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Teil 10 Prada ist nur noch was für Tanten

Mit Kind bleibt nichts, wie es war. Weder Einkaufstouren noch Gesprächsthemen. Ein Lagebericht aus dem vierten Monat als Mutter.

Das muss ich ganz deutlich sagen: Mütter sind keine normalen Menschen. Es fiel mir mal wieder eindringlich auf, als ich jüngst einem Exemplar dieser absonderlichen Spezies beim Einkaufen begegnete. Und, nein, mit Einkaufen meine ich natürlich nicht, dass ich in einer teuren Boutique meterhohe Sandaletten im modischen Metallic-Look anprobierte. Unter Einkaufen verstehe ich derzeit, mannshohe Windelpakete aus Drogeriemärkten zu schleppen oder verzückt eine Menge Geld in topflappengroße Jeanshöschen zu investieren. "Hallo, wie geht's?", frage ich also die mir bekannte Mutter Laura H. hinter einem Berg aus Feuchttüchern und Wickelunterlagen hervor. Und Laura sagte: "Geht so. Wir haben seit gestern grünflüssigen Durchfall."

Das mag nun in den Ohren des einen oder anderen eklig klingen. Aber das ganz besonders Schlimme an dieser befremdlichen Antwort ist, dass ich mich keine Sekunde darüber wunderte. Im Gegenteil. Hoch motiviert und interessiert ließ ich mich auf ein längeres Gespräch über Kot- Konsistenz ein. Eine Unterhaltung über die aktuelle Sommermode hätte nicht anregender sein können. Wir fühlten uns beide so unglaublich gut verstanden, dass wir noch bis zur Kasse weiter fachsimpelten über zähen Nasenschleim und wie man ihn am besten aus Babys Nase heraussaugt.

Zum Abschied sagte Laura H. noch: "Aber das mit eurem gelben Kopfgrind ist besser geworden, oder?" Ich nickte - und bemerkte nicht die Blicke der normalen Menschen.

Nein, Mütter sind nicht normal. Und das ist auch gut so. Denn gerade als Frischlings- Mutter findet man sich häufig in Situationen wieder, die man als normal empfindende und denkende Person nicht bewältigen könnte - zumindest nicht, ohne psychisch Schaden zu nehmen.

Eine dieser seltsamen, neuen und mit nichts aus meinem Leben als kinderlose Frau zu vergleichenden Erfahrungen heißt "PEKiP". Der Patentante meines Sohnes berichtete ich erleichtert, dass ich den letzten freien Platz in einer PEKiP-Gruppe ergattert hatte.

Um PEKiP- und Kindergartenplätze bemüht man sich nämlich am besten bereits vor der Zeugung des Kindes. Ich hatte etliche Absagen bekommen, teilweise mit so ermunternden Äußerungen wie: "Glauben Sie mir, es geht auch ohne PEKiP. Mein Sohn zum Beispiel hat trotzdem studiert."

Ja, was sollte ich denn dazu sagen? Erstens möchte ich nicht unbedingt, dass mein Sohn studiert. Mein Mann hat studiert, und ich weiß, was dabei herauskommt: Wenn man den Videorecorder programmieren oder ein Ikea-Regal aufbauen will, muss eine hoch bezahlte Fachkraft engagiert werden.

Mein Sohn soll das tun, womit er glücklich wird. Er kann machen, was er will - Hauptsache, er trägt die Haare mittellang, feiert Weihnachten bis zu seinem 28. Lebensjahr zu Hause, lässt die Tür zu seinem Zimmer einen Spaltbreit auf, wenn er Mädchenbesuch hat, und wird Elektriker oder Trockenbauer. So was kann man zu Hause immer gebrauchen. Mehr verlange ich ja gar nicht.

PEKiP? Was'n das?", fragte also die ahnungs- und kinderlose Tante. "Die Abkürzung steht für Prager Eltern-Kind-Programm", erläuterte ich altklug, kam aber nicht weiter, weil sie begeistert schrie, da würde sie unbedingt mitmachen wollen, auch ohne eigenes Baby.

Ich war schon geschmeichelt ob dieses rührenden Engagements für ihr Patenkind - bis sich herausstellte, dass sich die Tante verhört und "Prada-Eltern-Kind-Programm" verstanden hatte.

PEKiP" ist eine Versammlung nackter Babys, die in einem warmen Raum auf Gummimatten rumliegen und von ihren engagierten Müttern früh gefördert werden. Viel kann ich dazu noch nicht sagen, denn in unserer ersten Stunde fielen mein Sohn und ich unangenehm auf. Ich, weil ich mir weder den Text der gemeinsam zu singenden Kinderlieder noch die Namen der anderen Kinder und Mütter merken konnte. Mein Sohn, weil er laut schrie und seinem Unmut zusätzlich Ausdruck verlieh, indem er das neben ihm liegende Mädchen anpinkelte.

Ein weiteres aussagekräftiges Beispiel aus dem eigentümlichen Leben von Müttern: Milch abpumpen. Ich muss sagen, ich habe selten einen entwürdigenderen Vorgang erlebt als die Gewinnung von Muttermilch. Es ist noch schlimmer, als im Winter in einer Sammelumkleidekabine Bikinis anzuprobieren. Du fühlst dich wie Kuh an Melkmaschine. Man gibt dabei ein so hammermäßig blödes Bild ab, dass ich an dieser Stelle wirklich nicht weiter ins Detail gehen möchte.

Und wenn man endlich die kostbaren 150 Milliliter zusammengepumpt hat, müssen die ja auch irgendwie heil und ohne Nährstoffverlust zum Patenonkel transportiert werden, der das Baby während des ersten Kinobesuchs der Eltern grundversorgen soll.

Eltern müssen sich unbedingt Zeit für sich nehmen." Das hatte ich gelesen, und dem wollte ich natürlich Folge leisten.

Ich hätte mir für die Muttermilch ja am liebsten Begleitschutz und einen Behälter organisiert, in dem sonst innere Organe zu Transplantationen gebracht werden. So aber sah man mich verkrampft auf dem Beifahrersitz hocken, die Flasche in eine Kühlmanschette gewickelt und fest umklammert.

Baby und Onkel hatten, so wurde berichtet, einen sehr entspannten Abend bei einem schönen Fläschchen Milch. Vater und Mutter wüssten schon heute nicht mehr zu sagen, wie der Film ausging, und ob sie Popcorn oder Nachos dazu aßen. Den Abspann des Films haben sie sich gespart. Beide waren heilfroh, als sie endlich das Kino verlassen und ihren Sohn abholen durften.

Ach, wie gut es tut, ein Kind zu Bett zu bringen. Das ist besser als "Mission Impossible 3": heimelige Geräusche machen. Die Vorhänge zuziehen. Noch ein wenig auf und ab gehen. Das Fenster in Kippstellung bringen. Die Stirn küssen. Noch ein kleines Lächeln geschenkt bekommen, während die Augen schon zufallen. Das Licht löschen. Und stolz und gerührt auf ein schlafendes Kind gucken.

Hier geht es zu Teil 11.


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