Familien in Europa
 
Familienleben in Italien

"Viva la mama" und jede Menge "Bambini": Italien hat immer noch ein Image als kinderfreundliches Land. Die politische und gesellschaftliche Realität sieht aber anders aus: Familien bekommen kaum keine finanzielle Unterstützung vom Staat. Kinder gelten als privater Luxus, für den man sich anstrengen muss. Italienische Familien müssen sich mit den Gegebenheiten arrangieren.

Staatliche Unterstützung? Fehlanzeige!

Familien in Europa: Familienleben in Italien

Ein Haufen fröhlich lärmender Bambini und mittendrin "la Mamma", die dampfende Spaghetti auf Teller häuft – so wie wir sie in den 60er Jahren kennengelernt haben, sieht die italienische Familie schon lange nicht mehr aus. Sehr viel zeitgemäßer ist das Bild eines Einzelkindes in Markenklamotten, dessen Hausaufgaben von den Großeltern überwacht werden.

Italien, einst Inbegriff der kinderreichen Großfamilie, hat heute mit 1,42 Kindern pro Frau eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Der Grund dafür ist nicht etwa, dass Italiener keine Kinder mehr bekommen wollen. Sie würden schon wollen, doch sie können sie sich nicht leisten. Kaum ein anderes europäisches Land tut so wenig für seine Familien wie Italien. Das gilt zum einen für das rein Finanzielle. So ist der "assegno per il nucleo familiare" nur für Haushalte bestimmt, die im Jahr nicht mehr als 22 500 Euro zur Verfügung haben. Diese Unterstützung fällt meist schon dann weg, wenn eine Mutter beschließt, dazuzuverdienen. Sicher ist allein ein Zuschuss für Familien mit drei oder mehr Kindern, der jeden Monat 125 Euro in die Haushaltskasse spült – nicht pro Kind, sondern pro Familie. Das reicht gerade mal, um einem Siebtklässler die Hälfte seiner Schulbücher zu bezahlen, die in Italien nicht vom Staat, sondern von den Familien finanziert werden müssen.

Dabei empfiehlt sich die Doppelverdiener- Familie allein deshalb, weil Italiener ihre Kinder gerne kostspielig ausstatten. Der äußere Eindruck ist wichtig, und so wird in Markenkleidung, teure Spielsachen, Handys der neuesten Generation investiert. Die Vorstellung, die Möbel fürs Kinderzimmer oder die Garderobe für den Nachwuchs aus zweiter Hand zu erwerben, finden die meisten Italiener nicht nur unappetitlich, sondern schlicht unpassend: Für das eigene Kind ist nur das Beste gut genug!

Kinderbetreuung auf dem Stand der 50er Jahre

Erst langsam eröffnen in Städten wie Mailand oder Turin Secondhand-Geschäfte für Kinderbedarf, die meist auch Öko-Windeln und biologische Putzmittel zum Selbstabfüllen anbieten. Die Kundschaft besteht aus jungen, aufgeklärten Kulturbürgern, die bewusst nachhaltig leben; es ist dieselbe, die bei den immer populärer werdenden "gruppi di acquisto solidale" mitmacht, Einkaufsgemeinschaften, die sich direkt über kleine Produzenten mit biologischen Produkten versorgen.

Während sich Italien in dieser Hinsicht also durchaus auf der Höhe der Zeit zeigt, ist das System der Kinderbetreuung in den 50er Jahren stecken geblieben, in denen es einfach nicht vorkam, dass Mütter Babys bekamen und danach gleich wieder arbeiten wollten. Im Schnitt findet nur eines von acht Kindern einen Platz in einer öffentlichen Krippe; Alternativen wie Tagesmütter sind noch in der Entwicklungsphase. Erst wenn der Nachwuchs mit drei Jahren reif ist für die "scuola materna", den Kindergarten, entspannt sich die Lage deutlich, denn es gibt Kapazitäten für 90 Prozent aller Kinder.

Arbeitenden Müttern kommt zudem entgegen, dass vor allem im fortschrittlicheren Norden des Landes die "asili" oft acht Stunden am Tag geöffnet sind – ein dreigängiges warmes Mittagessen eingeschlossen.

Schikane am Arbeitsplatz

Probleme haben viele berufstätige Mütter dagegen im Job. Das Mutterschutzgesetz garantiert zwar den Arbeitsplatz, schützt jedoch nicht vor Schikanen. Eine Umfrage der Verbraucherschutzorganisation "Altroconsumo" ergab, dass ein Drittel aller Mütter nach der Rückkehr in den Job Schwierigkeiten erlebte – von Feindseligkeiten über Kompetenzherabstufungen bis hin zu Entlassungen. Es wundert daher nicht, dass in Italien weniger Frauen arbeiten als in der gesamten restlichen EU (nur Malta liegt noch darunter): Die Erwerbsquote liegt bei gerade mal 47,2 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 62 Prozent und in Dänemark, das die höchste Frauenerwerbsquote Europas besitzt, knapp 72 Prozent.

