Teil 8
 
Wenig Schlaf, viel Oberweite!

Ungeahnte Erfahrungen macht Ildiko von Kürthy im zweiten Monat mit Baby. Die helfen auch darüber hinweg, dass ihr Sohn immer schläft - bloß nachts nicht.

Teil 8: Wenig Schlaf, viel Oberweite!

Wenn man die ersten vier Wochen mit einem neuen Mitbewohner hinter sich hat, kennt man sich einigermaßen. Sollte man meinen. Das ist im Falle eines frisch zugezogenen Säuglings nicht so.Das Baby an sich erweist sich schnell als unberechenbar und überrascht den Rest der Wohngemeinschaft nahezu täglich mit neuen Schrulligkeiten.Während ich derzeit stündlich auf sein erstes Lächeln hoffe, zeigt mir mein Sohn, dass er, von wem auch immer, gelernt hat, sich selbst ins Gesicht zu pinkeln.Waren es bis vor Kurzem noch die von mir inbrünstig gesungenen ungarischen Wiegenlieder, die den Jungen fluchtartig in Schlaf fielen ließen, so erweist sich seit gestern als Schnellschlafmittel: Disco-Dancing auf Mutters Arm zu Donna Summers "I need some hot stuff, baby, tonight". Friedlich schläft mein Kind auch in voll besetzten Restaurants und beim Spaziergang entlang von Hauptverkehrsadern. Wohingegen nachts im Dunkeln im Bett zu liegen, sich beim Einschlafen eher als störend erweist.Die beherrschenden Themen dieser Tage lassen sich in einem Satz zusammenfassen: wenig Schlaf, viel Oberweite. Ich muss es an dieser Stelle jetzt mal so offen sagen: Das Leben mit Brüsten ist eine ungeheuerliche Erfahrung. Das stellte ich an dem Tag fest, an dem mein Sohn einen Monat und vier Tage alt wurde. Ich fand, es sei höchste Zeit, mich wieder auf der Party- Piste sehen zu lassen. Der Aufwand, stellte sich hinterher heraus, stand allerdings in keinem Verhältnis zum gewonnenen Amüsement.Der Ablauf des Abends im Einzelnen:1. Baby in Babyschale verpacken und anschnallen (25 Minuten).2. An der ersten Ampel feststellen: lebenswichtige Baby-Schmusedecke vergessen. Wenden und zurück (acht Minuten).3. Baby auf Sofa des Patenonkels stillen, Milchflecken von Sofa entfernen, Milchflecken von tief ausgeschnittener Bluse entfernen (35 Minuten).4. Handy ausprobieren. Funktioniert der Vibrationsalarm? Ist der Patenonkel, mit dem ich seit fünf Jahren dreimal die Woche telefoniere, auch sicher, dass er meine Nummer hat? (vier Minuten).5. Patenonkel beschwören, gut aufs Baby achtzugeben, und Abschiednehmen von Baby (weitere 35 Minuten).6. Im Treppenhaus kehrtmachen, weil ich nur das Handy nicht vergessen habe - aber alles andere, zum Beispiel Autoschlüssel, Mantel und Lippenkonturenstift (vier Minuten).7. Noch mal schnell zu Hause vorbeifahren. Habe dort die High Heels liegen lassen. Hatte mir zum Babytransport praktisches Schuhwerk angezogen und kann unmöglich mit braunen Wanderschuhen zum knielangen Chiffonrock auftauchen (25 Minuten).Und dann folgt die erste Party meines Lebens, auf die ich als Mutter gehe. Das bedeutet: sich ständig fragen, wann Baby Hunger bekommt, und ob die zweistündige Trennung von Mama bleibende emotionale Schäden hervorrufen kann. Und außerdem, wie bereits angedeutet, kann man sich ja gar nicht genug darüber wundern, wie es ist, ein Fest in Begleitung nennenswerter Brüste zu besuchen.Also ehrlich, ich wurde teilweise gar nicht wiedererkannt! Was für eine neuartige