Einzelkind
 
Wie erzieht man ein Einzelkind?

Worauf muss ich achten, damit aus einem Einzelkind kein Egoist wird? Welche Grenzen und wie viel Freiraum ein Einzelkind braucht, beantwortet Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Leiter der katholischen Erziehungsberatungsstelle in Regensburg.

Einzelkinder brauchen Freiräume

Einzelkind: Wie erzieht man ein Einzelkind?

Experten sind sich heute einig: Das Leben einer dreiköpfigen Familie unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von dem einer vier- oder fünfköpfigen Familie. Gibt es trotzdem etwas, das Eltern von Einzelkindern beherzigen sollten?
Dr. Hermann Scheuerer-Englisch:
Einzelkinder leben automatisch etwas mehr im Fokus ihrer Eltern. Ob es um Zankereien, Förderung oder die Urlaubsplanung geht: Immer ist nur das eine Kind gemeint. Das Gefühl, "Jetzt ist mal mein Bruder oder meine Schwester an der Reihe, ich bin aus dem Schneider", gibt es bei Einzelkindern nicht. Eltern sollten ihrem Einzelkind deshalb ganz bewusst genügend Raum für Selbstentfaltung und Rückzug geben. Und es aushalten, wenn ihr Kind mal anderer Meinung ist.

Wie kann das konkret aussehen?
Wenn das Kind keine Lust auf einen Spaziergang hat, nicht darauf drängen. Wenn es sauer ist und schmollt, einfach mal auf Abstand gehen. Klingt banal, fällt aber bei nur einem Kind schwerer, als wenn man sich als Eltern zwischendurch auf ein anderes Kind konzentrieren kann. Aber Kinder brauchen Zeit für sich. Und die Möglichkeit, ohne schlechtes Gewissen ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

Einzelkinder brauchen Grenzen

Suchen aber nicht gerade Einzelkinder häufig die Nähe zu ihren Eltern, wollen sich also gar nicht zurückziehen?
Das stimmt. Viele Eltern von Einzelkindern berichten, dass sie nicht dazu kommen, mal "Erwachsenen-Themen" zu besprechen, weil ihr Kind ja immer bei ihnen ist. Da ist es wichtig, klar die Grenze zwischen den Generationen zu vermitteln: Wir sind die Erwachsenen, du bist das Kind. Und es gibt Themen, die nur die Erwachsenen etwas angehen. Die sollten dann auch nur besprochen werden, wenn das Kind nicht dabei ist. Dafür muss man sich Freiräume schaffen.

Von Einzelkindern hören Eltern häufiger den Vorwurf "Immer haltet ihr zusammen!". Läuft man tatsächlich Gefahr, sich gegen das Kind zu verbünden?
In einem gesunden Familienleben setzen Eltern Grenzen, egal ob sie nur ein Kind oder mehrere haben. Kann sein, dass Einzelkinder sich gegenüber der geballten Elternfront machtlos fühlen. Sie haben ja kein Geschwister, mit dem sie sich dann verbünden können. Eltern sollten sich davon aber nicht beirren lassen, sondern dagegenhalten: "Das hat nichts damit zu tun, dass wir zu zweit sind und du allein. Das machen auch Eltern mit mehreren Kindern so." Egal, ob Kinder allein oder zu zweit aufwachsen - sie rebellieren immer gegen die Regeln der Erwachsenen.

Eltern neigen per se zum schlechten Gewissen. Weil sie oft das Gefühl haben, ihren Kindern, dem Job, dem Haushalt nicht gerecht zu werden. Ist das mit Einzelkind einfacher?
Ich glaube nicht. Eltern von Einzelkindern sind häufiger beide berufstätig, geben ihre Kinder früher in eine Betreuung. Da kommt es genauso schnell zum schlechten Gewissen. Das sollten Eltern aber nicht haben, sondern die gemeinsame Zeit als Familie genießen. Aber auch als Paar: Einzelkinder-Eltern neigen mehr dazu, alles immer zu dritt zu unternehmen. Aber es ist wichtig, sich auch immer wieder Zeit zu zweit zu gönnen - um ins Kino, in die Kneipe oder auf eine Party zu gehen.

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