Extremsportler und Familienvater
 
"Ich kenne nur wenige Väter, die ihre Träume leben."

Stefan Glowacz ist einer der bekanntesten deutschen Extremkletterer. Bei seinen Expeditionen ist er oft monatelang unterwegs, klettert an den entlegensten Orten der Welt, die steilsten Felswände mit den höchsten Schwierigkeitsgraden. Doch wie lebt es sich mit einem Mann und Familienvater der keine Kompromisse macht, wenn es um seine gefährliche Leidenschaft geht? Wir haben mit seiner Frau Tanja Valérien-Glowacz gesprochen und auch Stefan Glowacz über sein Verhältnis zu Beruf und Familie befragt. Außerdem: Sehen Sie in unserer Bilderstrecke beeindruckende Aufnahmen seiner jüngsten Südamerika Expeditionenen.

Interview mit Tanja Valérien-Glowacz

Extremsportler und Familienvater: "Ich kenne nur wenige Väter, die ihre Träume leben."

Frau Glowacz, wie fühlt es sich an, mit einem Extremsportler zu leben?
Ich bewundere meinen Mann sehr, weil ich nicht so bin wie er. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch solche Leistungen vollbringen kann, wie man sich selbst so quälen kann. Ich mag es auch, wenn ein Mann etwas Männliches ausstrahlt und das tut Stefan: Er ist mutig, er ist stark, ich habe Respekt vor ihm und seinen Leistungen.

Wie haben Sie sich kennengelernt?
Wir haben uns vor 12 Jahren auf einer Party bei gemeinsamen Freunden zum ersten Mal getroffen. Damals war Stefan noch mit seiner ersten Frau verheiratet und ich in einer festen Beziehung mit dem Vater meiner Kinder. Stefan und seine Frau hatten gerade ihre Drillinge bekommen. Damals waren wir beide im Herzen besetzt und überhaupt nicht offen für einander, dass wir einmal ein Paar werden würden, hätte keiner gedacht.

Wie kam es dann dazu?
Stefans Frau verließ ihn einige Zeit später. Meine Beziehung ging unabhängig davon auch auseinander. Wir trafen uns einige Jahre später wieder bei diesen gemeinsamen Freunden in Arco am Gardasee und da hat es dann zwischen uns beiden gefunkt. Heute sind wir seit acht Jahren zusammen und seit fünf Jahren verheiratet. Zusammenziehen werden wir aber erst in einem Monat. Bislang hatten wir immer getrennte Wohnungen, lebten unter der Woche aber meistens bei mir mit den Kindern. Jetzt haben wir ein Haus gekauft. Stefan hat schon Angst, dass wir jetzt richtig spießig werden (lacht).

Sind Sie sportlich?
Durch meinen Vater (Sportreporterlegende Harry Valrien, Anm. d. Red.) war Sport natürlich immer ein Thema bei uns zuhause. In meiner Jugend war ich Wettkampfschwimmerin und bin Skirennen gefahren. Ich mag Sport, aber ich quäle mich nicht gerne, da bin ich ganz anders als mein Mann. Und seit ich mit Stefan zusammen bin, mag ich mich noch weniger quälen.

Gehen Sie am Wochenende gemeinsam in die Berge?
Nein, überhaupt nicht. Ich klettere nicht, habe sogar Höhenangst. Unser gemeinsames Hobby ist Essengehen und Kurztrips in Städte, die wir noch nicht kennen. Wir genießen es, Zeit zu zweit miteinander zu verbringen.

Und wie sieht ein Urlaub mit einem Extremsportler aus?
Am liebsten unternehmen wir Städtereisen, dann erkunden wir New York oder Paris, gehen zusammen ins Ballett oder ins Museum. Jedes Jahr fahren wir mit den Kindern nach Lech zum Skifahren. Oder im Sommer auf Formentera. Dort liegen wir dann alle faul am Strand und mein Mann geht ein bisschen Kiten.

Haben Sie Ihren Mann schon mal auf einer seiner Expeditionen begleitet?
Nein, das wäre viel zu extrem für mich. Bisher hat er noch nie eine Frau auf einer seiner Expeditionen dabei gehabt. Das ist seine Welt. Er mag es nicht, wenn man da eindringt. Außerdem, welche Frau möchte schon drei Wochen in einer Eishöhle sitzen oder immer nasse Klamotten am Leib haben?

Wie alt sind Ihre Kinder?
Insgesamt haben wir fünf Kinder. Stefan hat in die Beziehung seine 14-jährigen Drillinge mitgebracht, zwei Jungs und ein Mädchen. Ich meinen 17-jährigen Sohn und meine 19-jährige Tochter. Bis auf meine Tochter gehen alle Kinder seit zwei Monaten auf dieselbe Schule und wohnen unter der Woche bei uns in der Nähe von München. Das Wochenende verbringen die Drillinge bei ihrer Mutter in Garmisch.

Sie sind aber auch berufstätig
Ja, ich habe eine Werbeagentur und bin auf Mode- und Lifestyle-Themen spezialisiert. Ich liebe meinen Beruf, bin viel unterwegs, ob Kapstadt, Amerika oder Marokko. Immer dort wo gerade die Sonne scheint und man Werbeaufnahmen produzieren kann. Ich bin also sicherlich alles andere als eine Gluckenmutter.

