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Teil 2 Jetzt freu dich gefälligst!

Es gibt wenig zu meckern. Körper und Bekanntenkreis haben sich an die neuen Umstände gewöhnt.Was stört, sind bloß die Leute, die einem einreden,man müsse ab jetzt und für alle Zeit glücklich sein. Lagebericht aus dem siebten Monat

Na endlich! Du siehst nicht mehr verfressen aus, sondern schwanger. Sogar der größte Trottel vermag mittlerweile auf den Ultraschallbildern eine Art von Menschlein zu erkennen, und du selbst hast dich schließlich mit der Vorstellung arrangiert, in den kommenden Monaten auf hohen Schuhen keinesfalls mehr gefährlich sexy, sondern gefährlich vom Umkippen bedroht auszusehen.

Doch wirklich, und das ist ja auch in jedem Ratgeber nachzulesen, im siebten Monat hat man als Schwangere relativ viele Gründe, sich wohl zu fühlen.Vorausgesetzt, man verfügt über ein gesundes Maß an Humor, am besten schwarzen. Der nämlich hilft beim Verarbeiten beunruhigender Entdeckungen und Erlebnisse. Erwähnt sei beispielhaft an dieser Stelle die Umstandsunterhose "Schluppi" aus dem Internet, in Größe und Form einem Zwei-Mann-Zelt nicht unähnlich. Erwähnt sei der Kindsvater, der eines Tages auf mein "Guten Morgen" antwortete: "Mittlerweile kommt ja dein Bauch zuerst zur Tür rein." Und erwähnt sei hier auch und insbesondere der sagenumwobene 3-D-Ultraschall. Der kostet so viel wie ein Vier-Gänge-Menü in einem gehobenen Restaurant - ist aber nicht unbedingt eine vergleichbar lohnenswerte Anschaffung. Mein Sohn zum Beispiel zeigte sich während der Aufnahmen so unkooperativ, als hätte ich bereits Gelegenheit dazu gehabt, ihn schlecht zu erziehen. Entweder verbarg er das Gesicht hinter seinen Fäusten oder er benutzte die Plazenta als natürlichen Schutzschild.

Der Arzt - eine ausgewiesene 3-D-Fachkraft - gab sich viel Mühe mit dem störrischen Balg, das muss ich sagen. Professor H. boxte mir munter in den Bauch, bohrte mir den Kopf des Ultraschallgerätes tief zwischen die Rippen und spielte schließlich - ungelogen! - ein paar Töne auf der Mundharmonika.

Das wirkte. Der Junge, offenbar musisch interessiert, spähte um die Ecke des Mutterkuchens, eine Sekunde nur, aber die reichte für einen dreidimensionalen Schnappschuss.

Meine geliebte Tante H. aus M. meinte, Teile ihrer Mutter auf dem Foto wiederzuerkennen, während meine Freundin Monika sich fragte, wieso ein Arzt so ein ekeliges Bild überhaupt herausgebe. Damit versaue er der werdenden Mutter ja jegliche Vorfreude.

Zugegeben erinnert mein Sohn sehr an eine übellaunige, mehlig kochende Kartoffel. Aber zum Glück findet man das eigene Kind,wenn man es dann schließlich in echt vor sich hat, angeblich ja immer schön. Diese hormonelle Verblendung scheint mir eine gnaden- und segensreiche Einrichtung der Natur zu sein.

Alles Quatsch", sagt dazu Monika, die vier Kinder hat. "Als ich meine Älteste zum ersten Mal sah, wusste ich gleich, die wird bestimmt nicht Germany’s next top model. Und ich hab gelesen, dass der Tom Cruise offizielle Fotos seiner neugeborenen Tochter verboten hat,weil er sie nicht hübsch genug findet. Ich muss sagen, ich hab Verständnis für den Mann."

