Erziehungsprobleme
 
Vier klassische Fälle - gut gelöst!

Wenn Kinder Kummer machen, müssen wir Eltern auch bei uns nach Ursachen forschen. Denn Kinder tragen oft unsere eigenen Konflikte aus. In diesem Artikel verrät eine Expertin, wie Eltern sich verhalten sollten.

Erziehungsprobleme: Vier klassische Fälle - gut gelöst!

Verhaltensauffälligkeiten, Ängste, Aggressionen - immer mehr Eltern klagen über Schwierigkeiten in der Entwicklung ihrer Mädchen und Jungen. Woran liegt das? "Zweifellos bringen Kinder mit ihren Genen bestimmte Wesensmerkmale mit, Charaktereigenschaften und Temperamente, die von der Erziehung unabhängig sind", sagt Christiane Lutz, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Stuttgart. "Bei größeren Auffälligkeiten liegt jedoch der Verdacht nahe, dass es in der Beziehung zwischen Eltern und Kind Störfaktoren gibt."

Was tun? Christiane Lutz fordert von Eltern etwas, das nicht leicht fällt, manchmal sogar schmerzlich sein kann: nämlich erstens, das eigene Verhalten kritisch zu betrachten, und zweitens, Kinder so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie es unseren Wünschen entspricht. "Kinder sind wie ein Spiegel", stellt Christiane Lutz bei ihrer Arbeit mit Kindern und Eltern immer wieder fest: "Wenn wir wagen, genau hinzuschauen, zeigen sie uns unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten und damit auch die Lösungen für viele Erziehungsprobleme. Wenn Erwachsene ihr Verhalten ändern, tun dies ganz oft auch die Kinder."
An vier klassischen Erziehungsproblemen wird dies deutlich:

1. Problem: Das Kind hält sich nicht an Regeln

Eltern geben häufig nach, um akzeptiert und geliebt zu werden

Es ist die Geschichte von Astrid Lindgrens "Carlson vom Dach": Lillebror, ein siebenjähriger Junge, bekommt täglich Besuch von Carlson, einem alterslosen Herrn, der sich all das traut, was Lillebror gerne täte: Er ist gefräßig, rotzfrech, klopft Sprüche, mal bringt er sogar eine Dampfmaschine zum Explodieren. Szenen, über die wir lachen können, wenn wir sie unseren Kindern vorlesen. Was aber, wenn sie zur Realität werden? Wenn der eigene Sohn, die eigene Tochter ständig durch Grenzüberschreitung provoziert?

"Dann haben die Eltern möglicherweise etwas missverstanden", sagt Christiane Lutz. "Alle Welt redet von den Freiheiten, die Kinder brauchen, um sich entfalten zu können. Aber diese Freiheit darf eben nicht grenzenlos sein, Kinder brauchen auch Orientierung. Und genau die müssen Eltern geben, indem sie Grenzen setzen."Das scheint vielen schwer zu fallen. Statt konsequent zu handeln, reagieren Eltern beliebig: Schokolade vor dem Mittagessen? Fernsehmarathon trotz Fünf in Mathe? "Wenn's sein muss..."

"Eltern geben nach, um vom Kind geliebt zu werden", vermutet Christiane Lutz. "Statt sich Akzeptanz durch Auseinandersetzungen zu erarbeiten, erkaufen sie sich Zuneigung durch Großzügigkeiten." Das ist einfacher und Zeit sparender - aber nur im Moment. Denn die Kinder werden immer anstrengender: Sie entwickeln eine enorme Anspruchshaltung. Und ihre verzweifelten Versuche, durch Provokation doch noch eine Auseinandersetzung mit den Eltern zu erreichen, werden immer nervenaufreibender.

Das rät die Therapeutin:

Fragen Sie sich, wie konsequent Sie Ihrem Kind gegenüber sind, und überlegen Sie: Was könnte der Grund für zu schnelles Kleinbeigeben sein: Wollen Sie durch Ihre Zugeständnisse fehlende gemeinsame Zeit wettmachen? Oder treibt Sie vielleicht ein Autoritätsproblem - die Angst, bei einem strengeren Erziehungsstil nicht mehr gemocht zu werden?
Diese Sorgen sind unbegründet, denn Kinder wünschen sich Eltern, die ihnen Halt geben und es ihnen ermöglichen, sich in der Welt zurechtzufinden. Wenn man das weiß, fällt es deutlich leichter, Familienregeln einzuführen und darauf zu achten, dass sie eingehalten werden. Trauen Sie sich, konsequent zu sein!

