Familie
 
Müttersorgen und Väterfrust - alles "Kinderkacke"?

Thomas über die Frage, ob Familien ein eigenes Haus brauchen

"Sobald Kinder da sind, pflanzt sich ein Wahn in die Gehirne meiner Freunde ein: ICH MUSS EIN HAUS HABEN. Sie verschwenden keinen Gedanken an Nachbarschaftsstreit, öde Vorstädte, in denen es nicht einmal eine einzige annehmbare Bar gibt, an allabendliches Fernsehglotzen, da sonst nichts mehr zu tun ist. Alle denken nur noch daran, dass die Kinder selig im Garten spielen und sich später nicht wie Benachteiligte fühlen. In Deutschland, wo es glücklicherweise immer eine starke Mittelschicht gab, herrschte auch immer ein starker Druck zur Mitte. Heute gibt es nur noch Druck nach oben. Niemand möchte zu den Verlierern gehören. (...) Am Anfang geht es meinen Freunden eigentlich sehr gut in ihrer Mietwohnung. Dann reift in ihnen der Entschluss heran: WIR BRAUCHEN EIN HAUS. Er kommt wie von selbst, völlig unreflektiert, er ist einfach da, er umgeht alle höheren Bewusstseinsfunktionen. Wenn es einmal so weit ist, kann man diese Freunde vergessen. Fortan werden sie noch mehr arbeiten und ihre geringe Freizeit mit Besichtigungen, dann mit Maklern, danach mit Räumen und Renovieren verbringen. Wenn man sie überhaupt mal zu Gesicht bekommt, werden sie jammern, dass die Frau sauer ist, weil sie sich vernachlässigt fühlt (...)

Wenn du dein Haus dann hast, geht der Ärger ja erst richtig los. Jetzt sitzt dir wie eine Faust ein Kredit mit dreißig Jahren Laufzeit im Nacken. Nun ist die Angst vor der Kündigung dreimal so groß (...) Die Kosten potenzieren sich: Da man jetzt am Stadtrand wohnt, muss ein Auto her. Beziehungsweise, wenn eines da ist, muss noch eins her. Die Frau will auch mobil sein, wenn der Mann mit der Schüssel zur Arbeit ist. Ganz zu schweigen von den Kosten, die mit der Bekämpfung der Langeweile verbunden sind. Also: Malkurse, der überlebensnotwendige Tropenurlaub, der größere Fernseher."

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