Familien in Europa
 
Polen: Kinder, Kirche und Karriere

Junge Polen sind heute überdurchschnittlich gut ausgebildet und setzen sich dafür ein, dass ihre Kinder ebenfalls gute Ausbildungschanchen haben. Vom Staat haben polnische Familien nicht viel zu erwarten - dafür greift das familiäre Netzwerk.

Bildung für eine bessere Zukunft

Familien in Europa: Polen: Kinder, Kirche und Karriere

Polen leuchtet: in Orange am Flughafen von Kattowitz, grellgrün und himmelblau die Fassaden der Häuser, rot im Wohnzimmer von Joanna und Adam Pogrzeba. Es ist, als würde die Überwindung kommunistischer Tristesse mit einem das ganze Land überziehenden Farbenrausch gefeiert, der den Optimismus der jungen Generation widerspiegelt.
21 Jahre nach der politischen Wende und sieben Jahre nach dem Beitritt zur Europäischen Union erlebt Polen sein "Wirtschaftswunder an der Weichsel". Zu verdanken ist dieser Aufschwung einer jungen, ehrgeizigen Generation. An den Universitäten in Warschau, Krakau und Breslau herrscht ein nie dagewesener Bildungsboom. In den Hörsälen sitzen mehr Studenten und vor allem Studentinnen denn je. "Sie setzen auf Bildung als Startkapital für ein besseres Leben", erklärt die polnische Generalkonsulin Jolanta Rza Kozlowska.

Junge Polen - reiselustig und weltoffen

Familien in Europa: Polen: Kinder, Kirche und Karriere

Die jungen Polen sind reiselustig, sammeln Erfahrungen in der ganzen Welt, absolvieren Praktika oder Berufsausbildungen in England, Irland oder Deutschland. So wie Adam Pogrzeba, der in Berlin Informatik studierte und jetzt in Gleiwitz als Computerspezialist für die Filiale einer deutschen Firma arbeitet. Oder sein Schwager Mariusch Kaschuba. 15 Jahre lebte er in Worms. Vor zwei Jahren kehrte er mit seiner Frau Stella und zwei von mittlerweile drei Kindern zurück in sein Heimatdorf Wojska und gründete eine Firma für Baumaschinen.
Seine zehnjährige Tochter Aurelia besuchte die erste Grundschulklasse noch in Worms. Als sie in die polnische Dorfgrundschule wechselte, musste das intelligente Mädchen eine Menge nachholen. "In Polen müssen die Kinder viel mehr lernen," klagt Aurelia. Vom dritten Lebensjahr an gehen kleine Polen in den Kindergarten, mit sechs werden sie in einem Vorschuljahr auf die Schule vorbereitet, anschließend gehen sie für sechs Jahre in die Grundschule. Von Anfang an lernen die Kinder dort Englisch und Deutsch als zweite Fremdsprache.

Abinote entscheidet über Zukunftschancen

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Ende der sechsten Grundschulklasse entscheidet ein Abschlusstest über die Zulassung zum Gymnasium. Der Begriff Gymnasium ist allerdings irreführend, denn in Polen gehen alle Kinder für drei Jahre ins Gymnasium. Am Ende der Gymnasialzeit steht wieder ein Test, dessen Abschluss über die Aufnahme in die weiterführenden Schulen entscheidet. Entweder eine zweijährige Berufsschule, das Lyzeum oder die technische Oberschule. Das Lyzeum mit humanistischem Schwerpunkt und die Technische Oberschule mit ihrer mathematisch- naturwissenschaftlichen Orientierung führen nach drei Jahren zum Abitur.
Die Abiturnote entscheidet über die Zulassung zur Universität. Während der Prüfungstage zittert die ganze Familie. Der Andrang auf die Hochschulen ist so stark, dass es neben den normalen "Tagesstudenten" fast ebenso viele "Abendstudenten" gibt, die nachmittags und abends in die Universitäten strömen.
Nur die wenigsten Eltern können ihren Kindern ein finanziell sorgenfreies Studium ermöglichen. Fast alle Studenten arbeiten nebenher, manche schuften die Woche über als Saisonarbeiter in holländischen Treibhäusern und büffeln am Wochenende.

Arbeiten, lernen und Shoppen am Sonntag

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Vielleicht wird auch Aurelia später einmal studieren. Ihre Eltern sind zu großen Opfern bereit. Auch ihre Entscheidung, in die Heimat zurückzukehren, fällten sie mit Blick auf die Erziehung ihrer Töchter. Die Kinder der Kaschubas sollen die Großfamilie erleben und in einer intakten katholischen Gemeinschaft aufwachsen. Für Aurelia ist ein Sonntag ohne Kirchgang nicht denkbar. Die Kirche und die Schule im Dorf sind nur ein paar Schritte voneinander entfernt, Bildung und Religion sind eng verzahnt. 90 Prozent der Polen sind katholisch. Seit die Kirche aber nicht mehr als Gegenpol zum ehemaligen Regime und als Schutzraum für die Opposition fungiert, verliert sie zumindest in den Städten an Einfluss. Die Zahl der Scheidungen steigt, Abtreibung ist zwar verboten, doch jeder, der möchte, erfährt die notwendigen Adressen in England. "Wenn wir uns nur am Westen orientieren, verlieren wir den Blick für das Wichtige und Richtige", warnt die Katholikin Joanna Pogrzeba vor der Lockerung von Sitte und Moral. Dazu gehören für sie auch die sonntäglichen Öffnungszeiten der vielen neu eröffneten Shoppingcenter.
Gestylt und geschminkt stürmen die jungen Polen nun auch am Feiertag in die Konsumtempel. Der Markenwahn hat gerade erst begonnen. Wer auf dem Sportplatz – und nicht nur dort – ein angesagtes Outfit trägt, genießt großes Ansehen. Shoppen zählt auch in Polen zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Teenies, die sich selbst "Generation Facebook" nennen.
Es sind die Nachfolger der "Generation Pepsi", der heute 30-Jährigen, deren Geschichten vom ersten Glas Coca Cola zu den liebsten Anekdoten ihrer Jugend zählen. Sie sind es, die jetzt Väter und Mütter werden. Ein ganzes Jahrzehnt später als früher ihre Eltern. Im Gegensatz zu ihnen absolvierten sie erst eine Berufsausbildung, sammelten Erfahrungen im Job und im Leben, bevor sie eine Familie gründeten. Ein, zwei Kinder wollen sie haben. Eine Großfamilie wie die, in der sie aufgewachsen sind, passt nicht in ihr Konzept.

