Richtiges Verhalten vor den Kindern
 
Stark sein - oder losheulen?

Wann muss man Haltung zeigen, wann dürfen die Gefühle raus? Eltern.de bekam auf diese Frage viele kluge Antworten für den Familienalltag.

Wenn es brodelt

Richtiges Verhalten vor den Kindern: Stark sein - oder losheulen?

Sonja hackt auf die Zwiebel ein. Diesen Fondue-Abend heute - wie soll sie den nur durchstehen? Gemütliches Beisammensein im trauten Familienkreis - gar nichts braucht sie jetzt weniger. Losschreien könnte sie vor Wut, statt hier in der Küche Dips zu rühren. Oder einfach nur heulen. Weil sie sich hintergangen fühlt: Gerade hat sie rausgekriegt, dass ihr Mann eine Schramme ins Familienauto gefahren hat. Okay, das kann jedem passieren. Nur leider gibt dieser Mann nie was zu. Lieber lässt er die Stelle klammheimlich lackieren, während seine Frau auf Dienstreise ist. Kosten: 400 Euro.

Und jetzt kommt Tochter Anna zur Tür herein und will wissen: "Mami, was guckst du denn so komisch?" Soll Sonja ehrlich antworten? Dem Kind erklären, dass sie verletzt und voller Misstrauen ist? Wer weiß, was ihr Mann ihr noch alles verheimlicht? Und wieso kommt sie, Sonja, immer mit gesenktem Kopf an, wenn ihr ein Missgeschick passiert? Gerade neulich wieder: "Ich muss dir was sagen, ich habe meine Brieftasche verloren."

Sonja fragt sich, ob sie auf Dauer mit einem Mann zusammenleben will, der Fehler immer nur bei anderen erkennt. Aber das kann sie der Tochter auf keinen Fall sagen. Man soll Kinder nicht in Erwachsenenkonflikte hineinziehen. Man muss sich zusammenreißen können - das war schon immer ihre Meinung. Zumal sich Anna auf den Familienabend freut. Also macht Sonja gute Miene zum bösen Spiel: "Nein, Liebes, alles okay. Kannst du schon mal den Tisch decken?" Stark sein oder losheulen - im Kreis von Freundinnen ist das Thema höchst umstritten. Kein Wunder – schließlich gibt es heute kein klares Verhaltensmodell mehr. Zur Zeit unserer Großeltern galt die Devise: Contenance wahren um jeden Preis! 30 Jahre später, im Kinderladen, kam die Urschrei-Therapie in Mode: Alles muss raus!

Heute, noch mal eine Generation später, sind wir in Fragen der Haltung gespalten: Die einen finden, man muss authentisch sein und seine wahren Gefühle zeigen. Die anderen sagen: Gefühle muss man für sich allein klären, und Kinder brauchen starke Eltern. Dazu gehört, dass man zuverlässig ist, sich vor ihnen nicht gehen lässt und sie schon gar nicht als seelischen Mülleimer missbraucht.

Entscheidung von Fall zu Fall

Zum Leben gehören auch schwere Zeiten.

Da das Leben aber kompliziert und mit Patentrezepten nicht wirklich zu bewältigen ist, endet die Debatte meist mit der Feststellung: Kommt auf den Einzelfall an. Meine Freundin Friederike zum Beispiel hatte neulich ihrem zehnjährigen Sohn versprochen, mit ihm auf dem Kinderflohmarkt einen Stand zu machen. Blöderweise war Friederike am Abend zuvor versackt und hatte den dicksten Kopf ihres Lebens, als Luka am Sonntagmorgen an ihrem Bett aufkreuzte: "Kurz war ich versucht, mir die Decke über den Kopf zu ziehen und dem Kind zu sagen: ,Tut mir Leid, ich habe schreckliche Halsschmerzen", gibt Friederike zu. "Aber dann fiel mir ein, dass der Kinderflohmarkt nur viermal im Jahr stattfindet. Und dass es im Übrigen meine Schuld war, dass ich einen Kater hatte." Friederike hat sich aus dem Bett gequält.

