Trennung
 
Müssen Scheidungskinder leiden?

Die Trennung der Eltern ist für Kinder immer schlimm. Aber die düsteren Szenarien, nach denen Scheidungskinder die großen Verlierer gescheiterter Ehen sind, gelten heute als längst nicht mehr zeitgemäß.

Vater und Sohn im Gespräch
Thinkstock, Andrew Lever

Was eine Trennung für Kinder bedeutet und wie Familien diese Krise am besten bewältigen können, darüber sprach ELTERN-Redakteurin Christiane Börger mit dem Züricher Professor Remo Largo. Er ist Autor des Buches "Glückliche Scheidungskinder".

ELTERN: Für Kinder ist die Trennung von Mama und Papa eine Katastrophe. Warum?
Remo Largo: Ein Kind erlebt sich und seine Eltern als eine Einheit, die drei gehören ganz einfach zusammen. Es ist unvorstellbar, dass Mama irgendwann mal ohne den Papa war, vielleicht einen anderen Partner hatte oder in einer anderen Stadt lebte. Das ist nicht Teil der kindlichen Logik, und deshalb kann man es ihm auch nicht verständlich machen.

Heißt das, alle Erklärungsversuche der Eltern, warum sie sich nicht mehr verstehen und warum sie sich trennen wollen, kommen beim Kind nicht an?
Zumindest nicht so, wie wir uns das vorstellen. Sagt man zum Beispiel, dass Mama und Papa sich nicht mehr verstehen, nur noch streiten und deshalb auseinandergehen wollen, denkt ein Kind: "Aber ich streite mich doch auch mit meinem kleinen Bruder – und wir bleiben trotzdem zusammen."

Was sagt man also einem Vierjährigen, dessen Eltern sich trennen wollen?
Erklären, weshalb Mama und Papa auseinandergehen, kann man nicht. Aber es ist sehr wichtig, gemeinsam mit dem Kind zu reden, ihm zu sagen, wie alles weitergehen wird, und vor allem: seine Fragen kindgerecht zu beantworten. Danach zählt nur noch, was das Kind erlebt. Es kann mit dem Versprechen „Papa kommt dich jedes Wochenende besuchen“ wenig anfangen. Es hat von diesen zeitlichen Dimensionen keine Vorstellung. Es muss ganz einfach die Erfahrung machen, dass Papa regelmäßig kommt, anruft, da ist. Es muss konkret erleben: „Für mich ändert sich nichts, auch wenn Mama und Papa nicht mehr zusammen sind.“ Wenn die Beziehungen erhalten bleiben, verliert die Trennung ihren Schrecken.

Mal ehrlich, wie viele Paare schaffen das? Eine Trennung ist verbunden mit Trauer, Wut und Enttäuschung. Da kann man doch nicht einfach sagen: "Okay, als Paar sind wir zwar getrennt, aber als Eltern bleibt alles beim Alten."
Doch, das kann man. Ich würde sagen, etwa einem Drittel der Eltern gelingt das auch. Und ein weiteres Drittel könnte es schaffen, wenn sie die nötige Unterstützung durch Therapeuten oder Mediatoren bekämen. Ich sage nicht, dass das leicht ist. Im Gegenteil: Es ist ein hartes Stück Arbeit. Aber es ist möglich.

Kein Verständnis also für Mütter, die ihre Ex-Männer am liebsten zum Teufel jagen würden? Oder für Väter, die sich vor lauter Frust erst mal zurückziehen?
Ich habe Verständnis für die Eltern, die spontan so einen Impuls haben – das ist menschlich. Aber nicht für die, die das dann auch durchziehen. Wer Kinder in die Welt setzt, hat die Verantwortung, dass es ihnen gut geht. Und dass es ihnen nach einer Scheidung nicht schlechter geht als vorher! Die Voraussetzung dafür ist, dass sich Mutter und Vater während und nach der Trennung zusammenreißen; und nicht in erster Linie sich und ihr Leid sehen, sondern das Wohlbefinden ihrer Kinder.

Das klingt hart.
Es ist hart. Aber man kann es auch positiv sehen. Verantwortung zu übernehmen und nicht in Leid und Trauer zu versinken, gibt auch den Erwachsenen Halt und Sicherheit. Das Leben bleibt sinnvoll, wenn man sich klarmacht, dass es einen oder zwei kleine Menschen gibt, um die man sich jetzt mehr denn je kümmern muss.
 

Aber landen wir dann nicht ganz schnell bei jenen Alleinerziehenden, die in ihren Kindern ihren einzigen Lebenssinn sehen, eventuell sogar einen Partnerersatz? Das ist doch eher eine Bürde als eine Hilfe für die Kinder.
Verantwortung heißt auch, seine Kinder nicht für sein eigenes Seelenheil zu missbrauchen. Die Versuchung ist groß, fehlende Liebe und Anerkennung bei seinen Kindern zu suchen oder Ärger und Frust über den Ex-Partner bei ihnen abzuladen. Aber dazu sind Kinder nicht da, das ist eine Form von emotionalem Missbrauch! Deshalb sollte man sich so schnell wie möglich Hilfe holen, wenn man merkt, dass man mit der Trennung nicht klarkommt. Für eine gelungene Trennung ist es immens wichtig, die schlimmen Erlebnisse, seine Trauer und sein Scheitern zu verarbeiten. Oft ist das nur mithilfe eines Therapeuten möglich. Manchmal können auch gute Freunde helfen. Wichtig ist, dass man sich nicht zurückzieht und versucht, alles nur mit sich und den Kindern auszumachen. Je offener man mit der Trennung umgeht und je größer der Wille zu einem Neuanfang ist, desto besser.

Aber vielen Eltern, gerade Müttern, fällt es schwer, selbstbewusst mit dieser Situation umzugehen. Alleinerziehende werden doch immer noch etwas mitleidig angeguckt ...
Alleinerziehend zu sein, ist sicher nicht leicht. Wenn seelische Tiefs und finanzielle Probleme dazukommen, stoßen viele an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit. Dennoch glaube ich, dass man heute erhobenen Hauptes sagen kann: Ich bin alleinerziehend. Die Zeiten, in denen man eine Scheidung als Schande empfinden musste, sind vorbei. Fast jede zweite Ehe scheitert heute. Es ist normal geworden, sich zu trennen, wenn das Zusammenleben nicht mehr funktioniert. Und, ehrlich gesagt, finde ich das auch gut so! Es ist besser, als eine Fassade aufrechtzuerhalten, hinter der die Kinder leiden. Sie können sich vom Streit der Eltern nicht distanzieren. Bei jeder Auseinandersetzung glauben sie, sie seien schuld. Alle negativen Gefühle, die zwischen den Eltern hin- und hergehen, übertragen sich eins zu eins aufs Kind. Man überlege sich doch nur mal, wie es einem selber geht, wenn man zwischen zwei streitenden Freunden steht – selbst als Erwachsenem gelingt es einem kaum, sich der schlechten Stimmung zu entziehen. Kinder erleben so etwas um ein Vielfaches extremer! Es heißt doch immer, Kinder brauchen gute Vorbilder. Aber sind Eltern, bei denen die Teller an die Wand fliegen, einer ständig weint und der andere fremdgeht, gute Vorbilder? Ich glaube nicht.

Dann ist es also besser, sich zu trennen?
Auf jeden Fall. Damit meine ich nicht, dass man eine Beziehung aus einer Laune heraus leichtfertig beenden sollte. Vielleicht sind wir heute manchmal etwas zu schnell dabei. Sobald eine Beziehung nicht mehr ganz rund läuft, der Partner nicht mehr alle Bedürfnisse hundertprozentig befriedigt, setzen wir einen Schluss strich. Manchmal wünsche ich mir für Familien etwas mehr Ausdauer.

Wann ist es Zeit, sich zu trennen?
Diese Frage kann nur jedes Paar für sich selbst beantworten. Mir geht es nur darum, die Trennung nicht pauschal zu verteufeln. Kinder leiden auch in einer vollständigen, aber beziehungsgestörten Familie. Wir müssen akzeptieren, dass sich die Zeiten geändert haben. Menschen gehen ein Stück ihres Lebens gemeinsam, und sie trennen sich wieder. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, den Eltern zu erklären, dass eine Trennung nicht das Ende des Familienglücks bedeuten muss. Wir müssen ihnen Mut machen und kein schlechtes Gewissen! Ich behaupte: Viele Familien funktionieren sogar besser, wenn der tägliche Kleinkrieg unter den Eltern endlich wegfällt. Wem es gelingt, einen Haken hinter seine Beziehung zu machen und sich gleichzeitig vorzunehmen, als Eltern weiterhin zusammenzuarbeiten, der hat gute Chancen, eine „glückliche Scheidungsfamilie“ zu werden. Und dann sind Eltern auch wieder gute Vorbilder: Sie leben ihren Kindern vor, dass eine Trennung nicht das Ende einer Familie bedeutet, sondern der Beginn einer guten neuen Lebensform sein kann.

Ganz konkret: Wie muss eine Trennung ablaufen, damit das funktioniert?
So schwer es sein mag: Eltern sollten sich nicht im Affekt trennen. Häufig ist es so, dass es einen großen Krach gibt und ein Ehepartner holterdiepolter auszieht. Dann gerät man in ein großes Chaos, aus dem man so schnell nicht wieder herausfindet. Eine Trennung sollte gut vorbereitet sein. Drei Dinge sind dabei zu beachten. Erstens: Wie schaffen wir es, dass die Betreuung der Kinder möglichst stabil bleibt? Ein Vater, der seine Kinder früher zwei- bis dreimal pro Woche zu Bett gebracht hat, sollte das auch nach der Trennung tun - ob das nun in seiner eigenen neuen Wohnung stattfindet oder im alten Heim, ist egal. Die Krippe oder der Kindergarten sollte möglichst der alte bleiben, auch die Betreuungszeiten. In der Betreuung mithelfen sollten nur dem Kind vertraute Personen, etwa die Großeltern. Zweitens: Wie schaffen wir es, dass die Beziehung des Kindes zu Mama und Papa die gleiche bleibt wie vorher? Ziel sollte es sein, dass sich fürs Kind trotz Scheidung nichts ändert. Eine Trennung löst im Kind die größte Angst aus, die man sich vorstellen kann. Die Angst nämlich, verlassen zu werden: Wenn Papa geht, dann kann es doch sein, dass Mama auch noch geht, oder? Nur die Erfahrung, dass die beiden genauso viel Nähe und Liebe geben wie vorher, kann diese Angst abbauen. Drittens: Wie schaffen wir es, getrennt zu leben, aber trotzdem weiterhin gemeinsam zu erziehen? Das kann nur gelingen, wenn man sich vornimmt, ab jetzt eine Art Arbeitsgemeinschaft zu bilden, in der man sich regelmäßig austauscht und Absprachen trifft. Es muss gelingen, die gescheiterte Partnerschaft von der Elternschaft zu trennen und in allen Punkten, die die Kinder betreffen, an einem Strang zu ziehen. Auf Spielchen la „Mama hat aber erlaubt ...“ oder „Papa hat aber gesagt ...“ darf man sich gar nicht erst einlassen. Man muss offen miteinander reden und ein gemeinsames Erziehungskonzept haben. Noch mal: Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das ist. Aber die erste Hürde ist geschafft, wenn man sich fest vornimmt, diese Aufgabe zu meistern. Und ich bin überzeugt: Dann ist die Trennung keine Katastrophe fürs Kind.

Trotzdem hört man immer wieder, dass Scheidungskinder die großen Verlierer einer Trennung sind: Sie werden wieder zu Bettnässern, sind schlecht in der Schule, haben später selbst Schwierigkeiten, Beziehungen zu führen. Stimmt das alles nicht?
Es gibt viele solcher Untersuchungen. Es gibt aber auch viele andere, die zeigen, dass Kinder genauso leiden und auffällig werden, wenn sie in vollständigen, aber schwer beziehungsgestörten Familien aufwachsen müssen. Ich bin mir sicher: Kinder leiden nicht unter der Scheidung ihrer Eltern, sondern unter schlechten Beziehungen. Und die kann es mit oder ohne Trennung geben.