Gleichberechtigung
 
Supermutti gegen Trottelvati?

Warum werden Männer für zwei Vätermonate gelobt, während es für Mütter normal ist, den Job hintenan zu stellen. Und warum lassen viele Frauen ihren Partner nicht einmal das Baby wickeln? Die Journalistin Lisa Ortgies stellt in ihrem Buch "Heimspiel - Plädoyer für die emanzipierte Familie" provokante Thesen über den Geschlechterkampf auf. Einige davon stellen wir hier vor - werden Sie Buchkritikerin und posten Sie Ihre Meinung!

Lisa Ortgies: "Heimspiel - Plädoyer für die emanzipierte Familie"

Gleichberechtigung: Supermutti gegen Trottelvati?

Schon lange beschäftigt sich die Journalistin Lisa Ortgies ("frauTV", "EMMA"), selbst Mutter von zwei Kindern mit der Frage, warum es auch im Jahre 2009 nicht so recht klappen will mit der gleichberechtigten Partnerschaft zwischen Mann und Frau. Jetzt hat sie ein neues Buch darüber geschrieben: "Heimspiel - Plädoyer für die emanzipierte Familie" (DVA Verlag, 17,95 Euro) geht mit beiden Geschlechtern ins Gericht. Ortgies stellt unbequeme Fragen: Sind es tatsächlich die Gene, die Frauen zu Glucken und Männer zur Managern machen? Oder nicht vielmehr Bequemlichkeit und starre Denkmuster auf beiden Seiten?

Klar, vieles davon ist überspitzt formuliert. Trotzdem wird sich so manche Frau (und auch so mancher Mann) im täglichen Kleinkrieg um das Ausräumen der Spülmaschine, unaufgeräumte Kinderzimmer und aufgegebene Lebensmodelle wieder erkennen. Wir würden gerne wissen, ob es Ihnen auch so geht. Deshalb stellen wir hier einige Auszüge aus "Heimspiel" vor. Und dann brauchen wir Sie als Buchkritikerin: Schreiben Sie in einem Kommentar unter diesen Artikel, was Sie von Lisa Ortgies' Beobachtungen zum Verhältnis von Vätern und Müttern halten. Wir sind gespannt!

Einige Leseproben:

Väter - das neue männliche Pin-up?

"Augengringe, blässlich-blaue Bartstoppeln an geröteten Wangen, ein breites Kreuz beim unbewussten Muskelspiel, breit genug, um ein halbes Dutzend 'Ergo-Carrier' zu schultern. Der leicht behaarte und kräftige Handrücken wölbt sich um ein unsichtbares Köpfchen, das sich unter dem Stoffnestchen an die harte, aber warme Brust seines Vaters schmiegt ... An dieser Stelle drücken wir kurz auf die Pause, um das Bild auf uns wirken zu lassen. Ein erotisches Bild, nicht nur für Frauen. Selbst (oder gerade) homophobe Männer sind hingerissen von dem Kontrast zwischen lässiger Männlichkeit und Mensch gewordener Verletzlichkeit, sprich zwischen Vater und Kind (...) In jedem Fall liegt das Faszinosum dieser Impressionen im Kontrast, der beim Anblick einer Mutter mit Baby im Tragetuch gar nicht erst entsteht, auch nicht bei einer attraktiven Mami. Von Sinnlichkeit keine Spur (...) weil er den väterlichen Sex-Appeal la Brad Pitt an einem Männerbild aufhängt, das Väter genauso unter Druck setzt wie der Size-Zero-Mamakult la Viktoria Beckham die Mütter. Ein Männerbild, in dem sich Kinder als Accessoire wiederfinden, das aber keinen Raum lässt für den Spagat zwischen überwältigenden Gefühlen und der kühlen Effizienz der Arbeitswelt."

Vätermonate: Viel Lob für wenig Einsatz?

"Bei der Väterdebatte, die seit Einführung des Eltergeldes 2007 tobt, handelt es sich letztlich um einen breit gefächerten Lobgesang auf den neuen Papa. Krampfhaft wird darüber hinaus überlegt, wie man ihm sein 'Engagement' noch weiter versüßen kann. Während die Berufstätigkeit der Mütter - teilweise bis heute - als riskante, weil entwicklungsgefährdende Zumutung für die Kinder diskutiert wird, galt die Mindestanforderung einer zweimonatigen Jobpause für Väter lange als Zumutung und Bevormundung für die berufstätigen Männer und ihre Arbeitgeber. Wenn Mütter arbeiten, schaden sie dem Kind und Väter, die zu Hause bleiben, gefährden gleich den ganzen Wirtschaftsstandort Deutschland - schon sind die Kompetenzen hintenrum wieder auf die Geschlechterstereotypen verteilt. Dieselben Aufgaben, dieselbe Rolle, die Frauen seit Jahrhunderten, in größter Selbstverständlichkeit und unbeachtet von der Öffentlichkeit ausüben, werden plötzlich zu einem gesellschaftlichen Phänomen und/oder zu einer enormen Belastung oder gar zu Tätigkeiten, die selbst dem blassesten Schwachkopf Sex-Appeal verleihen."