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und den Kindern aus der ersten Ehe Ihres Mannes?
Wir sind eine Patchworkfamilie, die wirklich gut funktioniert. Dafür bin ich unendlich dankbar. Bei uns gibt es keine Eifersüchteleien, wie z.B. wenn der Stiefvater oder die Stiefmutter seine Kinder gegenüber den angeheirateten bevorzugt. Ich habe die Drillinge kennengelernt, da waren sie 6 Jahre alt. Wir haben uns von Anfang an ganz toll verstanden. Ich bin vom Kopf her freier, was die Drillinge angeht. Es sind nicht meine leiblichen Kinder, ich kann sie mit etwas mehr Abstand betrachten.

Wie sehen Sie die Tatsache, dass Sie keine gemeinsamen Kinder haben?
Unsere Beziehung funktioniert vielleicht im Hinblick auf Stefans Beruf so gut, weil wir keine gemeinsamen Kinder haben. Wenn man zusammen Kinder hat, dann steht etwas sehr wichtiges zwischen dir und dem Partner. Etwas, worum sich beide sorgen müssen. Wenn der eine Partner meistens nicht da ist, dann ist das alles nicht so einfach. Stefan hat schon eine gescheiterte Ehe hinter sich, er weiß das. Ich hätte aber trotzdem gerne ein Kind mit ihm gehabt. Aber als wir vor fünf Jahren geheiratet haben, war ich schon 43. Für ein Baby fand ich das zu spät.

Haben die Kinder Angst um ihren Vater, wenn er unterwegs ist?
Nein. Die Kinder reagieren gar nicht darauf. Wenn Stefan eine Tour startet, ist es für sie so, als ob er zum Tanken fährt. Dabei wissen sie, dass ihr Vater nicht unverwundbar ist. Als die Drillinge fünf Jahre alt waren, hatte Stefan einen schweren Bergunfall. Er lag unter einer Lawine, hatte schwere Verletzungen, musste im Gesicht operiert werden. Sie haben ihn verwundet gesehen, aber sie haben trotzdem keine Angst um ihn.

Wie würden Sie den Erziehungsstil Ihres Mannes beschreiben?
Er ist ein starker, dominanter Vater. Gleichzeitig bemüht er sich, nicht so zu erziehen, wie er selbst erzogen wurde, weil Stefans Eltern sehr behütend waren. Er ist auch als Vater sehr ehrgeizig, kann schlecht loslassen. Er ist aber auch sehr liebevoll und gibt sehr viel von sich. Manchmal denkt er, die Kinder bräuchten etwas mehr Druck, um die richtige Richtung zu finden. Ich bin da anderer Meinung und sage immer: Lass sie machen, sie finden ihren Weg.

Haben Sie Ihrem Mann schon mal von einer Tour abgeraten?
Bislang noch nie. Aber nächstes Jahr will er im Himalaya zum ersten Mal bis zu einer Höhe von 7000 Metern klettern. Bei dem Gedanken, habe ich meine Schwierigkeiten. Er begibt sich da auf völlig neues Gebiet. Ich sage dann schon auch zu ihm: Musst du das wirklich machen? Kannst du nicht einfach wieder in Patagonien klettern gehen? Gleichzeitig merke ich aber auch, dass es nichts bringt, so mit ihm zu reden.

Wie lange ist Ihr Mann im Jahr unterwegs?
Ein Drittel des Jahres ist er zuhause, die anderen zwei Drittel ist er unterwegs. Dabei ist er aber nicht nur auf Expedition oder beim Klettern, sondern reist auch viel für Vorträge oder Veranstaltungen.

Wie kommen Sie mit dem Alleinsein zurecht?
Es ist nicht so einfach. Der, der zurückbleibt, leidet immer mehr. Wenn er weg ist, fehlt mir das Gegenüber für Gespräche, der Austausch und die Nähe. Ich muss ihn loslassen, gleich über mehrere Monate hinweg. Aber ich glaube an unsere Liebe und auch daran, dass er seine Leidenschaft leben muss. Stefan und ich, wir sind sehr körperliche Menschen, wir kleben förmlich aneinander. Meine Kinder werden immer ganz wahnsinnig wenn er nicht da ist, weil ich dann anfange sie abzuknuddeln. Sie sagen dann immer: Hoffentlich kommt der Stefan bald wieder, dann knutscht du nicht mehr uns ab.

Haben Sie Angst, wenn Ihr Mann unterwegs ist?
Ja. Eine gewisse Angst, dass er nicht zurückkommen könnte ist da. Jedes Mal wenn wir uns verabschieden, könnte es auch ein Abschied für immer sein. Das weiß ich und das kann ich auch nicht wegschieben. Er hat eine Leidenschaft, bei der er sein Schicksal herausfordert. Ich liebe ihn aber auch für seine Leidenschaft.

Ist Ihr Mann versichert?
Nein, es gibt keine Lebensversicherung, die ihn aufnehmen würde. Und weil er selbständig ist, würde ich auch keine Witwenrente oder die Kinder keine Waisenrente bekommen. Aber er legt sein Geld in Immobilien an und hat so für uns auch vorgesorgt, falls etwas passieren sollte.

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