Elternschule: Bitte nicht nachmachen!

Schon bevor der Film in die Kinos kam, sorgte er für Furore: Die Dokumentation „Elternschule“ erscheint vielen Müttern und Vätern wie eine Anleitung zur gewaltvollen Erziehung. Empört fordern sie einen Ausstrahlungs-Stopp. Zu Recht? ELTERN-Autorin Nora Imlau war bei der Filmpremiere in Dresden dabei. Und stellte fest: Ganz so einfach ist es nicht.

Elternschule: Bitte nicht nachmachen!
Nora Imlau/ELTERN
Inhalt: 
Keine Anleitung für den AlltagPersönlicher Kommentar von Nora ImlauKostenloses Elterntelefon

„Ein Ticket für die ‚Elternschule', bitte!“

Der Mann hinter der Kinokasse lacht. „Sehen Sie die Schlange da? Die stehen alle noch vor Ihnen auf der Warteliste. Die Vorstellung ist schon lange ausverkauft.“ Tatsächlich. Im Foyer das Dresdener Programmkino Ost stehen die Gäste dicht gedrängt: junge Mütter, eine Gruppe Erzieherinnen, Großelternpaare, eine Dame vom Kinderschutzbund. Sie alle sind gekommen, einen Dokumentarfilm zu sehen, der bereits bevor er in die Kinos kam die Gemüter erhitzte. Von der Süddeutschen Zeitung, der Zeit und dem Bayerischen Rundfunk zunächst ganz unkritisch als sehenswertes Lehrstück über gelingende Erziehung beschrieben, entwickelte sich der Film bald zu dem Aufreger schlechthin in den sozialen Netzwerken. Empört und schockiert über die im Film gezeigten Erziehungsmethoden formierte sich blitzschnell eine Protestbewegung, die schon bald die Facebookseite der „Elternschule“ in die Knie zwang: Nicht mehr in der Lage, die Kritik und die Vorwürfe zu moderieren, nahmen die Betreiber die Seite vom Netz. Menschen, die den Film vorab gesehen hatten, meldeten sich zu Wort: Im Film würden Druck, Zwang und Entbehrung als probate Erziehungsmethoden gezeigt. Waren es zunächst vor allem schockierte Eltern, die ihr Entsetzen über die „Elternschule“ zum Ausdruck brachten, meldeten sich bald auch Fachleute zu Wort. Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster schrieb von einer „unwürdigen Behandlung kleiner Kinder“ sowie von „Szenen, die eindeutig im Zusammenhang mit Kindeswohlgefährdung diskutiert werden müssen.“ Bindungsforscher Karl-Heiz Brisch schloss sich seiner Einschätzung auf Facebook unmittelbar an. Auch Mathias Voelchert von familylab äußerte die Befürchtung, mit den im Film gezeigten Verfahren so würden „Eltern-Kind-Beziehungen eher beschädigt als geheilt“. In der Süddeutschen Zeitung konnte man trotzdem lesen, die Protestierenden seien vorrangig dogmatische und ideologische „Attachment Parenting“-Anhänger, die eine offene Diskussion über Erziehung unterbinden wollten. Als Herbert Renz-Polster dann auf seinem Blog auch noch schrieb, ihm sei mit juristischen Konsequenzen gedroht worden, und kurz darauf seine beiden kritischen Artikel zur „Elternschule“ von seiner Homepage nahm, kannte die Empörung kein Halten mehr. An diesem Donnerstagabend hat eine Online-Petition, die das sofortige Ausstrahlungsende für die „Elternschule“ fordert, bereits über 10 000 Unterschriften zusammen.

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Spannungsgeladene Stimmung im Kinosaal

Entsprechend spannungsgeladen ist die Stimmung, als im Kinosaal schließlich das Licht ausgeht und der Film beginnt – mit einem Stück weißer Kreide auf einer grünen Tafel, mit der der Psychologe Dietmar Langer Eltern einen Crashkurs in kindlicher Entwicklung gibt: Kinder brauchen Bindung, um sich sicher zu fühlen. Raum zum Erkunden und zum Entdecken. Aber auch feste Grenzen, die ihnen Halt und Sicherheit geben. In den folgenden Szenen wird klar, dass bei den Familien, die ihm zuhören, genau auf diesem Weg irgendetwas ganz massiv schief gelaufen ist. Denn Langers Elternschulung ist Teil eines stationären Behandlungsprogramms für psychisch und oft auch körperlich schwer belastete Kinder und ihre Eltern, angesiedelt in einer Klinik für psychosomatische Pädiatrie in Gelsenkirchen.
 

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Oft liegt ein langer Leidensweg vor den Familien

Bereits kleine Sequenzen aus den Aufnahmegesprächen zeigen: Hierher kommen Familien, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Die einen langen Leidensweg hinter sich und unzählige Beratungs- und Therapieangebote durchhaben. Und für die diese Klinikaufenthalt der letzte Strohhalm ist, an den sie sich klammern. Eine Mutter beschreibt, dass sie selbst seit Wochen nur noch im Bett liegt und weint. Eine andere beschreibt, dass sie so große Angst davor habe, ihrem Zweijährigen ein Nein zuzumuten, dass sie sich bis zur völligen Erschöpfung auspowert, um bloß jeden Frust von ihm fernzuhalten. Und eine Mutter sagt gleich zu Anfang klipp und klar: Wenn sich das Verhalten ihrer Tochter hier nicht ändere, sehe sie nur noch einen Ausweg - sie ins Heim zu geben. „Wir können ihnen natürlich keine Garantien geben“, lautet die Antwort im Aufnahmegespräch. „Aber ich verspreche Ihnen, wir werden uns hier den Arsch aufreißen, damit diese Möglichkeit in ganz weite Ferne rückt.“

Wie dieses Arsch-Aufreißen konkret aussieht: Das zu zeigen ist das Ziel der zweistündigen Dokumentation. Doch in der Bewerbung des Films als „Elternschule“ für alle schwingt noch ein zweites Versprechen mit: Nicht nur zu dokumentieren, was in Gelsenkirchen passiert, sondern Müttern und Vätern auch ganz konkrete Anregungen für ihren Familienalltag mitzugeben. Und genau das ist ein Problem.

Ein Horrorstreifen?

Elternschule: Bitte nicht nachmachen!
Nora Imlau/ELTERN

Denn dieser Film zeigt vieles – aber keinen normalen Erziehungsalltag. Und doch fallen immer wieder Sätze, die als Anleitung für den alltäglichen Umgang mit Kindern missverstanden werden könnten: Weinen und schreien am besten ignorieren, bloß nicht nachgeben, das Kind darf nicht der Chef sein. Kein Wunder, dass viele Mütter und Väter im Publikum sich bald in einem Horrorstreifen wähnen:  Da werden verzweifelt weinende Kinder von ihren Eltern getrennt, festgehalten, gegen ihren Willen untersucht. Da werden Babys in Klinikbetten mit extrahohen Gitterstäben zum „Schlaftraining“ in ein Zimmer gerollt, wo sich die Eltern von ihnen für die Nacht verabschieden sollen, und dann geht das Licht aus. Da spricht Psychologe Langer von kleinen Strategen, die ganz genau wissen, wie sie ihr Gegenüber manipulieren können. Da wird ein Zweijähriges zwischen seiner Mama und einer Krankenschwester spazieren geführt, offensichtlich gegen seinen Willen, während ein Mädchen im Grundschulalter beim Spazierengehen durch die Klinikflure nicht mehr die Hand ihrer Mama halten soll. Wer angesichts solcher Bilder an sein eigenes Kind denkt, sich seine Tränen und seine Verzweiflung vorstellt, wäre es in einer solchen Situation – dem zerspringt das Herz in tausend Stücke. Und genau das passiert in diesem Kinosaal in Dresden. Menschen weinen, halten sich die Augen zu, manche verlassen den Saal. Das ist die eine Seite der „Elternschule“.

Doch es gibt auch andere, leisere Szenen. Zum Beispiel einen Einblick in den Snoozle-Raum der Klinik, in dem Kinder, die beim Aufnahmegespräch nur geschrien und getobt haben, entspannt mit ihren Eltern kuscheln. Oder der Moment, in dem zwei Kinder, die im Aufnahmegespräch verstört und unglücklich wirkten, plötzlich gemeinsam lachend und spielend durch den Klinikflur rennen. Und dazwischen immer wieder Langer, der kernige Psychotherapeut, von dem das Publikum nicht weiß, ob es ihn hassen oder lieben soll. Im einen Moment haut er im Elterntraining markige Sprüche über „kleine Prinzessinnen“ raus, die ganz genau wissen, wie sie ihre Eltern kriegen. Im nächsten sieht man ihn mit einer seiner kleinen Patientinnen beim Joggen am See, wo er ihr geduldig und liebevoll die verschiedenen Entenarten erklärt.

