Lebensmonate voll zu stillen.
Wenn also die Mutter nachweislich infiziert ist und es ihr nicht schlecht geht, sollte sie unbedingt weiterstillen. Übrigens: Sie wird dann das Virus ohnehin schon einige Tage vor Auftreten der Symptome ausgeschieden haben. Das Baby wird also schon vorher Kontakt mit dem Virus gehabt haben. Trotzdem werden für eine erkrankte Mutter Mundschutz und sorgfältige Handhygiene empfohlen.
Wenn es der Mutter aufgrund der Erkrankung schwerfällt zu stillen, kann sie natürlich ohne schlechtes Gewissen abstillen. Es gibt viele gute Ersatznahrungen.

Was soll ich tun, wenn ich den Verdacht habe, dass mein Kind sich infiziert hat?

Eltern wenden sich am besten immer zuerst telefonisch an den Kinderarzt oder rufen die Nummer der Kassenärztlichen Vereinigungen an, 116 117. Dort bekommen sie weitere Informationen und Beratung.

Wir danken Prof. Dr. Peter Höger, Chefarzt der Pädiatrie am Kath. Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg, für dieses Gespräch.

Experten-Interview: Coronavirus und Kinder: Eure Fragen aktuell beantwortet

Dieser Beitrag ist Teil der Initiative GEMEINSAM GEGEN CORONA der Bertelsmann Content Alliance, zu der auch der Verlag Gruner + Jahr gehört, in dem ELTERN erscheint. Gemeinsam setzen wir ein Zeichen im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus.