Eltern-Angst
 
Sorge ich mich zu viel?

Kinder brauche Räume, in denen sie unbeobachtet spielen können, findet ELTERN-Autorin Greta Niesner. Ihre Kritik: Viele Eltern kreisten über ihren Kindern wie Helikopter. Was halten Sie von dieser These? Kommentieren Sie diesen Artikel und schreiben Sie uns Ihre Meinung!

Kinder - ein Fall für die Haftpflichtversicherung?

Eltern-Angst: Sorge ich mich zu viel?

Es ist erst ein paar Samstage her, da bekamen wir Post von der Haftpflichtversicherung. Unser Vertrag könne leider nicht fortgesetzt werden. Den bereits gezahlten Jahresbeitrag bekämen wir anteilig erstattet. Ende der Durchsage! Hallo! - Hat man das schon mal gehört, dass Leute aus der Haftpflichtversicherung rausfliegen? Was muss man tun, damit einem das passiert? Oh, da gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Eine könnte so gehen: Man legt sich ein bis zwei lebhafte Kinder zu. Dann nimmt man eine lange Leine und lässt die Kinder ein Stündchen draußen spielen. Dabei riskiert man, dass sie Dinge tun, die Kinder manchmal tun: zum Beispiel Vögel und Käfer beobachten (macht schlau). Oder mit anderen Kindern Geheimnisse haben (macht Spaß). Aber auch: ganz schnell Fahrrad fahren und dabei das parkende Auto des Vermieters rammen (macht 700 Euro). Oder auch: dem Nachbarskind beim Zanken die Brille runterreißen (macht 200 Euro). So schafft man es locker, zwei, drei Haftpflichtschäden in wenigen Jahren zu produzieren. Das aber ist für manche Versicherung ein zu teures Risiko. Und schon fliegt man raus!

Was lernen wir daraus: dass man Kinder unter zehn eben doch ununterbrochen beaufsichtigen muss? Dass man verantwortungslos ist, wenn man sämtliche Gefahren nicht ständig im Blick hat? Dass das Leben lebensgefährlich ist - und das Leben mit Kindern erst recht?

Machen Eltern sich zu viele Sorgen?

Ehrlich gesagt, ich lerne drei Dinge daraus: Erstens, dass wir jetzt eine neue Haftpflichtversicherung brauchen! Zweitens, dass Bangemachen nicht gilt! Und drittens, dass ich jetzt dringend diesen Artikel schreiben muss. Es soll ein Artikel für mehr Mut sein. Und gegen die Angst.

Ich finde nämlich, wir Eltern haben zu viel Angst. Viele von uns haben sogar so viel Angst, dass sie ständig wie Helikopter über ihren Kindern kreisen: wachsam und immer bereit, einzugreifen. Wir passen auf, dass sie beim Radeln einen Helm auf dem Kopf haben - und nicht zu viel Tempo! Wir passen auf, dass die Schaukel im Garten TÜV-geprüft ist. Wir passen auf, dass die Brotzeittasche Reflektoren hat - und das Kind einen Platz in der musikalischen Frühförderung. Und natürlich bringen wir unser Kind auch mit dem Auto zur Musikstunde. Und später zur Grundschule: Nur noch jeder fünfte Erstklässler macht sich allein auf den Weg!

Soziologen wie der englische Buchautor Frank Furedi sprechen inzwischen schon von einer "Elternparanoia". Seine deutschen Kollegen haben die "Generation Rücksitz" ausgerufen. Sie stellten fest, dass der sogenannte Streifradius von Grundschulkindern - also das Gebiet, das sie auf eigene Faust entdecken können - binnen weniger Jahrzehnte von 20 auf vier Kilometer geschrumpft ist. Ohnehin verbringen sie nur noch durchschnittlich zwölf Stunden pro Woche draußen!

Ist das Leben von Kindern tatsächlich gefährdeter als früher?

Die Zahl verunlückter Kinder im Verkehr sinkt ebenso wie die der Sexualdelikte

"Ist doch klar", möchte man an dieser Stelle einwerfen, "das liegt daran, dass die Welt heute viel gefährlicher ist als noch vor 20, 30 Jahren: der Verkehr, die Missbrauchsfälle, die ständig in der Zeitung stehen. Das Risiko war doch früher viel kleiner."

Stimmt nicht! Die Zahl der Kinder, die im Verkehr tödlich verunglückten, ist seit 1953 kontinuierlich gesunken, schreibt Silke Pfersdorf in ihrem Buch "Erziehungsfalle Angst" (Diana Verlag, 16,95 Euro), ebenso wie die Zahl der Sexualdelikte. Was sich aber geändert hat, sind offenbar die Wahrnehmung von uns Eltern und die Macht der Informationsflut.

Schon in der Schwangerschaft werden wir und unser Ungeborenes vermessen, geprüft und überwacht. Es könnte ja was sein. Ist das Kind dann da, geht es weiter mit den potenziellen Gefahren: Versicherungsleute warnen uns vor Unfallrisiken. Spielzeughersteller vor Kleinteilen. Und Medizinratgeber vor Fuchsbandwurmeiern. Wir hören ständig von Störungen, für die es vor 30 Jahren nicht mal einen Namen gab: Dyskalkulie, Legasthenie, ADHS.

Und natürlich kaufen wir auch nicht irgendeinen Lack im Baumarkt, um das Kinderbett zu streichen. Denn irgendein Lack, das wissen wir Mütter und Väter von zahlreichen Bedenklichkeits-Tests, ist im Zweifelsfall giftig. Und eben weil wir das wissen, sind wir unentspannter als unsere Eltern und Großeltern. Und ständig in Habachtstellung!

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