Andererseits sag ich ja immer: Aussehen ist nicht alles im Leben. Aber irritierend ist es schon, dass man während der Schwangerschaft weder die äußeren noch die inneren Veränderungen, die mit einem vor sich gehen, maßgeblich beeinflussen kann. Irgendwas Neues, Ungewöhnliches, Befremdliches oder Lustiges ist immer. Derzeit muss ich mich kaputtlachen, wenn mich mein eigener Anblick unerwartet, sagen wir im Schaufenster eines Kaufhauses, überrascht. Jetzt, in der 25. Woche, sehe ich nämlich von vorn genauso aus wie von hinten. So, als handele es sich um eine Zwillingsschwangerschaft, bei der das eine Kind im Bauch, das andere im Po ausgetragen würde. Beide Körperteile exakt gleich rund. Würde ich heute auf der Trage zum Kaiserschnitt eingeliefert, ich müsste Acht geben, dass man mich nicht versehentlich auf der falschen Seite aufschneidet.

Meine derzeitigen Gelüste erstaunen mich ebenso. Schon immer konnte man mich getrost als guten Esser bezeichnen. Neulich wurde es mir aber zum ersten Mal während der Schwangerschaft schlimm übel - beim Anblick meiner Meeresfrüchte- Vorspeisenvariation in einem Sterne- Restaurant. Ich verließ die Lokalität fluchtartig, entschuldigend auf meinen Bauch und meinen Zustand hinweisend, und fühlte mich erst wieder wohl, als man mir zu Hause Spaghetti mit Ketchup und Parmesan aus der Tüte servierte.

Tags darauf stürzte mich der Mann hinter der Karstadt-Käsetheke in eine existenzielle Krise, als er meinte, Parmesan gehöre selbstverständlich zur gefährlichen Gattung der Rohmilchkäse. Toxoplasmose! Kreisch! Ich ließ mir sofort einen Notfalltermin beim Frauenarzt geben,um mein Kind in letzter Sekunde zu retten. Falls es nicht bereits zu spät war.

Hartkäse sei unbedenklich, sagte der Arzt, und ich solle mich nicht verrückt machen lassen. Parmesan müsste ich trotzdem nicht tonnenweise essen, in meinem Alter würde man überflüssige Pfunde nach der Schwangerschaft nicht mehr so leicht los. Danke, Herr Doktor.

Monika sagt, ich solle gefälligst die Zeit genießen. Meine Schuhe selber zubinden, solange ich es noch kann, mich bewegen, solange ich es noch kann, im Kino länger als zweieinhalb Stunden sitzen, solange ich es noch kann, und meinen Ehering tragen, solange ich kein Wasser einlagere und meine Finger nicht aussehen wie überhitzte Weißwürstchen. "Ab der 30.Woche wird’s dann ungemütlich", prophezeit sie mir. "Wenn du Pech hast, legst du wie ich bis zum Schluss 20 Kilo zu und bekommst Spreizfüße."

Eigentlich bin ich meiner Freundin Monika dankbar, dass sie nicht so tut, als seien schwangere Frauen die besseren Menschen. Man bekommt sonst ja leicht den Eindruck, man müsse als werdende Mutter ständig glücklich sein und jede Verstopfung und jede Krampfader beseelt lächelnd willkommen heißen.

Jetzt fängt unser Leben erst richtig an!", teilte mir neulich eine schwangere Kollegin mit, die den heißen Sommer in blickdichten Stützstrümpfen verbringen musste. Selbstverständlich beseelt lächelnd.

Da kam ich mir einen Moment lang vor wie eine Rabenmutter.Weil ich nicht finde, dass mein Leben erst jetzt anfängt.Weil ich mein Leben auch ohne Kind sehr gut leiden konnte, und weil ich nicht ständig überglücklich bin darüber, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.

Mir machen die Frauen Angst, die sich angeblich keine Sorgen machen", hat Moni gesagt. "Habe ich dir erzählt, dass mein Kleinster an Karneval als Cinderella gehen will? Das kann ich natürlich nicht tolerieren. Glaub mir, wir Rabenmütter sind die besseren Mütter."

Das hat mich sehr beruhigt. Und mein Junge hat mir kurz darauf zum ersten Mal mit der ganzen Wucht seiner derzeit 800 Gramm in den Magen geboxt.Und ich hab ganz lange und ganz beseelt gelächelt. Ehrlich.

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