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Kolumne Kackikacki und Karriere

Bald ist das Kind ein Jahr alt - Zeit, wieder mehr ans Berufl iche zu denken, findet Ildiko von Kürthy. Und stellt fest, dass es da einige Sprachbarrieren zu überwinden gilt. Lagebericht aus dem elften Monat mit Kind.

Gerade beschäftigen mich zwei Themen ganz besonders: Kommunikation und Karriere. Und zwar in unterschiedlichster Hinsicht. Zunächst wäre da mein anbetungswürdiger Sohn, der mit elf Monaten bereits sprechen kann. Ein Hochbegabter, ganz eindeutig. Er kann jedes Ding, auf das er zeigt - und er zeigt ständig auf etwas -, richtig benennen! Mit einem feurigen und selbstbewussten "DA!" deutet er auf Autos, Hunde und seinen Vater.

Ich habe gehört, dass andere gleichaltrige Kinder bei solchen Gelegenheiten "Auto", "Wauwau" und "Papa" sagen. Pah, da lob ich mir doch die intellektuelle Höchstleistung meines Kindes, das einen übergeordneten, stets zutreffenden Sammelbegriff für einfach alles gefunden hat.

Während die sprachliche Entwicklung meines Sohnes rasante Fortschritte macht, lässt das Ausdrucksvermögen der ihn umgebenden Erwachsenen rapide nach.

Dass man mit anderen Müttern hauptsächlich über Kinder spricht, finde ich natürlich und wichtig. Gerade als späte Erstgebärende ist man sonst relativ allein mit seinem Interesse für Themen wie "Was ist zu tun bei nässendem Ausschlag im Windelbereich?", "Welches Schaukelpferd ruiniert das Parkett am wenigsten?" und "Bindegewebe - was ist das?". Es ist wohltuend zu hören, dass man mit seinen Ängsten und Unsicherheiten nicht allein ist. Ich schlafe gleich viel besser, wenn ich weiß, dass andere auch schlecht schlafen.

Jedoch finde ich, dass auch die Unterhaltungen mit kinderlosen Menschen durch die Anwesenheit eines Kindes an Reiz und Vielfalt verlieren. Der Patenonkel meines Sohnes zum Beispiel - ein Arzt mit etlichen Interessen und hochkarätigen Problemen, also eigentlich ein interessanter Gesprächspartner - benimmt sich immer merkwürdiger.

Ich frage zum Beispiel bei seinem letzten Besuch: "Wie läuft es in der Klinik? Heute schon ein paar Leben gerettet?" Seine Antwort: ein dumpfes "Hmmm". Auf ein kurzes Schweigen folgt dann ohne Vorwarnung eine donnernde, unerwartet engagierte Äußerung: "DUDUDU-DUDADA! JA WO IST DENN MEIN BUBIBUBIBUBI?" Dann stürzt sich der Onkel ohne Vorwarnung auf das Baby, beide wälzen sich grunzend und kichernd über den Boden und geben mir dadurch Zeit, zum Beispiel eine Waschmaschine aus- oder die Spülmaschine einzuräumen.

Ähnliches geschah neulich, als mich meine gute Freundin Nadja besuchte, die ich nicht sehr oft sehe. Wir sitzen auf dem Sofa, Baby beschäftigt sich ganz bilderbuchmäßig mit einem Spielzeug, das ausnahmsweise keinen ohrenbetäubenden Lärm macht, und ich beginne ein ernstes Gespräch über ihren seltsamen Ehemann: "Und was macht Peter? Geht er noch zur Therapie?"

Nadja denkt kurz nach, zumindest denke ich, dass sie denkt. Dann sagt sie: "Wenn das so weitergeht, läuft er in zwei Monaten." Ich gucke irritiert, mein Sohn winkt uns zu, ruft "DA!", und Nadja brüllt begeistert: "Mensch, der meint ja mich!" Mit einem gehaltvollen Gespräch ist jetzt natürlich nicht mehr zu rechnen. Am Rande sei hier bemerkt, dass mein Sohn nicht nur alles "DA!" nennt, sondern auch allem zuwinkt. So macht er sich bei Passanten, Postboten und Fleischereifachverkäuferinnen beliebt, die sich alle persönlich geschmeichelt fühlen, nicht wissend, dass er den Laternenmast um die nächste Ecke ebenso hingebungsvoll begrüßen wird.

