Erziehung im Auto
 
"Mamaaa! Leo hat aus MEINEM Fenster geguckt!"

Familienautos dienen nur der Fortbewegung? Von wegen! Sternstunden und Tiefpunkte der alltäglichen Erziehung spielen sich bevorzugt zwischen Armaturenbrett und Heckscheibe ab. Erzogen werden dabei allerdings in erster Linie die Eltern. Ein Erfahrungsbericht.

Erziehung im Auto: "Mamaaa! Leo hat aus MEINEM Fenster geguckt!"

Weißt Du noch, wie es war, als Du Dein erstes Kind erwartet hast? Bestimmt hast Du Dir ausgemalt, wie Du Dein Baby wickeln und füttern wirst, mit ihm spielen, schmusen, lachen. Aber mal ehrlich: Gemeinsame Autofahren kamen in Deinen Tragträumen wahrscheinlich nicht vor. Oder? Erfahrene Eltern wissen: In den meisten Familien spielt sich ein nicht unwesentlicher Teil der Erziehung im Auto ab. Erzogen werden allerdings in erster Linie – sie selbst. Zum Beispiel zu …… gutem Benehmen: Du meinst, Du fluchst nicht? Das dachte ich auch, bis mich eines Tages im Stadtverkehr jemand übel schnitt, ich etwas zwischen den Zähnen knurrte und eine glockenhelle Stimme von der Rückbank kam: „Mama, man darf doch nicht Sch….e sagen!“ Ich lernte schnell, fein den Mund zu halten, damit mein einschlägiges Vokabular nicht eins zu eins im Kindergarten erprobt wird.… Gesetzestreue: Doppelt peinlich war der Moment, als ich mit vier Kindern (zwei eigene, zwei von Freunden) auf dem Weg zum Schwimmkurs von einer mobilen Radarkontrolle angehalten wurde. Erst durfte ich den Herren im grünen Mannschaftsbus erklären, warum ich 23 km/h zu schnell gefahren war – und danach noch einmal den Kindern.... Gelassenheit: Ein schreiendes Baby, dass man nicht jetzt sofort stillen kann, ein Stau in der mittäglicher Sommerhitze, zum (gefühlt) fünfzigsten Mal „Bibi und Tina“ auf einer einzigen Autobahnfahrt: Durch manche Qualen müssen autofahrende Eltern einfach durch. Kann wirksamer sein als ein teurer Zen-Kurs!… Noch mehr Gelassenheit: Geschwisterstreit nervt. Und nirgendwo lässt er sich so gut zelebrieren wie im Auto: Die Eltern müssen einfach zuhören, und ein Grund findet sich auf der Rückbank immer. Mein Favorit für Streit aus dem Nichts: „Mamaaa! Leo hat aus MEINEM Fenster geguckt!“… Konsequenz: Auf einer Fahrt von Berlin nach Hamburg merkte meine dreijährige Tochter plötzlich, dass Sie ihren Fünfpunktgurt mit einem Fingerdruck öffnen konnte – und uns damit zum Wahnsinn treiben. Erklären nützte nichts, das Spiel war einfach zu spannend. Sich nach hinten setzen und das Gurtschloss festhalten? Ging auch nicht, dort lag der kleine Bruder in der Babyschale. Mir fiel nichts Besseres ein als ihr zu erklären, dass der Wagen stehenbleibt, wenn sie nicht angeschnallt ist. Ich weiß nicht, wie viele Male ich auf der Standspur anhielt, sobald sie den Gurt öffnete. Aber irgendwann hat sie es geglaubt.… Gespür für den richtigen Moment: Man sitzt ganz nah beieinander, schaut sich aber nicht an: Die Situation im Auto erinnert ein wenig an klassische Psychoanalyse, in der oft auch mehr rauskommt als gedacht. Kleine Geständnisse, Ängste, Hoffnungen, Wünsche: Wer den Mut hat, auch mal ohne permanentes Unterhaltungsprogramm auszukommen, stellt fest, dass lange Autofahrten geradezu Bettkanten-Qualitäten haben.… ungeahnte Kreativität: Einmal bekamen wir bei einem England-Urlaub einen Mietwagen ohne Radio und CD-Spieler und hatten eine Tagesreise von London nach Newcastle vor uns. Erst maulten die Kinder, dann finden sie einträchtig an, alle, aber auch alle Lieder zu singen, die sie überhaupt kannten. Und am Ende sangen wir zu viert. Vieles aus diesem Urlaub habe ich vergessen, diese Stunden nicht.... Loslassen: Inzwischen haben die beiden die Pubertät fast hinter sich. Man könnte sie beinahe für junge Erwachsene halten. Bis zu dem Moment, wo sie zu mir ins Auto steigen. Dann wird gekeift, gestritten und akribisch nachgerechnet: Wer das letzte Mal wo gesessen hat und warum, wer also diesmal vorne sitzen darf und warum und, fast genauso wichtig: wer die Gewalt über die Musikauswahl hat. (Ich werde hierbei erst gar nicht in Betracht gezogen.) Bis zum Führerschein der Großen ist es nicht mehr weit hin. Bin gespannt, worüber sie in Zukunft streiten. Denn vorne sitzen können sie dann ja beide.