Vorsätze - Adé
 
Süßkram bis zum Abwinken

Kindergeburtstage setzen alle guten Erziehungsvorsätze außer Kraft - das musste auch unsere Autorin Verena Fischer feststellen.

Süßigkeiten
iStock, LisaValder

Mein vierjähriger Sohn Janosch war kürzlich mal wieder zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Die dritte Veranstaltung dieser Art innerhalb von zwei Wochen. Inzwischen rege ich mich nicht mehr auf. Ich habe kapituliert vor Süßigkeitenbergen und überaus wohlmeinenden Gastgeberinnen.

Dabei war ich diesbezüglich mal sehr idealistisch. Klar, mein Kind darf schon mal ein Stück Schokolade oder eine Kugel Vanilleeis essen, erklärte ich noch vor nicht allzu langer Zeit einer Freundin. Abgesehen von den Querschüssen unserer Nachbarn, die Janosch immer wieder ungefragt Bonbons schenkten, kam ich auch ganz gut durch mit meiner Strategie des unauffälligen Rationierens. Janosch war glücklich und zufrieden mit seinen fünf abgezählten Gummibärchen, solange ein Grünes dabei war. Bis mein Sohn das erste Mal zu einem Kindergeburtstag eingeladen war.

Neue Sitten

Ein anständiger Geburtstagskuchen muss aus Schokolade und mindestens mit Smarties dekoriert sein, dafür habe ich vollstes Verständnis. Und Topfschlagen macht auch nur Spaß mit der Aussicht auf was Süßes. Genau wie Sackhüpfen oder Eierlaufen. Schließlich ist es ja ein Kindergeburtstag und ich erinnere mich heute noch gerne daran, wie aufregend es war, so viele Schokoküsse zu essen, bis einem schlecht wurde.

Aber nachdem sein Magen schon komplett mit Zucker ausgekleidet war, bekam Janosch wie alle anderen Gäste zum Abschied noch ein Geschenk überreicht. Genauer gesagt eine ganze Tüte. Voll mit Kaubonbons, Lutschern, Schokoriegeln und als Krönung ein kleiner Spielzeugbagger. Mein Sohn war selig und ich gelinde gesagt konsterniert.

Wir bedankten uns höflich, doch insgeheim verfluchte ich die Mutter. Wie konnte sie mir und meiner Erziehung so in den Rücken fallen? Wenn die Supermarktkassiererin meinem Kind einen Kaugummi schenkt, dann weiß sie es vielleicht nicht besser, weil sie selber keine Kinder hat, um deren Zähne sie sich sorgen müsste. Aber eine Mutter?

Bei der nächsten Geburtstagsfeier das gleiche Spiel, nur dass diesmal in der Tüte Glitzerstifte anstelle eine Baggers waren. War Janosch egal - Hauptsache, es waren Lutscher mit drin. Lutscher! Der größte Feind des Milchzahns!

Wann bitte schön hat dieser Brauch mit den gesundheitsgefährdenden Abschiedspräsenten angefangen? Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich als Kind jemals so reich beschenkt eine Geburtstagsfeier verlassen hätte.

Die dritte Einladung - diesmal gab es zu den Süßigkeiten noch einen Block mit Buntstiften - bestätigte meine Befürchtung: Wer als Mutter was auf sich hält, drückt jedem Kind zum Abschied eine Tüte in die Hand.

Große und kleine Tüten

Janosch beurteilt die Geburtstags-Feiern bereits nach der Größe und dem Inhalts dieser Tüten. Große Tüte - toller Geburtstag. Kleine Tüte - Zeitverschwendung. Und schon im Vorfeld einer Feier wird spekuliert: Bei Elena gibt es bestimmt nur eine kleine Tüte, also mag er da auch nicht hin, weil Elena ist eh nicht sein Freund. Mein damals noch dreijähriger Sohn war nach drei Geburtstagsfeiern zu einem Konsum orientierten Wohlstandskind mutiert.

Nicht mit mir, dachte ich und schwor im Beisein einer Freundin und Mitmutter heilige Eide, dass ich diesen Süßigkeiten-Abschiedsgeschenke-Wahn nicht mitmache. In Konkurrenz zu anderen Müttern Geburtstagsfeiern für Vierjährige ausrichten - soweit kommt's noch. Große Tüte - gute Mutter?

Das arme Kind

Auch mein Sohn wird älter und sein vierter Geburtstag rückte unaufhaltsam näher. Gemeinsam bastelten wir Einladungen, überlegten uns Spiele und was es zu essen geben sollte. Alles war Bestens und Janosch konnte schon Wochen vorher vor lauter Vorfreude nicht mehr schlafen. Nur ich bekam mit jedem Tag größere Bauchschmerzen. Wegen dieser unsäglichen Abschiedsgeschenke.

Was würden die Freunde von Janosch sagen, wenn sie keine Tüte bekommen: War ein doofer Geburtstag und ich bin nicht mehr dein Freund? Würden sie am nächsten Tag im Kindergarten nicht mehr neben ihm sitzen wollen und ihn wochenlang beim Fußballspiel ins Tor verbannen? Kinder können grausam sein. Möglicherweise trägt er ein Trauma davon, das ihn für den Rest seines Lebens nicht mehr loslässt.

Und würden die anderen Mütter voller Mitleid tuscheln? Ach, schau mal, da ist Janosch. Sieht ja ein bisschen ärmlich aus, das Kind, aber kein Wunder bei so einer geizigen Mama.

Nach der dritten schlaflosen Nacht und mit tiefen Furchen unter den Augen fand ich mich vor dem Alles-1-Euro-Wühltisch eines großen Spielzeugladens wieder. Ich packte bunte Hüpfbälle, kleine Holzkreisel, Badewannenboote und Plastikperlenketten ein. Dazu Großpackungen mit Gummibärchen, Schokoriegeln, Traubenzuckerlutschern und Kaubonbons. Und damit auch wirklich nichts schief geht, für die Mütter und Väter noch ein paar Flaschen Prosecco, etwas Käse und Grissini.

Die Party war ein voller Erfolg. Und wenn ich schon meine Prinzipien nicht retten konnte, so doch wenigsten die Ehre und das Seelenleben meines Sohnes. Und zur Beruhigung meines Gewissens habe ich ihm noch eine elektrische Zahnbürste gekauft.

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