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2. Problem: Das Kind ist aggressiv

Kein Mensch kann immer nur lieb und friedfertig sein

"Schwierigkeiten in der Beziehung mit Kindern stehen oft in Verbindung mit ungelebten Gefühlen und Wünschen der Eltern", weiß Christiane Lutz. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom "Schatten". Gemeint ist, dass wir positive Seiten in uns überbetonen und dunkle Seiten verdrängen.

"Es passiert häufig, dass Kinder solche Schattenseiten der Eltern aufgreifen und ausleben", sagt die Therapeutin. Beispiel Jasmin, elf Jahre alt. Bis vor kurzem ein liebes, anschmiegsames Kind. Auffallend: Jasmin hatte nie eine wirkliche Trotzphase. Umso mieser ist die Atmosphäre, die Jasmin seit Beginn der Pubertät zu Hause verbreitet. Sie knallt Türen, mault, macht Vorwürfe, und in der Schule wurde sie beobachtet, wie sie Mitschüler bedroht und erpresst hat.

"Dabei haben wir unseren Kindern stets nahe gebracht, Konflikte friedlich zu lösen", sagt die Mutter und schüttelt verständnislos den Kopf. "Vielleicht ist genau das das Problem", meint Christiane Lutz. "Kein Mensch kann immer nur lieb und friedfertig sein. Aggressionen brodeln dann unterschwellig und stauen sich an - bis es zur Explosion kommt."

Manche Kinder richten die Aggressionen gegen sich selbst: "Magersucht ist zum Beispiel eine äußerst aggressive Form, sich der Umwelt mitzuteilen", sagt Christiane Lutz. "Magersüchtige Mädchen bleiben auf Grund der körperlichen Weigerung, erwachsen zu werden, ewig Mamas oder Papas kleine Tochter."

Das rät die Therapeutin:

Fragen Sie sich ehrlich: Gibt es in Ihrer Familie eine offene Streitkultur? Oder senden Sie häufig Botschaften wie "Bloß nicht streiten!", "Reiss dich zusammen!", indem Sie zum Beispiel jede offene Auseinandersetzung mit dem Partner vermeiden? Wenn Sie Ihr Kind entlasten wollen, müssen Sie herausfinden, woher Ihr Verhalten rührt. Fragen Sie sich: "Wie kommt es, dass ich so harmoniesüchtig und nachgiebig bin?" Und: Versuchen Sie, sich an Ihre eigene Kindheit zu erinnern: Wollten Sie die brave Prinzessin sein oder die verwegene Pippi Langstrumpf?

Wenn Sie durchschauen, welche Muster Ihr Verhalten prägen, können Sie leichter dagegensteuern. Im Streitfall heißt das: Sie können zu Auseinandersetzungen ermutigen, statt nur Harmonie zu predigen. Der Gewinn für Ihr Kind: Sie können ihm zugestehen, seine eigenen Bedürfnisse auszuleben, und eine befreiende Botschaft senden: Werde nichts mir zuliebe - werde du selbst!

3. Problem: Das Kind ist überängstlich

Wenn behütetete Kinder in die Schule kommen, können Probleme auftauchen

"Ängstliche Kinder haben häufig Eltern, die nicht loslassen können", sagt Christiane Lutz und erinnert sich an einen Fall aus ihrer Praxis: "Nele kannte nur permanente Mama-Präsenz. Sie traute sich zum Beispiel nur dann auf eine Rutsche, wenn die Mutter unten stand und sie auffing. Ein ermunterndes 'Probier es doch mal allein!' gab es nie."

Kinder von überbehütenden Müttern und Vätern wirken zunächst oft angepasst und lieb, die Kindergartenzeit bewältigen sie meist problemlos. "Die Schule wird dann jedoch als beunruhigende Schwellensituation erlebt, denn nun macht das Kind zwangsläufig einen Schritt von den Eltern weg", erklärt die Therapeutin.

Bei Nele entwickelte sich die Situation dramatisch: Schon als Erstklässlerin litt sie unter psychosomatischen Symptomen wie Übelkeit und Kopfweh, die jedoch in den Ferien jedes Mal verschwanden.

