Einzelkind
 
Braucht ein Kind Geschwister?

Einzelkind: Braucht ein Kind Geschwister?
iStock, filadendron

Auch Geschwister leben selten wie in Bullerbü

Auch für Geschwister sind Bruder oder Schwester nicht immer Spielkameraden

Die gesellschaftliche Ablehnung eines Familienmodells ohne Brüder und Schwestern fußt weniger auf belegbaren Fakten über die Nachteile des Einzelkinddaseins als auf einem Bauchgefühl von "allein kann doch nicht gut sein", wie die Psychologin Brigitte Blüchlinger in ihrem Buch "Lob des Einzelkindes" (Krüger, 14,90 Euro) darstellt. Unser Bild von Kindheit ist von einem romantischen Bullerbü-Ideal geprägt: Kleine und größere Geschwister streifen gemeinsam in Horden durch die Natur und reifen daran, als Kinder unter Kindern zu sein.

Nur, ganz ehrlich: So lebt doch heute kaum noch ein Kind. Auch Eltern mit mehreren Kindern buchen Babyschwimmkurse und Krabbelgruppen, musikalische Früherziehung und Kinderturnen. Sie werden von Erwachsenen geplant und geleitet, und die Spielkameraden sind nur selten die eigenen Geschwister, sondern Gleichaltrige, deren Eltern denselben Kurs für sinnvoll und kindgerecht befunden haben.

Früher galt: Einzelkind? Da ist doch was schief gelaufen!

Jeder hat ein "typisches Einzelkind" in seinem Bekanntenkreis

Vorurteile über Einzelkinder haben vor allem einen Grund: Sie entstanden in einer Zeit, in der es nur in solchen Familien bei einem Kind blieb, die irgendein schwerer Schicksalsschlag getroffen hatte. Die Einzelkinder, denen man üblicherweise begegnete, waren entweder Halbwaisen, Waisen, hatten schwer kranke Eltern oder waren unehelich geboren. Alles in allem also erschwerte Bedingungen zum Großwerden.

Pädagogen und Psychologen stärkten solche Klischees: Sowohl unter Schwerverbrechern als auch unter Homosexuellen habe man überdurchschnittlich viele Einzelkinder gefunden, bekundeten sie noch in den 50er-Jahren. Womit bewiesen schien: Geschwisterlosigkeit wirkt sich in jedem Fall negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung aus.

Hat sich so ein Raster erst mal in den Köpfen festgesetzt, scheint es sich zu verselbstständigen: Jeder hat irgendeinen anstrengenden Menschen im Bekanntenkreis, der Einzelkind war - ein "ganz typisches" natürlich - und die Theorie bestätigt. Dass sich auch Millionen Älteste, Sandwich-Kinder und Nesthäkchen mit den angeblich so typischen Einzelkind-Eigenschaften finden, fällt dabei unter den Tisch.

Das sagt die aktuelle Forschung zu Einzelkindern

Dabei zeichnet die neuere Geschwisterforschung ein ausgesprochen positives Bild von Einzelkindern. Laut dem Aachener Psychotherapeuten Thomas von Kürthy, der die erste große deutsche Einzelkindstudie durchführte, wachsen Kinder ohne Geschwister im Schnitt sogar zu sozialeren, optimistischeren, leistungsbewussteren und erfolgreicheren Menschen heran als Geschwisterkinder.

Den Hauptgrund dafür sieht von Kürthy in der oft besonders guten Beziehung zwischen Einzelkindern und ihren Eltern: Haben insbesondere mittlere Geschwister häufig das Gefühl, in Sachen Nähe und Aufmerksamkeit zu kurz zu kommen, berichten nahezu alle Einzelkinder davon, dass ein großes Glücksgefühl ihre Kindheit geprägt hat: Die ungeteilte Liebe der Eltern und ihr stetes Interesse an allem, was mit ihnen zu tun hatte.

Trotzdem wäre es laut Kürthy verkehrt, die alten Vorurteile gegen Einzelkinder durch das neue Credo "Einzelkinder sind die glücklicheren Kinder" zu ersetzen. Seiner und der Ansicht vieler anderer Experten nach ist es vielmehr so, dass der Einfluss der Geschwisterzahl auf die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder viel geringer ist als bisher angenommen.