Emanzipation auf dem Vormarsch

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Es hat sich viel verändert in Polen, besonders das Selbstbewusstsein der jungen Polinnen. Sie streben nach Selbstverwirklichung, Erfolg und Anerkennung, wollen ihr Leben selbst gestalten, statt, wie ihre Mütter, nur für die Familie da zu sein. Couragiert setzten sie sich für die Gleichberechtigung ein, demonstrieren zum Beispiel öffentlich gegen das Lohngefälle – für die gleiche Arbeit erhalten Frauen in Polen zwischen 14 und 26 Prozent weniger Lohn als Männer in Deutschland ist das Gefälle mit 23 Prozent ähnlich groß. Zu Hause schicken sie ihre Männer in die Küche und bleiben selbst seelenruhig auf dem Sofa sitzen.
Die Soziologin Agnieszka Waciak hat mit Staunen die Veränderung in ihrer eigenen Familie beobachtet: "Bei meinen Großeltern saß der Opa am Tisch und wartete, bis ihm seine Frau und seine Töchter das Essen servierten. Bei meinen Eltern bestimmte mein Vater, was gekocht wird, aber er kaufte auch ein und schälte die Kartoffeln. Bei meiner Schwester Ewa steht der Mann in der Küche und kocht für die Familie."

Polen: Zahlen und Fakten

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Kaum ein Land hat vom Beitritt zur Europäischen Union (2004) und der Globalisierung so profitiert wie Polen. Die Wirtschaft wächst: Im Vergleich zum Vorjahr stieg das Bruttoinlandsprodukt um 3,8 Prozent.
Selbst durch die Wirtschaftskrise manövrierte sich Polen weitgehend unbeschadet. Die Arbeitslosenzahlen sinken, von 20 Prozent zur Zeit des EU-Beitritts auf heute 8 Prozent. In Städten wie Warschau, Breslau und Posen herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Wie Magnete ziehen sie vor allem junge Menschen an. Rund zwei Drittel der 38 Millionen Polen leben mittlerweile in Städten, nur noch 14 Millionen verteilen sich auf das flächenmäßig siebtgrößte Land Europas.
Polen ist auf einem guten Weg – aber längst noch nicht angekommen. Noch ist das Durchschnittseinkommen mit 3203,08 PLN (ca. 800 Euro) nicht mal halb so hoch wie in Deutschland. Das soziale Netz ist großmaschig, wie sicher die Renten sind, weiß niemand.
Über viele Jahre sank die Geburtenrate. Das allerdings hat nach Meinung der Soziologin und Referentin im polnischen Generalkonsulat Agnieszka Waciak nicht nur finanzielle Gründe: Das Durchschnittsalter für das erste Kind stieg von früher 20 Jahren auf Ende 20. Dafür aber zählen polnische Frauen zwischen 20 und 24 zu den am besten ausgebildeten Frauen in der Europäischen Union. Rund 34 Prozent aller polnischen Mütter haben heute einen Hochschulabschluss (19 Prozent im Jahr 2000). Die Großfamilie ist pass. Heute leben im Schnitt 1,4 Kinder in einer Familie.

Joanna Pogrzeba über die Familienpolitik

"Als Familie haben wir null steuerliche Vorteile. Beim Steuersatz wird noch nicht einmal berücksichtigt, ob man verheiratet ist oder nicht. Kindergeld gibt es auch nicht. Deutschland ist uns, was die Familienpolitik betrifft, weit voraus. Wir fangen gerade erst an, über Themen wie Schutz der Familie oder die Rechte des Kindes zu diskutieren. Erst seit 2010 gibt es auch in Polen ein Gesetz, dass Kinder in der Schule nicht geschlagen werden dürfen. Als vor einigen Jahren die Geburtenzahlen dramatisch sanken, wollte uns der Staat mit einer Wurfprämie von 1000 polnischen Zloty (ca. 250 Euro) für jede Geburt zum Kinderkriegen animieren. So viel kostet allein ein Kinderwagen! Kinder sind teuer, haben ein Recht auf eine gute Ausbildung. Auch deshalb müssen in den meisten Familien Frauen nach vier Monaten Mutterschutz wieder arbeiten, und viele wollen das auch. Aber Krippenplätze sind rar und teuer. Also sind es die Großmütter, die einspringen. So war es immer schon bei uns: Auf die Familie kann man sich verlassen – auf die Politik nicht!"

Serie: Global Family

Sie haben die ersten drei Teile unserer Serie verpasst? Kein Problem! Lesen Sie hier, wie sich Familien in Frankreich organisieren. Und wie italienische Familien und türkische Familienihren Alltag meistern.