Als Zwölfjährige kommt sie mit einer ausgeprägten Schulphobie zu Christiane Lutz in die Therapie: Aus Angst, vor den Mitschülern zu erbrechen, war Nele seit fast einem Jahr daheim geblieben. Nach wenigen Gesprächen mit der Mutter ist klar: Sie ist das Kernproblem. Unbewusst hält sie ihre Tochter zurück, weil sie nicht wirklich loslassen kann. So verschwindet Neles Schulphobie beinahe schlagartig, als sich ihre Mutter wegen einer Fortbildungsmaßnahme stärker mit sich selbst als mit Nele beschäftigt: "Man konnte sehen, wie das eine das andere bedingte."

Das rät die Therapeutin:

Sind Sie oft besorgt? Wenn ja, überlegen Sie bitte, wie diese Haltung bei Ihrem Kind ankommt. Beispiel Schulweg: "Pass auf, wenn du die Straße überquerst" oder "Komm bloß nicht unters Auto" interpretiert Ihr Kind vielleicht so: Mama oder Papa trauen mir nicht zu, dass ich das richtig mache. Wahrscheinlich kann ich es wirklich nicht.
Ganz anders wirkt es, wenn Sie zum Beispiel sagen: "Du bist so tüchtig. Ich weiß, dass du gut aufpasst, wenn du über die Straße gehst!" Solche Sätze zeigen dem Kind: Meine Eltern vertrauen darauf, dass ich es richtig mache.

Eltern müssen ein Stück Abschied nehmen, wenn ihr Kind durch ihre Ermutigungen selbständiger, unabhängiger werden soll. Aber diese Unabhängigkeit hat nichts Beunruhigendes. Schließlich gibt es nichts Schöneres als Kinder, die vertrauensvoll ins Leben gehen. Kinder von Eltern mit Dauer-Sorgenfalten werden dagegen oft selbst zu besorgten Menschen mit wenig Selbstvertrauen.

4. Problem: Das Kind verweigert sich plötzlich

Kinder sollen die Träume ihrer Eltern verwirklichen

Es ist immer das gleiche Muster: Da absolviert ein Junge Nachhilfestunden, damit er die Gymnasialempfehlung schafft. Weil der Vater - er ist Sachbearbeiter - selbst nicht so weit gekommen ist und das Gefühl hat: Mein Sohn kann's nachholen. Ebenso verbreitet: Mütter, die für ihre Kinder auf den Beruf verzichten und sich nun über die Schulnoten ihrer Kinder definieren. "Anfangs erfüllen diese Kinder die Erwartungen der Eltern meist. Doch irgendwann kommt es zum überraschenden Zusammenbruch. Oder zu einer plötzlichen Null-Bock-Haltung", weiß Christiane Lutz.

Interessanterweise tauchen die Probleme häufig erst in der zweiten Generation auf. So gesehen sind Kinder nicht nur ein Spiegel ihrer Eltern, sondern auch ihrer Großeltern: Der Vater, der als Unternehmer kläglich scheiterte, vermittelt seinem Sohn: "Du musst besser werden als ich." Der Sohn sieht's locker, gibt sich zufrieden als frei schaffender Künstler mit kleinem Auskommen.

Unterschwellig aber bleibt der Auftrag, Geldverdienen zur Maxime des Lebens zu machen, erhalten. "Du wirst es zu was bringen!", flüstert er schließlich dem eigenen Nachwuchs ein - auch wenn der in Wahrheit andere Talente hat.

Das rät die Therapeutin:

Vorsicht mit übertriebener Förderung! Sicher ist es wichtig, Talente zu erkennen und Freude an Tätigkeiten zu wecken. Allerdings muss immer genau erspürt werden, ob das Kind wirklich mit Spaß bei der Sache ist. Fragwürdig ist der Trend, schon kleinen Mädchen und Jungen eine 40-Stunden-Wochen zu verordnen, sie abwechselnd zum Sport und in die Musikschule zu schicken.

Fragen Sie sich deshalb bei plötzlicher Leistungsverweigerung: Könnte es sein, dass mein Kind sich nur mir zuliebe so angestrengt hat? Dass ich mir insgeheim gewünscht habe, es möge verwirklichen, was mir selbst verwehrt geblieben ist? Wenn dem so ist, dann konzentrieren Sie sich mehr auf sich und machen Sie sich daran, eigene Träume zu realisieren. Auf diese Weise wird Ihr Kind frei - frei dafür, seine wahren Begabungen erfolgreich einzusetzen.