„Was Sie eben gesehen haben, war kein Film über Erziehung. Sondern über Therapie.“

Als der Vorhang vor der Leinwand sich schließt, tritt Psychologe Langer persönlich nach vorne. Er tingelt zur Zeit von Kino zu Kino, von Filmpremiere zu Filmpremiere. Fragen beantworten, sich erklären, auch Stellung zu den vielen Vorwürfen beziehen – das ist jetzt sein Job. Der erste Satz, den er ins Mikrofon spricht, lautet: „Was Sie eben gesehen haben, war kein Film über Erziehung. Sondern über Therapie.“ Langer betont, dass die Familien, die zu ihm kommen, am Abgrund stehen. Die Kinder, die er und sein Team behandeln, sind schwer, teilweise sogar lebensbedrohlich erkrankt. „Mit dem Film wollten wir zeigen, dass es immer Hoffnung gibt.“ Aus dem Publikum meldet sich eine empörte junge Frau zu Wort: Wie Langer seine schlimmen, gewaltvollen Methoden rechtfertigen könne, fragt sie. „Genau! Was Sie tun, ist menschenverachtend!“, kommt ein empörter Zwischenruf aus dem Saal. „Unsere Arbeit ist niemals gewaltvoll“, antwortet Langer ruhig. Augenblicklich regt sich heftiger Protest im Publikum: Aber das Festhalten, das Zwangsfüttern, das Schreienlassen zum Schlafenlernen! „Wir zwingen kein Kind zum essen“, korrigiert Langer. „Das wäre völlig kontraproduktiv. Wir fixieren auch niemanden, und machen keine Ferber-Programme. Was wir machen, ist Verhaltenstherapie.“ Hitzig geht es hin und her. „Aber wir haben es doch gerade gesehen!“, ruft eine junge Mutter fast verzweifelt. „Das Festhalten beim Flaschegeben!“ „Was genau haben sie gesehen?“, fragt Langer zurück. „Oft sehen wir nämlich das, was wir erwarten. Bei uns bekommt kein Kind eine Flasche in den Mund gestopft.“ Nachdenkliche Stille im Zuschauerraum. Was genau haben wir wirklich gesehen? Eine Pädagogin, die ein Kleinkind festhält, ihm einige Male die Flasche an die Lippen legt – und sie dann voll wieder auf den Tisch stellt, als das Kind nicht trinken will, und den Fütterungsversuch beendet. Sah das liebevoll aus? Nein. War es zwangsfüttern? Auch nicht wirklich. Schwierige Kiste.

Jeder sah ein anderen Film

Oder das Schlaftraining, was sahen wir da? Eltern, die sich von ihren Kindern verabschieden müssen für die Nacht. Eine Krankenschwester, die schlafende Kinder auf einem Monitor überwacht. Und die morgens einer jungen Mutter sagt: Ihre Tochter hat durchgeschlafen. Wurde das Kind dafür alleine schreien gelassen? Das vermuten viele im Saal. Aber: Gesehen haben wir es nicht. Langer bestreitet es vehement. Aber wie soll es sonst gegangen sein? „Wir haben für einige Zeit die Rolle der Bezugspersonen übernommen und den Kindern die Sicherheit und Berechenbarkeit gegeben, die sie brauchten.“ Wie das konkret aussah, sagt er nicht. Verunsicherung im Kinosaal. Eine andere Frau meldet sich zu Wort: „Ich möchte Ihnen einfach von Herzen danke für diesen Film sagen. Wer kein psychisch schwer krankes Kind hat, kann wohl niemals verstehen, was Ihre Arbeit für betroffene Familien wie uns bedeutet.“ Gerührt tupft sie sich die Augen mit einem Taschentuch trocken. Eine weitere Zuschauerin bedankt sich für die „Liebe und Warmherzigkeit“, die sie im Film seitens des Personals der Klinik gesehen habe. Ihre Nebensitzerin kann das überhaupt nicht fassen: „War das jetzt ironisch gemeint?“ – „Nein, gar nicht.“ – „Dann können wir unmöglich denselben Film gesehen haben.“ Das ist tatsächlich gerade das beherrschende Grundgefühl im Saal: Irgendwie hat jeder im Publikum einen anderen Film gesehen. Zusammengesetzt nicht nur aus den Bildern auf der Leinwand, sondern auch aus eigenen inneren Bildern. Wo die einen Gewalt sahen, sahen andere Klarheit. Wo die einen Hilfe sahen, sahen andere Übergriffigkeit. Und niemand kann begreifen, wieso die eigene, offensichtlich richtige Wahrnehmung, nicht von allen geteilt wird.
 

