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Ich verzeihe dir

Verzeihen kann man lernen

Mit der Fähigkeit, verletzbar zu sein, kommen wir auf die Welt, nicht aber mit der Fähigkeit zum Verzeihen. "Für die meisten ist das Verzeihen-Lernen ein mühsamer Prozess, denn kaum jemand bekommt von seinen Eltern vorgelebt, wie man anderen Menschen vergibt", so Dr. Beate Weingardt.Wer bei seinen Eltern nicht sieht, dass Verzeihen kein Eingeständnis von Schwäche und Schuld ist, dem wird es selbst auch schwer fallen, zu verzeihen. Trotzdem kann man das Verzeihen lernen.

1. Ich sehe mich nicht länger als Opfer. Im ersten Gefühlschaos ist das normal: Ich wurde verletzt - und nur das zählt. Ich bin das Opfer, das leidet. Der andere ist der Täter, der mir unrecht getan hat. Aber ist es wirklich so einfach? Gibt es nur Gut und Böse? Vielleicht gelingt es ja, den anderen auch unabhängig von der aktuellen Verletzung zu sehen. Vielleicht kann ich anerkennen, dass er viel Stress im Job hat und deshalb den Geburtstag der Schwiegermutter vergessen hat. Oder dass er mir nicht erzählen will, mit wem er telefoniert hat,weil ihn die ständige Fragerei schon bei seinen Eltern so genervt hat. Und: Auch Menschen, die uns verletzt haben, haben liebenswerte Seiten. Eigentlich mögen wir sie, sonst hätten sie uns nicht so verletzen können. Achtung, Respekt und Sympathie können gute Helfer sein, wenn es ums Verzeihen geht.

2. Ich gebe mir Zeit. Verletzungen, vor allem die großen, verheilen nicht von heute auf morgen. Deshalb darf man sich auch mit dem Verzeihen Zeit lassen. Mit etwas Abstand kann man die Dinge häufig etwas nüchterner betrachten.Was mir heute noch unverzeihlich vorkommt, ist nächsten Monat vielleicht vergessen. Zumindest aber wird das Gefühl der Kränkung mit der Zeit schwächer. Und damit nimmt die Bereitschaft zu, jemandem einen Fehler nachzusehen.

3. Ich suche mir einen unabhängigen Gesprächspartner. Denn der kann im Zweifelsfall besser beurteilen als ich, ob es berechtigt ist, wegen einer zerbrochenen Blumenvase tagelang zu schmollen.Wie schon beschrieben, spielen bei Verletzungen viele unterbewusste Muster ein Rolle - und manchmal reagiert man auch einfach unangemessen auf eine Verletzung. Durch Rückfragen meines Zuhörers (Wie kommst du darauf? Was genau hat er gesagt?) werde ich gezwungen, mehr Klarheit in mein eigenes Denken und Fühlen zu bringen.

4. Ich brauche keine Entschuldigung. Natürlich bereitet uns ein reuiges Schuldbekenntnis Genugtuung. Aber darauf zu warten, kann uns unter Umständen Jahre unseres Lebens kosten. Und damit einiges an Lebensfreude nehmen.Viel besser ist es, ganz unabhängig vom anderen zu entscheiden, ob man verzeihen will oder nicht, und wann es so weit ist. Denn so befreien wir uns aus der Opferhaltung, werden aktiv und nehmen unser Leben selbst in die Hand.

Zum Weiterlesen

Beate Weingardt: Das verzeih ich dir (nie)! Kränkungen überwinden, Beziehungen erneuern, R. Brockhaus, 10,90 Euro Fred Luskin: Die Kunst zu Verzeihen,mvg , 8,90 Euro