Auch die Kommunikation zwischen Eheleuten, die Eltern geworden sind, verändert sich selbstverständlich grundlegend. Beispielsweise schaut man sich beim Reden in der Regel nicht mehr an. Erstens, weil mindestens einer immer das Kind im Auge behält, um zu vermeiden, dass Nachwuchs oder Porzellan zu Schaden kommt. Und zweitens, weil mindestens einem, meistens beiden immer die Augen zufallen. Denn die Nächte sind selten ungestört. Entweder hat das Baby Zahnschmerzen von Zähnen, die noch gar nicht da sind, Husten, Schnupfen oder einfach keinen Bock auf Schlafen. Oder aber man hat sich einen total wilden, kinderfreien Abend organisiert, ist nach drei Gläsern Sekt stockbetrunken, fällt um elf komatös ins Bett und wacht um fünf Uhr morgens vom sauren Aufstoßen auf.

Das bringt mich zu dem zweiten Punkt, der mich beschäftigt: Karriere. Wie schafft man es, einen zuverlässigen und belastbaren Eindruck bei Vorgesetzen oder solchen, die es werden sollen, zu hinterlassen, wenn man Breireste auf der Bluse hat, außerdem nach einer Vier-Stunden-Nacht Augenringe bis zur Kaiserschnittnarbe und ein Hirn, das programmiert ist auf reduzierte primitive Satzkonstruktionen wie: "Hat das Baby ein kleines Kackikacki gemacht?"

Zwei Dinge sind unerlässlich bei geschäftlichen Terminen einer Mutter, die ihren Wiedereinstieg plant: ein Handy mit Vibrationsalarm und ein sehr gut deckendes Make-up. Vorbei die Zeit, in der man mit einer leicht getönten Tagescreme das Haus verlassen konnte, ohne von wildfremden Menschen gefragt zu werden, ob man sich nicht lieber einen Moment hinsetzen möchte. Für die ganz harten Tage habe ich mir jetzt ein Hammerzeug aus der Apotheke besorgt, mit dem man üblicherweise Narben abdeckt. Ich sehe dann zwar aus wie Dolly Buster - im Gesicht natürlich nur -, aber kein Augenring mehr weit und breit! Den Vibrationsalarm braucht man natürlich, um dezent erreichbar zu sein für den Babysitter, die Oma, den Vater oder wer auch sonst sich bereit erklärt hat, das Kind zu hüten. Wenn mein Handy vibriert, fahre ich allerdings mittlerweile genauso erschrocken zusammen, als würde eine Sirene direkt neben meinem Ohr losgehen.

Also, zusammenfassend lässt sich sagen: Es ist natürlich eine Höchstleistung, gleichzeitig ein Kind zu haben und Karriere zu machen. Weil - es ist nämlich schon eine Höchstleistung, ein Kind zu haben und keine Karriere zu machen. Ich habe einen Krippenplatz, eine helfende Oma, einen sehr präsenten Kindsvater und einen geradezu überengagierten Patenonkel. Trotzdem schreibe ich diese Zeilen im Schlafanzug, über den ich mir recht modebewusst eine Trainingsjacke gezogen habe. Mein Haar verströmt einen eigenwilligen säuerlichen Geruch, weil mein Sohn sein gehaltvolles Bäuerchen heute Morgen mitten in meine Frisur gemacht hat. Es ist zwölf Uhr mittags, in einer Stunde habe ich einen wichtigen Termin.

Meine Freundin Moni hat vier Kinder und eine Halbtagsstelle. Keine Ahnung, wie sie das schafft. "Du darfst nicht alles perfekt machen wollen", riet sie mir. Ein Hinweis, den ich auf der Stelle befolgen werde. Und statt mir weiterhin Gedanken zu machen über einen richtungsweisenden Schlusssatz für diesen Text, schließe ich an dieser Stelle einfach mit einem Winken und einem freundlichen "DA!".

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