Familienleben
 
Übernachtungsparty? Nicht mit mir!

Die Kinder unserer Autorin haben Pyjamapartys für sich entdeckt. Lisa Harmann ist dagegen – sie will einfach schlafen.

Pyjama-Partys
iStock, PeopleImages
„Tagsüber kann die halbe Klasse kommen, nachts reichen meine drei“

Mama, darf ich heute bei Anna übernachten? Die macht ’ne Pyjamaparty mit sieben Mädels.“ „Klar, darfst du“, antworte ich. Und wenn ich eine Comicfigur wäre, würde nun mein Hirn zu dampfen anfangen, und in der Gedankenblase über mir erschienen lauter Giftzeichen und explodierende Metallspiralen. Sieben elfjährige Mädels? Eine ganze Nacht? Die werden ja kein Auge zutun. Bei mir gäbe es so etwas nicht!

Um die Warnzeichen in meinem Kopf zu verstehen, muss man wissen, dass bei mir nach drei eigenen Kindern in zwei Jahren – darunter Zwillinge – ein mittelschweres Schlafmangel-Trauma aus den ersten Babyjahren übrig geblieben ist. Mein Schlaf ist mir heilig seit dieser Zeit, in der ich bis zu 18-mal pro Nacht geweckt wurde und irgendwann nicht mehr wusste, ob Tag oder Nacht war. Weil die Kinder keinen Unterschied machten. Und weil ich tags wie nachts so müde war, dass sich das ganze Gehirn so klebrig anfühlte wie Kaugummi.

Nun ist mein Schlaf eh ein ziemlich leichter. Ein fremdes Geräusch – und ich sitze hellwach im Bett. Mein Mann nannte mich einmal „Die Schlafheilige“, weil er in der Babyzeit so oft mit einem „Ach, die Nacht war aber gut“ erwachte und ich ihn dann mit einem „Ja, also bis auf die fünf Still-Unterbrechungen“ überraschte. Er glaubte irgendwann, ich schlafe gar nicht, sondern falle in eine Art Dämmerzustand, der mich bei jedem Geräusch wach werden und die Kinder beruhigen lässt. Dass ich das auch in der 425. Nacht noch so hinkriegte, dafür nannte er mich „heilig“. Ich würde es eher Mutterinstinkt nennen. Aber dieser ist eben auch heute noch besonders ausgeprägt.

Nachtgäste rauben mir den Schlaf

Müde Mama
iStock, Hirurg

Ich kann mich schon nicht entspannen, wenn wir nur ein Kind über Nacht zu Besuch haben. Ich schlafe schlecht, weil ich nicht weiß, ob das Besuchskind vielleicht Heimweh bekommt. Ob es nachts schlafwandelnd unsere Treppe runterfällt. Ob es Durst bekommt. Schließlich habe ich die Verantwortung! Ich habe also immer ein Ohr im Kinderzimmer, und das strengt mich an. Ich finde keine Ruhe. Das Problem bin eindeutig ich.

Die Vorstellung, mehr als ein weiteres Kind neben unseren eigenen dreien nachts bei uns im Haus zu haben, gar sieben, lässt mich wirklich erschaudern. Denn es gibt zwar dieses romantische Bild mehrerer Kinder auf Matratzen, die sich zusammen im Pyjama unter ihre Decken kuscheln, die Köpfe zusammenstecken und irgendwann allesamt selig schlafen. Doch in Wahrheit kichern sieben Mädels doch bis morgens um 3 und stehen dann um 7 wieder auf der Matte. Völlig übermüdet für die nächsten drei Tage.

Und wenn sie das nicht tun und wirklich um zehn Uhr einschlafen (hahaha!), dann erschließt sich mir der Sinn der Übernachtungsparty erst recht nicht. Dann schlafen sie doch! Da merkt man doch gar nicht, dass der Freund oder die Freundin zu Besuch ist!

Immer Sehnsucht nach Mama

Jemals ein Heimwehkind zu Gast gehabt? Entweder man tröstet durch die Nacht, wartet übermüdet auf die Abholung oder spielt im Pyjama Chauffeur

Vielleicht liegt mein Unverständnis auch einfach in der Tatsache begründet, dass ich selbst früher ein Heimweh-Kind war. Bis ich 13 war, wollte ich nicht woanders schlafen. Ich habe es immer wieder versucht, aber nicht geschafft. Ich verbinde mit Übernachtungspartys also nur die Sehnsucht nach meiner Mama – und kann deswegen auch einfach nicht so gut nachvollziehen, was so toll daran sein soll, in fremden Betten bei anderen Leuten zu schlafen. Dass ich mich schließlich mit 15 Jahren für ein Jahr in den Schüleraustausch ins Ausland verabschiedete – kein Heimweh mehr weit und breit –, zeigt mir nur, dass sich solche Angewohnheiten ändern können. Wer weiß, vielleicht spreche ich in zwei Jahren auch ganz anders über Übernachtungspartys bei uns im Haus? Ich schließe das nicht aus. Aber noch freue ich mich über Besuch nur tagsüber.

Da können gern sieben oder von mir aus auch 13 Kinder durch unser Haus und den Garten rennen. Ich setze meine Bedürfnisse oft und gern hinter die der Kinder, plane Dinge um, versuche, für alle möglichst viel zu ermöglichen. Aber nachts, da will ich meine Ruhe. Und da setze ich mich durch – auch wenn das die drei besten ­Freunde unserer neunjährigen Zwillinge unlängst schockierte. Sie hatten bei ihren Eltern schon eine Übernachtungsparty bei uns angekündigt und gesagt: „Die Lisa, die erlaubt ja sowieso immer alles.“ Als sie dann ein „Nein“ von mir hörten, konnten sie es nicht glauben. Wieso das denn?

Ich habe ihnen nicht erklärt, dass ich tagsüber nur so viel erlauben und geduldig sein kann, weil ich nachts meinen heiligen Schlaf bekomme. Ich habe mich einfach mit ihren Eltern kurzgeschlossen und war ganz ehrlich: Übernachtungspartys? Bei uns bitte nicht. Also machten wir ab, dass die Kinder bis zum Abend bei uns spielen würden – und dann als Nachtwanderung zum Haus der Freundin laufen. Ich würde sie begleiten und hätte nachts meine Ruhe. Die andere Mutter freute sich, denn „nachts schlafen sie ja eh“. Und ich freute mich erst recht, denn so bekam ich nach dem Actiontag meinen heiß ersehnten Schlaf.