Väter
 
Sind die Männer heute zu mütterlich?

Die "neuen Väter" nehmen Elternzeit und fühlen sich auch für Wickeltisch und Waschmaschine zuständig. Super? Nein, sagt der Theologe und Erziehungswissenschaftler Matthias Stiehler. Wir stellen ihnen einige seiner Thesen vor, in denen er den Verlust der Väterlichkeit beklagt.

Experte klagt: Wir verlieren die Väterlichkeit!

Väter: Sind die Männer heute zu mütterlich?
Seit Jahren ist die Rede von den "Neuen Vätern", die ganz anders sind als ihre Großväter und Urgroßväter: nicht mehr abweisend und abwesend, sondern offen, liebevoll, zugewandt. Die mehr Elternzeit nehmen denn je und sich heute nicht nur für den Spielplatz zuständig fühlen, sondern auch für Wickeltisch und Waschmaschine.
Ausgerechnet jetzt beklagt der Theologe und Pädagoge Matthias Stiehler in seinem Buch "Väterlos. Eine Gesellschaft in der Krise" (Gütersloher Verlagshaus, 19,99 Euro) den Verlust der Väterlichkeit. Warum? ELTERN besuchte den Autor in Dresden.
Anschließend haben wir Ihnen Stiehlers wichtigste Thesen zusammengestellt.
 

Matthias Stiehler über Väterlichkeit

"Es mangelt in Deutschland nicht an Vätern. Was fehlt, ist Väterlichkeit. Die entsteht aber nicht einfach, wenn ein Mann Vater wird oder mit Kindern zusammenlebt. Väterlichkeit ist eine Summe bestimmter Eigenschaften, die ein Vater haben sollte - Prinzipienfestigkeit, Ehrlichkeit, Konfliktfähigkeit, Strenge zum Beispiel."

Matthias Stiehler über den Unterschied zwischen Väterlichkeit und Mütterlichkeit

"Vom Prinzip her ist die mütterliche Haltung eine beschützende, versorgende, die aus der einmaligen Verbindung zwischen Mutter und Kind hervorgeht. Die väterliche Haltung ist eher eine begrenzende. Sie steht für Autorität und manchmal auch Härte, deren Aufgabe es ist, das Kind auf das Leben außerhalb des geschützten Raums Familie vorzubereiten. Im Idealfall ergänzen sich beide Prinzipien und halten sich die Waage. Aber wir leben heute fast schon in einem Familienmatriarchat, da gibt es ein Ungleichgewicht zugunsten der Mütterlichkeit."

Matthias Stiehler über Väter, die nicht nein sagen können

Wir produzieren eine kastrierte Väterlichkeit!

"Ob ein Vater nun seiner Vierjährigen ein Computerspiel erlaubt, das er für pädagogisch fragwürdig hält, oder ob er die Schweinerei, die der Sohn beim Abendessen gemacht hat, selbst beseitigt. Er verhält sich unväterlich. Er lenkt ein, geht Konflikten aus dem Weg, versucht, seinem Kind Frustrationen zu ersparen statt klar zu sagen, was er will. Wenn er dann doch mal auf den Tisch haut und seinen Sohn anfährt: 'Es reicht. Du gehst jetzt in dein Zimmer' - dann sagt die Mutter garantiert: 'Jetzt sei doch nicht so laut zu ihm!' Es ist paradox - wir wünschen uns mehr väterliche Autorität, aber sie soll nicht weh tun. Aus Angst, der Vater könnte so brutal werden wie er früher mal war, produzieren wir eine kastrierte Väterlichkeit, angepasst, gutwillig und bloß nicht unangenehm."

Matthias Stiehler über den Vorwurf, er festige durch seine Unterscheidung zwischen mütterlichem und väterlichem Prinzip die traditionelle Frauen- und Männerrolle

"Ich vertrete zwar die altmodische Ansicht, dass Kinder im ersten Jahr bei der Mutter am besten aufgehoben sind - aber ich will das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Die Entwicklung, dass Väter sich in der Familie heute stärker engagieren, finde ich gut. Ich halte auch die Forderung an viele Väter, noch aktiver zu werden, für berechtigt. Aber nicht, wenn es nur darum geht, die Mütter zu ersetzen."

Matthias Stiehler über die Unersetzlichkeit des Vaters

"Der Vater ist unentbehrlich, weil er einfach anders ist. Seine Stimme klingt anders, er fasst sein Kind beim Wickeln anders an, er spielt wilder. So lernt das Baby schon früh, dass es im Leben noch etwas außerhalb des kleinen Mutter-Kind-Kosmos gibt. Der Vater eröffnet neue Horizonte, indem er die exklusive Mutter-Kind-Beziehung aufbricht. In der Psychologie nennt man das Triangulierung. Diese Dreierbeziehung ermöglicht es dem Kind, sich getrennt von der Mutter zu erleben, und sich damit für weitere Beziehungen zu öffnen."

Matthias Stiehler über die Tatsache, dass Väter gern toben und Mütter ihre Kinder nie in die Luft werfen

"Für das chaotische, anarchische Element ist der Vater zuständig. Für sein Kind verkörpert er die Realität außerhalb der Mutterwelt. Wie viel Realität er seinem Kind zumuten will, muss jeder Vater selbst entscheiden. Aber es ist seine Aufgabe, die Neugier auf die Welt bei seinem Kind lebendig zu halten und ihm zu zeigen, dass es sich lohnen kann, auch Schmerzhaftes zu wagen: Das aufgeschürfte Knie tut vielleicht noch tagelang weh - aber der Stolz, ganz allein auf den Apfelbaum geklettert zu sein, ist zehnmal größer.
Mütterlichkeit strebt nach Sicherheit. Väterlichkeit dagegen mutet uns die Wahrheit zu, dass absolute Sicherheit ein lebensferner Wunsch ist. Und auch nicht erstrebenswert, denn ein Mehr an Sicherheit bedeutet immer den Verlust von Lebendigkeit. Wer nur immer nur vorsichtig ist, erlebt nichts."

Sagen Sie uns Ihre Meinung zu Stiehlers Thesen!

Was sagen Sie zu den Ansichten von Matthias Stiehler? Sind Sie auch der Meinung, dass sich Männer wieder mehr auf die klassische Vaterrolle besinnen sollten? Oder finden Sie diese Haltung ganz schön altmodisch? Wir freuen uns auf Ihre Beiträge und veröffentlichen sie hier. Einfach Ihre Meinung direkt in die Redaktion schicken!