Inklusion
 
"Mama, warum sabbert der Mann da?"

Wenn Kinder Menschen mit Behinderungen sehen, stellen sie oft direkte Fragen. Peinlich? Nein, ganz normal! Und für Eltern eine Chance, den Umgang mit behinderten Menschen zu üben. Damit das leichter fällt, haben wir Expertentipps und ungewöhnliche Kinderbücher.

Kleiner Junge zeigt auf etwas
iStock, Kosamtu

Der Peinlichkeits-GAU für viele Eltern: Ihr Kind erspäht auf der Straße einen spastisch gelähmten Mann und ruft laut: „Mama, warum sabbert der Mann da?“ Was tun? Generationen von Eltern haben in solchen Fällen „Psssst!“ gesagt und das Kind schnell weggezogen. Aber das ist für alle Beteiligten die schlechteste Lösung. Für den Mann im Rollstuhl, weil er einmal mehr das Gefühl bekommt, man müsste ein Kind vor ihm in Sicherheit bringen. Aber auch für das Kind, weil es keine Chance bekommt, mit behinderten Menschen ganz selbstverständlich umzugehen.
Auch, wenn wir solche Kinderfragen als peinlich empfinden: Es ist eine völlig natürliche Reaktion, Fragen zu stellen, wenn ein Mensch anders ist als andere. Wir sind soziale Wesen und haben feste Vorstellungen, wie unsere Mitmenschen auszusehen und sich zu verhalten haben. Alles andere irritiert uns, weckt Neugier, vielleicht auch Unbehagen. Und kleine Kinder zeigen diese Reaktionen noch ganz unbefangen. Was können Eltern also tun in solch einer Situation? Susanne Wendel, Diplom-Pädagogin und selbst Mutter eines geistig behinderten, erwachsenen Sohnes:

  • Bleib ruhig und sachlich. In diesem Beispiel könntest du etwa sagen: „Wahrscheinlich sind die Muskeln im Gesicht des Mannes zu schwach und können den Mund nicht richtig schließen. Probier mal: Du kannst deinen Mund auf- und zumachen, aber nicht alle Menschen können das.“
  • Wenn sicher ist, dass der Betreffende die Frage deines Kindes gehört hat, kannst du auch die Flucht nach vorn ergreifen und ihn selbst höflich um eine Antwort bitten. Wichtig: Wende dich zuerst direkt an ihn und nicht an die Begleitperson. Denn Menschen mit Behinderungen verstehen oft mehr, als man denkt. Und wenn nicht, dann wird der Begleiter schon vermitteln.
  • Manche Behinderungen können zu bizarrem Verhalten führen, zum Beispiel spastische Lähmungen oder Autismus. Wenn dein Kind sich ängstigt, kann man direkt den Betreuer ansprechen und ihn bitten, das Verhalten zu erklären.
  • Solch ein direktes Ansprechen kostet natürlich viel Mut und ist nicht jedermanns Sache. Leichter fällt es, wenn du dich und auch dein Kind auf solche Situationen vorbereitest, indem du dir darüber Gedanken machst, welche Gefühle du selbst beim Anblick von behinderten Menschen hast.
  • Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Kinderbüchern, die sich mit dem Thema Behinderung beschäftigen. Wir stellen hier einige besonders empfehlenswerte vor.
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