Einzelkind
 
Braucht ein Kind Geschwister?

Obwohl in Deutschland fast jedes zweite Kind ohne Geschwister aufwächst, halten sich hartnäckig Vorurteile von unsozialen, altklugen Einzelgängern, die unter der Dauerüberwachung ihrer Eltern leiden. Blödsinn, entgegnen Experten einhellig. Eine Bestandsaufnahme.

Einzelkind: Braucht ein Kind Geschwister?
iStock, filadendron

Für Ein-Kind-Familien gibt es viele Ursachen

Mutter, Vater, Kind. Und Schluss. Sieht so die Familie der Zukunft aus? Aktuelle Statistiken legen das nahe: Schon lebt in etwa der Hälfte der deutschen Haushalte nur ein Kind. Gründe dafür gibt es viele, und sie lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: höhere Gewalt - und bewusste Entscheidung.

Unter die erste Gruppe fallen zum Beispiel all die Elternpaare, die durchaus an ein Geschwisterchen dachten, denen aber das Leben einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Häufigster unfreiwilliger Grund sind Trennung und Scheidung: 36 Prozent aller Einzelkinder haben alleinerziehende Mütter oder Väter. Auch Krankheiten und Todesfälle machen Planungen zunichte.

Immer mehr Paare trifft auch die so genannte sekundäre Unfruchtbarkeit: Es kommt kein zweites Kind, obwohl es schon einmal geklappt hat. Dann gibt es noch die Paare, die schon das erste Kind nur mithilfe künstlicher Befruchtung bekommen konnten - und sich die oft langwierige, nervenzehrende und zudem auch sehr teure Prozedur kein zweites Mal zumuten wollen.

Die Zahl der Wunsch-Einzelkinder steigt

Im Jahr 2007 bekam die Durchschnitts-Deutsche 1,37 Kinder. Und darunter viele auf eigenen Wunsch genau eines, bei dem es bleiben soll. Dafür gibt es gute Argumente: Mit einem Kind gelingt es leichter, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Und dass beide Elternteile früh wieder berufstätig sind und Erziehung wie Haushalt gleichberechtigt aufteilen, ist Einzelkind-Eltern laut Umfragen wichtiger als Eltern mehrerer Kinder. So gehen 68 Prozent der Mütter von Einzelkindern schon vor dem dritten Geburtstag des Kindes wieder zurück in den Job - von den Mehrfachmüttern nur 43 Prozent.

Eltern mit einem Kind haben mehr Zeit als Paar, gehen häufiger aus oder treffen Freunde. Trotzdem bleibt ihnen mehr Exklusivzeit für ihr Kind als Eltern, die sich zwischen Geschwistern manchmal fast zerreißen müssen.

Einige Mütter geben auf die Frage nach dem Grund für die Drei-Personen-Familie auch unverhohlen zu, dass sie sich Schwangerschaft, Geburt und Babyzeit rosiger vorgestellt hatten und dass sie das, was sie in der Wirklichkeit erwartet hat, nicht noch mal brauchen.

Ein Drittel aller befragten deutschen Einzelkind-Mütter gab außerdem in einer Studie an, dass sie selbst gern weniger oder keine Geschwister gehabt hätten, da es ihnen aufgrund der Brüder und Schwestern an Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern gemangelt habe.

Schließlich gibt es auch Eltern, die ohne tiefer liegende Gründe mit ihrem Kind einfach glücklich sind und keinen Wunsch nach einem zweiten verspüren.

Formen Geschwister einen besseren Charakter?

Ein-Kind-Familien sehen sich noch immer Vorurteilen ausgesetzt

Doch egal, ob bewusst geplant oder als unabänderlich akzeptiert: Auch wenn die Ein-Kind-Familie heute nichts Ungewöhnliches ist - von kritischen Blicken und vielen Vorurteilen ihrem Lebensmodell gegenüber berichten fast alle, die nicht das gesellschaftliche Soll von mindestens zwei Sprösslingen erfüllen. "Typisch Einzelkind!", kriegen sie zu hören, wenn der Zweijährige seine Sandkuchenformen nicht verleihen will, die Vierjährige sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit quengelt und der Erstklässler, anstatt sich freudig mit den anderen Jungs zu raufen, nach seiner Mami ruft.

"Typisch Einzelkind" - in diesem lakonischen Seufzer steckt alles drin, was unsere Gesellschaft so an Vorurteilen gegenüber Geschwisterlosen zu bieten hat: Unsozial seien sie und eigensinnig, launisch und altklug, verwöhnt und wehleidig. Und erst die Eltern! Gluckenhafte Übermütter, leistungsorientierte Väter, beide außerdem egoistisch.

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