ELTERN Autorin Nora Imlau im Gespräch mit Psychologe Langer zur Dokumentation "Elternschule".

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Keine Anleitung für den Alltag

Der Austausch dauert fast zwei Stunden. Langer scheint es wichtig, dass keine Frage unbeantwortet bleibt – anders als im Film. Was das Publikum in der „Elternschule“ zu sehen bekomme, sagt er, sei nur ein ganz kleiner Teil der Therapie. Die spiel- und kunsttherapeutischen Angebote, das tägliche autogene Training, die therapeutischen Sitzungen mit den Eltern, um deren Kindheitstraumata aufzulösen – all dies komme im Film gar nicht vor, sei aber so wichtig. Die sichere Bindung zwischen Eltern und Kind stehe ganz klar im Mittelpunkt der Therapie. Deshalb, so Langer, sei seine Klinik die einzige pädiatrische Psychiatrie in Deutschland, die kategorisch darauf bestehe, Kinder nicht alleine aufzunehmen, sondern immer mit ihrer Hauptbezugsperson – und zwar nicht nur im Baby- und Kleinkindalter, sondern auch bei älteren Kindern. Zeitweise Trennungen seien in so verfahrenen Krisensituationen zwar notwendig, um über lange Zeit eingeschliffene ungesunde Verhaltensmuster zu verändern – aber das Ziel sei immer die Stärkung der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. „Aber haben Sie denn nicht Sorge, dass Eltern Ihren Film als Anleitung für zu Hause verstehen könnten?“, fragt eine Zuschauerin. „Als Legitimation für Schreienlassen, Aussperren, Ignorieren? Schließlich stand in den Zeitungen überall zu lesen, hier könnten Eltern etwas für den Alltag lernen.“ „Das liegt außerhalb meiner Verantwortung“, entgegnet Langer. „Ich habe den Pressetext nicht geschrieben.“ „Und trotzdem touren Sie jetzt mit dem Film durch Deutschland!“ Langer zuckt mit den Schultern, nächste Frage bitte.

„Aber ich finde, der Film bräuchte in jedem Fall einen Beipackzettel, auf dem all das steht, was Sie uns gerade erklärt haben.

Der Mann ist ein Vollprofi, das merkt man deutlich. Er schafft es, die Stimmung im Saal immer wieder so zu drehen, dass Menschen lachen oder Beifall klatschen, und verfügt über einen ganzen Strauß an Strategien, um seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Der Film gebe nur einen kleinen, nicht repräsentativen Einblick in seine Arbeit, sein Konzept sei viel individueller und ganzheitlicher als in einer Dokumentation darstellbar. Und seine Klinik sei ein offenes Haus: Jeder könne gerne mal vorbeikommen und sich ein eigenes Bild machen. Er und sein Team hätten nichts zu verbergen, erst recht keine Kindesmisshandlung in jedweder Form. Es ist still geworden im Kinosaal. „Jetzt weiß ich irgendwie gar nicht mehr, was ich denken soll“, wispert eine junge Mutter ihrem Partner zu. Der nickt verständnisvoll, ihm scheint es genauso zu gehen. Schließlich meldet sich eine junge Frau zu Wort, die zu Beginn der Diskussion zu Langers schäfsten Kritikerinnen gehört hatte. „Ich bin mit Ihren Methoden zwar immer noch nicht einverstanden, aber ich verstehe jetzt besser, was Sie tun und warum Sie es für richtig halten“, sagt sie. „Aber ich finde, der Film bräuchte in jedem Fall einen Beipackzettel, auf dem all das steht, was Sie uns gerade erklärt haben. Und einen Warnhinweis auf jedem Kinoticket: „Zur Nachahmung zu Hause nicht geeignet!“

Persönlicher Kommentar von Nora Imlau

Elternschule: Bitte nicht nachmachen!
Nora Imlau/ELTERN

Liebevolle Erziehung geht anders!