Italienische Familien fühlen sich alleingelassen

Doch Geld und Arbeit sind nur zwei Facetten eines grundsätzlichen Problems: Die italienischen Familien fühlen sich alleingelassen – vom Staat, von der Gesellschaft, sogar von der katholischen Kirche. "In den letzten Jahrzehnten drehte sich alles immer nur um das Individuum. Dass es Familien gibt, wurde als selbstverständlich vorausgesetzt. Um die glaubte man sich nicht eigens kümmern zu müssen", hat Regina Maroncelli von der "Associazione Famiglie Numerose", der Vereinigung kinderreicher Familien, beobachtet.

So kinderfreundlich der einzelne Italiener im Herzen nach wie vor ist, so wenig praktische Unterstützung erfahren Familien im Alltag. Ordentliche Wickeltische, Kinderbetreuung, Spielecken und erschwingliche Kindermenüs? Höchstens bei IKEA. Mit Bus oder Tram in die Stadt? Nur die allerneuesten Modelle haben Platz für Kinderwagen. Ferien am Meer oder in den Bergen? Kein Problem, sofern man bereit ist, für Kinder ab zwölf Jahre den vollen Übernachtungspreis zu bezahlen. "Kinder werden bei uns nicht als Reichtum für die Gesellschaft betrachtet, sondern als persönlicher Luxus, für den man sich halt anstrengen muss", sagt Maroncelli.

Familien wursteln sich durch

Der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit begegnen italienische Familien mit der ihnen eigenen Kunst des "arrangiarsi" – sie wurschteln sich durch. Junge Paare mit Kinderwunsch ziehen fast immer in die Nähe der Eltern oder Schwiegereltern, damit die sich später um die Kinder kümmern können. Besonders gefragt sind die "nonni" in den Sommerferien, wenn Kindergärten und Schulen knappe drei Monate lang schließen. Im Juni planschen an italienischen Badestränden hauptsächlich Großeltern mit ihren Enkeln im Wasser. Die Eltern kommen am Wochenende dazu. Italienische Kinder wachsen besonders behütet auf. Draußen spielen, sich schmutzig machen, etwas aus dem Supermarkt holen? Viel zu gefährlich. Und der Staat sieht das genauso. Wer sein zehnjähriges Kind morgens allein in die Schule gehen ließe (was in der Praxis nicht vorkommt, denn selbst der pubertierende Nachwuchs wird am liebsten noch mit dem Auto bis vors Schultor gebracht), riskiert eine Anzeige wegen Vernachlässigung Minderjähriger. Zumindest in diesem Punkt scheint der Staat es begriffen zu haben: Kinder sind wertvoll.

Zahlen und Fakten

Dank der Einwanderung in den letzten Jahren ist die Geburtenrate der Italiener leicht angestiegen: Vom historischen Tief im Jahr 1996, das bei 1,19 Kindern pro Frau lag, hat sie sich auf 1,42 verbessert. Allerdings gilt dieses Wachstum nur für den Norden; im ärmeren Süden sinkt die Rate weiter.
Seine Familien unterstützt der Staat mit gerade mal 6 Prozent seiner Sozialausgaben; zehnmal so viel gibt er für seine Rentner aus. Steuerlich werden kaum Unterschiede gemacht zwischen Ehepaaren ohne Kinder und Familien, die zwar für einen öffentlichen Krippenplatz durchschnittlich 297 Euro im Monat ausgeben müssen, aber gerade mal 120 Euro pro Jahr und Kind als Betreuungskosten absetzen können.
Steuererleichterungen sind außerdem einkommensabhängig, genauso wie die knappen finanziellen Beihilfen, die der Staat den Familien gewährt. Auch bei der Bildung wird gespart: Nur 4,5 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes gibt Italien dafür aus – damit steht es unter den Industriestaaten ganz weit unten (allerdings nur knapp hinter Deutschland mit 4,6 Prozent). Die umstrittene Reform der Bildungsministerium Mariastella Gelmini, die die Einsparung von rund 150 000 Lehrern vorsieht, wird den Anteil weiter nach unten drücken.

Chiara Bucchioni ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Turin:

Familien in Europa: Familienleben in Italien

"Italien steckt wirtschaftlich und moralisch gerade in einer solchen Krise, dass die misslungene Familienpolitik kaum noch auffällt. Dabei liegt da wirklich vieles im Argen. Es gibt keine Krippenplätze, kaum Kinderermäßigungen in Bussen, Zügen oder Museen, und die staatlichen Familienzuschüsse sind lächerlich gering. Es wird überhaupt nicht in die Familie investiert.
Sehr gut ist bei uns immerhin der Mutterschutz – jedenfalls auf dem Papier: In den zwei Monaten vor und drei Monaten nach der Geburt, in denen sie zu Hause bleiben können, erhalten Mütter 80 Prozent ihres Gehalts. Danach können Mutter und Vater noch insgesamt weitere elf Monate bei dem Kind bleiben, für 30 Prozent des Gehalts. Aber ich habe Freundinnen, die von ihren Arbeitgebern unter Druck gesetzt worden sind, wenn sie den ganzen Elternurlaub in Anspruch genommen haben. Kein Wunder, dass wir hier so wenige Kinder bekommen."

Serie: Global Family

Sie haben den ersten Teil unserer Serie verpasst? Kein Problem! Lesen Sie hier, wie Familien ihr Leben in Frankreich organisieren.

Im neuen ELTERN family Heft lesen Sie in Teil 3 unserer Serie eine Reportage über Rahime und Ruhsati Tiras, die mit ihren Kindern in der türkischen Stadt Adana leben.