Erfahrung: Männer schauen mir nicht ins Gesicht, sondern ins Dekollet, und scheinen regelrecht erschrocken, dass ich in zusammenhängenden Sätzen sprechen kann. Dass jeder dieser Sätze mit "Also wissen Sie, mein Kind ..." beginnt, nimmt man mir nicht übel. Herrlich! Ich glaube nicht, dass ich eine Ausbildung gemacht, einen Beruf ergriffen oder eigenen Humor entwickelt hätte, wäre ich mit diesen zwei Körbchengrößen mehr auf die Welt gekommen, die ich derzeit stillbedingt mit mir rumschleppe.Mein Bekannter Berni B. vermiest mir allerdings die brustbedingte gute Laune mit der Feststellung: "Du hattest einen Kaiserschnitt? Dachte ich mir schon. Da dauert die Rückbildung ja doch immer um einiges länger." Dafür heitert mich Kollege Guido H. wieder etwas auf. Er findet, ich sehe tipptopp aus, und zeigt sogar Verständnis für mein Gefühl, dass sich mein Baby eigentlich nicht wirklich für mich interessiert. Jeder Besucher wird lange und bedächtig angeschaut. Ich hingegen bin eine Selbstverständlichkeit, diene als Milchbar und werde als Person kaum beachtet. Guido H. hat zwar keine Kinder, aber zwei Königspudel, denen er selbst die Haare schneidet. Und er kennt das Phänomen. Er sagt: "Meine Hunde sind auch bloß zu fremden Leuten nett. Ich bin nur gut zum Dosenaufmachen."Die Party beginnt mir zu gefallen, zumal ich die Mischung zwischen gluckenhafter Umklammerung meines Handys und der gleichzeitig betont lässigen und modernen Ausstrahlung "Ja, schon gut, ich habe mal eben ein Kind bekommen, aber das heißt ja nicht, dass mein Leben nicht genauso weitergehen kann wie bisher" ganz gut hinbekomme.Mein erster Ausflug ins Nachtleben ist also recht erfolgreich - bis zu dem Moment, da eine Bekannte einen unbedachten Witz macht. Wäre ja lustig, meint sie, wenn, während ich hier so megacool rumstehe und auf die moderne Technik vertrauen würde, mein Telefon womöglich kein Netz hätte. Kann ja immer mal sein, ist ihr auch schon passiert. Har, har, lustig.Nur zur Sicherheit werfe ich einen kurzen Blick auf mein Display. Kein Empfang! Nie zuvor bin ich auf hohen Absätzen so schnell eine Treppe runtergerannt.Auf den Aufzug will ich nicht warten, jede Mutter wird das verstehen. Erst vor dem Gebäude ist mein Handy wieder empfangsbereit. Und piepst sofort los. Vier Kurznachrichten! Mir bricht der kalte Schweiß aus. Kind vom Sofa gefallen! Kind in Hungersnot! Während sich die liederliche Mutter von fremden Männern ins zeitlich begrenzte Dekollet glotzen lässt. Das werde ich mir nie verzeihen!Die Nachrichten sind alle vom Kindsvater, der sich, auf Dienstreise befindlich, Sorgen macht, warum er mich nicht erreichen kann, und es jetzt mal beim Patenonkel versuchen will. Sekunden später das erlösende Gespräch. Baby schläft prächtig. Im Hintergrund läuft Musik. Bloß der Onkel selbst war nicht zur Ruhe gekommen wegen der ständigen Anrufe der nervenschwachen Eltern.So viel ist also schon mal klar: Natürlich hinterlässt eine zweistündige Trennung von der Mutter bleibende emotionale Schäden. Bei der Mutter. Da gibt es nicht den geringsten Zweifel. Meinem Sohn ist es immer noch völlig egal, wo er pennt, aber ich kann seit diesem Abend nur noch einschlafen, wenn er meine Hand hält.Hier geht es zu Teil 9.