Seit ich im Kino war, gehen mir die Bilder nicht mehr aus dem Kopf: Die weinenden, schreienden, verzweifelten Kinder, getrennt von ihren Eltern. Und das Fachpersonal der Klinik, das sich nicht einmal bemüht, sie zu trösten oder zu beruhigen, weil nach ihrer Überzeugung jede Reaktion das unerwünschte Verhalten nur verstärkt. Dahinter steht das alte, behavioristische Erziehungsverständnis, das den Umgang mit Kindern in unserer westlichen Welt in den letzten 200 Jahren bestimmte: erwünschtes Verhalten muss eine angenehme Konsequenz haben, unerwünschtes Verhalten eine unangenehme. So lernen Zirkustiere, durch Reifen zu springen, und Menschenkinder, zu gehorchen.

Seit vielen Jahren vertreten wir in der Eltern-Redaktion ein anderes Verständnis von Erziehung. Dabei stützen wir uns auf die Erkenntnisse der modernen Bindungsforschung, die ganz klar besagen: Kinder sind keine kleinen Strategen, die mit Härte und Strenge zur Selbstständigkeit erzogen werden müssen. Sondern kleine Persönlichkeiten, die von Anfang an auf Kooperation und Beziehung gepolt sind. Im Rahmen sicherer Bindungserfahrungen entwickeln sie sich ganz von selbst zu sozialen, seelisch und körperlich gesunden Erwachsenen, die sich an die Regeln der Gemeinschaft halten können – ganz ohne Zuckerbrot und Peitsche.

Dass bei den Familien, die die „Elternschule“ begleitet, dieses Miteinander gerade nicht ohne Unterstützung gelingt, ist offensichtlich. Und es wäre zynisch, zu behaupten, diesen Eltern müssten einfach nur mehr Mut zu einem liebevollen Familienleben haben und dann sei alles in Butter. Wo Eltern massiven Leidensdruck haben, wo es Kindern körperlich und seelisch schlecht geht, ist es wichtig, dass Familien Hilfe bekommen. Und die Qualität dieser Hilfe sollte nicht nur am Ergebnis gemessen werden: nur weil ein Kind wieder isst oder schläft, ist nicht automatisch alles gut. Denn was erzwungene Trennungen, kräftiges Festhalten gegen den eigenen Willen und Weinenlassen ohne Trost mit der Seele machen, zeigt sich oft erst viel später.

Die Angst vor den Tyrannenkindern sitzt in Deutschland traditionell tief. Jede Mutter, jeder Vater kennt die besorgten Blicke anderer, wenn das weinende Baby gleich hochgenommen wird: Verwöhn-Alarm! Wie soll es denn so je selbstständig werden? Das Traurige an der „Elternschule“ ist nicht nur das darin zur Schau gestellte Leid der Familien in Gelsenkirchen – sondern auch die Stärkung alter Erziehungsideale, die damit einher geht. In Dresden war das ganz deutlich zu beobachten: Viele Kinobesucher fühlten sich bestätigt in ihrem negativen Blick auf die verwöhnten Gören von heute und die Eltern, die mit ihrer Kuschelpädagogik daran schuld seien. Und wie viele junge Eltern werden wohl in Zukunft zu hören bekommen, sogar der Psychologe im Film habe gesagt, Babys könnten sehr wohl ganz bewusst schreien, um ihre Eltern zu manipulieren?

Ich bin überzeugt: Die Tipps, die in der „Elternschule“ als allgemeingültige Ratschläge zur liebevoll-konsequenten Kindererziehung gegeben werden, sind weder zeitgemäß noch hilfreich – und diese unkommentiert einem breitem Publikum vorzustellen, ist unverantwortlich. Denn sie greifen zurück in die pädagogische Mottenkiste, graben die demütigenden Dressurmethoden der 50er-Jahre-Erziehung wieder aus, und stellen empfehlenswerte Lösungen für heutige Familien hin. Deshalb brauchen wir die Stimmen, die für einen anderen Weg werben: Dafür, Kinder als vollwertige Menschen zu betrachten, deren Weinen und Schreien immer einen Grund hat – auch wenn der von außen nicht immer offensichtlich ist. Und deren anstrengende oder schwierige Verhaltensweisen nicht einfach mit teilnahmsloser Härte abtrainiert werden dürfen. Sondern als die Hilfeschreie verstanden werden müssen, die sie sind.