Mutti ist die Beste?

"In den meisten Fällen ist es jedoch schlicht die Aufteilung in Vollzeitmutter und Hauptverdienervater, die die eine zur Babyexpertin und den anderen wider Willen zum Dilettanten macht. Das bedeutet, dass sich die Kompetenzen in Bezug auf das Kind qua Learning by Doing tatsächlich in Richtung traditioneller Zuschreibungen verfestigt haben. Was sich allerdings jederzeit umkehren lässt. Alles andere würde ja bedeuten, dass Männer qua Gene auf eine Außenseiter-Position festgelegt sind. Was wiederum das Eltergeld obsolet machen würde (...) Wenn sich eine Vollzeitmutter tatsächlich mit Händen und Füßen gegen eine zeitweise Umkehrung oder Angleichung der Rollen wehrt, dann hat sie sich wahrscheinlich in ihrer neuen Identität eingerichtet und möchte sie nun, nachdem sie schon ihren Job aufgegeben hat, nicht auch noch verlieren. Nicht wenige Frauen orientieren ihr Selbstbild an den neuen eingeschränkten Möglichkeiten und richten ihr Talent und ihre Energie vollständig auf ein ideales Kind."

"Unseligerweise hält sich der Irrglaube von der stärkeren Mutterbindung bei beiden Geschlechtern. Auch die Mütter neigen dazu, die Nähe zum Kind als quasi angeborene Kompetenz zu betrachten, nicht wenige reißen dem Vater den Säugling aus den Händen, sobald er schreit. Und der verunsicherte Vater streckt ihnen das Kleine schon beim ersten Ton entgegen. Mutterliebe ist weder biologisch noch psychologisch gesehen eine Selbstverständlichkeit, aber im Gegensatz zur Vaterliebe hat sie den Status einer sozialen Norm, die beide Geschlechter auf ein Klischee festlegt, das ihnen in der Beziehung zum Kind im Weg stehen kann (...) Der Mythos einer instinkthaften Mutterliebe stempelt den Vater schon gedanklich zum Außenseiter - oder verweist ihn zumindest in die zweite Reihe der Liebeshierarchie (...) Nicht wenige Väter allerdings empfinden ihren Platz in der zweiten Reihe durchaus als Vorteil: Ohne Zweifel lässt sich so mancher Vater gern auf die Rolle des wohlmeinenden, aber inkompetenten Hilfsarbeiters festlegen, wenn er damit ein Alibi geliefert bekommt, nachts durchschlafen zu können."

Väter und Mütter als Vorbilder?

"... dass Kinder sehr viel mehr aus dem lernen, was die Eltern ihnen vorleben, und nicht aus dem, was diese behaupten oder ihnen von anderen beibringen lassen. Und das bedeutet im Falle der typischen vollzeit- oder teilzeitbeschäftigten, aber gleichzeitig hingebungsvollen Mutter, dass die traditionelle Rollenverteilung auch für die nachfolgende Generation betoniert wird. Denn die Kinder erleben ihre Mutter als Ernährungsberaterin, Chauffeuse und Hausaufgabenbetreuerin, ihren Vater dagegen als einen Vertreter aus der Erwachsenenwelt, der dort Aufgaben und Pflichten erfüllt und nur nach Feierabend und an den Wochenenden Zeit für sie hat. Die Mama jedoch gehört vor allem in ihre Welt. Die Leistungsorientierung und die angepeilte spätere Unabhängigkeit kollidieren besonders bei den Mädchen mit dem Vorbild der eigenen Mutter. Die sich vor allem um das Vorankommen der Kinder, aber wenig um die eigenen Potentiale kümmert."

Mütter gegen Mütter?

"... ist es nicht verwunderlich, dass die öffentliche Debatte über den 'richtigen Umgang' mit Kindern allein um die Präsenz und die Fähigkeiten der Mütter kreist. Und dass es keiner Männer bedarf, um sie anzuheizen oder eskalieren zu lassen (...) Der Frust über die eigene Lebenssituation und die unrealistischen Ansprüche von allen Seiten richten sich selten gegen gesellschaftliche Zwänge oder gegen 'unbewegliche Männer', die vom mütterlichen Zickenkrieg profitieren, indem sie ihre Verantwortung delegieren können."