Auf der anderen Seite gibt es Situationen, in denen Friederike mit offenen Karten spielt: Die 40-Jährige leidet unter chronischem Rheuma, was ihre Arbeit als Schauspielerin extrem behindert. Wenn sie einen Schub hat, kann sie nicht gehen und die Hände nicht bewegen - gerade neulich hat sie deswegen einen Lehrauftrag an einer Schauspielschule verloren. Wenn dann noch eine unerwartet hohe Rechnung ins Haus flattert, kann es passieren, dass sie in Tränen ausbricht. "Ich finde, man muss seinem Kind nicht vorgaukeln, dass man immer alles im Griff hat", sagt Friederike. "Zum Leben gehören auch schwere Zeiten." Wenn Luka dann aber eine Zahnspange braucht und besorgt fragt, ob das nicht viel zu teuer sei, kriegt sie trotzdem ein schlechtes Gewissen: Trägt der Zehnjährige nicht doch zu viel Verantwortung für sein Alter?

Julia findet diese Sorge unbegründet: "Kinder werden heutzutage viel zu sehr geschont", sagt die Erzieherin und Mutter zweier Kinder. Ihr Mann hat letztes Jahr seinen Job in einer Werbeagentur verloren. Mit ihrem Gehalt und dem Kredit für das Eigenheim wird es finanziell jetzt ziemlich eng. Was auch dazu führt, dass sich Julia viel öfter mit ihrem Mann streitet - auch dann, wenn die beiden Töchter da sind.

Wahrheit bringt Klarheit

Man kann nicht 100 Jahre weinen.

"Wir haben den Kindern erklärt, warum wir im Moment Stress haben - allein schon, damit die sich nicht selbst die Schuld geben." Das ganze Ausmaß der Belastung sagen sie dabei nicht - im Gegenteil, sie machen auch bewusst Hoffnung: "Irgendwann wird Papa wieder einen Job finden. Bis dahin müssen wir überlegen, was zu tun ist." Die Ältere der beiden Schwestern hat daraus bereits Konsequenzen gezogen: Sie hat das Fahrrad, das sie zur Konfirmation bekommen sollte, im Internet ersteigert und dadurch 250 Euro gespart.

"Kinder wollen helfen", bestätigt Frauke, die in der Krise steckt, seitdem ihr Mann vor drei Jahren von einem Tag auf den anderen zu seiner Freundin gezogen ist. Frauke versucht, die schlimmsten Heulanfälle dann zu kriegen, wenn ihre drei Kinder im Kindergarten oder in der Schule sind. Passiert es doch in deren Anwesenheit, kommen die Kinder oft auf ihren Schoß gekrochen und nehmen sie ganz fest in den Arm: "Ich finde gerade alles ganz schlimm, aber das hat nichts mit euch zu tun", erklärt Frauke dann. "Im besten Fall lernen die Kinder bei dieser Gelegenheit, dass man Gefühle annehmen kann und dass sie auch vorbeigehen. Schließlich kann man nicht 100 Jahre weinen."

Was aber, wenn die Probleme unlösbar erscheinen und man nicht weiß, ob man sein Leben jemals wieder ins Lot bringt? "Kinder brauchen das Gefühl, dass man sich nicht aufgibt und davonmacht", meint Frauke. Wichtig sei, dass man sich selbst Unterstützung holt: in einer Beratungsstelle, durch Singen im Kirchenchor, durch Jammern bei Freunden - wo auch immer. Und dass man den Kindern erlaubt, trotzdem fröhlich zu sein: Vielleicht kann man ein Spielfest zu Hause feiern, sich zusammen über die Eisblumen am Fenster freuen oder gemeinsam Musik machen. Falls man es nicht schafft, kleine Inseln der Unbeschwertheit zu schaffen, brauchen die Kinder in jedem Fall Auslauf: Ermuntern Sie sie also zu Verabredungen, schicken Sie sie zu den Pfadfindern oder zur Oma.

Kinder spüren Probleme

Warum erzähle ich das?

So weit die Ratschläge aus meinem ganz persönlichen Küchenkabinett. Aber was rät die Expertin? Ehrlich sein oder Pokerface machen? Petra Gerhardt-Zander, Kinder-, Jugend- und Familientherapeutin in Darmstadt, räumt als Erstes mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf: "Viele Eltern denken immer noch ,Was ich den Kindern nicht gesagt habe, das ist auch nicht‘." Kinder hören aber das Gras wachsen, nehmen Spannungen und Sorgen seismografisch wahr. Wenn man seinen Kummer leugnet oder herunterspielt, dann geraten sie in eine Zerreißprobe: Was soll ich denn nun glauben? Das, was ich höre, oder das, was ich fühle? Irgendwann trauen sie dann der eigenen Wahrnehmung nicht mehr.

Ist das ein Plädoyer für Offenheit um jeden Preis - nach dem Motto: "Sag mal, Anna, ist dir auch schon aufgefallen, dass dein Vater total unsouverän mit seinen Fehlern umgeht?“ - Sicher nicht! "Eltern sollten sich, bevor sie in Anwesenheit ihrer Kinder mit ihren Nöten herausplatzen, immer fragen: ,Warum erzähle ich das?‘ ", rät Petra Gerhardt-Zander. "Um meinem Kind eine wichtige Information zu geben? Oder weil ich mich selbst entlasten will, vielleicht sogar einen Verbündeten suche?“ Im ersten Fall dient die Offenheit der Orientierung: Das Kind erfährt, woran es, ist und bleibt nicht länger seinen Fantasien ausgeliefert, die meist noch schlimmer sind als die Realität.

Im zweiten Fall geht es um den bedürftigen Erwachsenen, der einen Teil seiner Überforderung an das Kind loswerden will. Im Extremfall übernimmt das Kind eine Verantwortung, der es nicht gewachsen ist: "Ich kann jetzt nicht weggehen, sonst ist Papa ganz traurig. Ich muss jetzt immer alles ordentlich machen, weil Mama so erschöpft ist." Die Schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller hat den damit verbundenen Selbstverlust in ihrem Buch "Das Drama des begabten Kindes" (suhrkamp taschenbuch, 14,90 Euro) eindrucksvoll beschrieben.

Schwächen zeigen Stärke

Und was bedeutet das alles nun für Sonjas Fondue-Abend? War ihre Entscheidung richtig, das Familienessen irgendwie über die Bühne zu bringen? Petra Gerhardt-Zander rät von solchen Zwangsveranstaltungen ab: "Eltern haben auch ein Recht auf Unpässlichkeiten. Sie sind nicht allwissend oder unfehlbar und dürfen ihre Kinder auch mal enttäuschen", sagt die Therapeutin. Das sei - wenn die Beziehung sonst stimmt - sogar förderlich: Denn Väter und Mütter, die ständig zur Verfügung stehen und jeden Konflikt vermeiden, sind konturlos wie eine Gummimasse und taugen nicht als Vorbild für soziale Kompetenz.

Wie aber kann man zugleich ehrlich sein und den Schaden begrenzen? Vielleicht lässt sich die Sache doch auf eine einfache Formel bringen: Starke Eltern verschwenden ihre Energie nicht darauf, ihre Probleme zu verbergen, sondern nutzen ihre Kraft, um sie zu lösen. "Weißt du was, Anna, ich bin sauer auf deinen Papa", hätte Sonja sagen können. "Ich habe jetzt keine Lust auf den Fondue-Abend - den schieben wir auf. Das tut mir Leid für dich, denn du kannst nichts dafür. Aber ich muss das jetzt erst mal mit deinem Vater klären."