Als Astrid Lindgren sich vor 40 Jahren in ihrer berühmten Rede in der Frankfurter Paulskirche kompromisslos für eine Erziehung ohne Gewalt aussprach, provozierte sie damit einen handfesten Skandal. Kinder großziehen ohne Schläge? Das erschien vielen unvorstellbar. Heute steht das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Gesetz – doch die Diskussion darüber, wo diese Gewalt genau beginnt und unter welchen Umständen sie vielleicht doch gerechtfertigt ist, hält bis heute an. Deshalb sehe ich den Diskurs um die „Elternschule“ auch als Chance. Schließlich praktizieren Psychologe Langer und sein Team nichts, was hierzulande nicht auch tausende Kinderärzte, Therapeuten und Hebammen jungen Eltern raten: ungehorsame Kinder einfach ignorieren, Babys auch mal schreien lassen, bei unruhigen Nächten ein Schlaflerntraining anwenden. Jetzt ist es an der Zeit, dass diese Empfehlungen, die heute noch ganz hochoffiziell in den Leitlinien verschiedener medizinischer und psychologischer Fachgesellschaften zu finden sind, auf den Prüfstand zu stellen. Ganz abgesehen von ihrer Wirksamkeit: Entsprechen sie den hohen ethischen Standards, die im Umgang mit den schwächsten und schutzlosesten Mitgliedern unserer Gesellschaft gelten sollten? Sind sie vereinbar mit dem Grundrecht auf gewaltfreie Erziehung, und dem Recht auf Menschenwürde, die unantastbar ist? Ich bin überzeugt: Belasteten Familien kann auch anders geholfen werden. Respektvoller, sanfter, bindungsorientierter. Eine Dokumentation in allen Kinos über diesen Weg – das würde uns gerade hier in Deutschland gut zu Gesicht stehen. Denn jenseits aller Diskussionen um verschiedenen Erziehungsstile und -ansichten wäre es an der Zeit, dass die wohl wichtigste Erkenntnis der modernen Bindungsforschung endlich in allen Köpfen und Herzen hierzulande ankommt: Dass unsere Kinder durch Nähe und Trost nicht verzärtelt, sondern stark gemacht werden.

Leseempfehlung:
Herbert Renz-Polster hat auf seinem Blog eine interessante fachliche Einschätzung des Glesenkirchener Behandlungsverfahren vorgenommen.

Kostenloses Elterntelefon

Wir Eltern stehen durchaus mal unter Druck und/oder erzieherischen Aufgaben gegenüber, für die wir nicht gleich die passenden Lösungen wissen. Bevor der Stress für die ganze Familie zu groß wird, können sich Eltern bundesweit kostenlos Hilfe und Gesprächspartner suchen:
 
Elterntelefon unter der kostenlosen Rufnummer 0800 111 0550 (montags bis freitags 9 – 11 Uhr sowie dienstags und donnerstags 17 – 19 Uhr).
 
Niemand outet sich als Versager, der dort anruft. Im Gegenteil! Wir zeigen Verantwortung für unser Familienleben. Die Experten am Telefon helfen direkt weiter oder vermitteln Kontakte in eurer Nähe, wo ihr in Gesprächen gemeinsam erarbeitet, was eine Unterstützung für eure individuelle Familien-Situation sein kann.
Das ganze ist unverbindlich. Ihr entscheidet also zu jeder Zeit, ob ihr das Angebot nutzen wollt oder nicht.
Lieber einmal zu viel anrufen, als einmal zu wenig. Manche Themen kommen uns vielleicht zu banal vor, um dafür nach Hilfe oder Rat zu fragen. Aber Erziehung ist nicht banal. Sie ist komplex und in jedem Fall von den allgemeinen Lebensumständen jeder Familie abhängig.
Traut euch, euren Kindern zuliebe anzurufen und einfach mal zu fragen. Es kostet nichts, außer Überwindung und Zeit. Aber gewinnen könnt ihr dabei viel. Vor allem etwas mehr Entspannung für euch Eltern und eure Kinder!