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Teil 9 Das Leben - ein Activity-Center

Es ist leider so: Acht Wochen nach der Niederkunft ist die Schonfrist vorbei. Und zwar für alle, die direkt an der Geburt beteiligt waren. Das heißt: Bildung fürs Baby und Rückbildung für die Mutter.

Mein unsensibler Frauenarzt hatte mich ja schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass es keinen Grund gebe,während der Stillzeit für zwei zu essen.Wohl wissend, dass ich sowieso immer mindestens für zwei esse, egal, ob ich gerade noch jemanden miternähre oder nicht.

Mir hatten jedenfalls mehrere stillerprobte Frauen versichert, sie hätten nach zwei bis drei Monaten angefangen, rapide an Gewicht zu verlieren. Sie schwärmten von eingefallenen Wangen, dahinschmelzenden Oberschenkeln und schlabbrigen, die schlanken Hüften sanft umspielenden Jeans in Größe 27. "Während der Stillzeit konnte ich alles essen, was ich wollte, es war ganz herrlich!"

Das hatte ich so häufig gehört, dass ich, fest daran glaubend, mich bereits vor der Geburt meines Sohnes mit mehreren Familienpackungen Eiscreme und einer raumgreifenden Kollektion Ritter-Sport- Schokoladen eingedeckt hatte. Es war mir zwar nicht gelungen, das ganze Zeug bis zur Niederkunft unberührt zu lassen, aber ich hatte die leeren Lager rechtzeitig wieder aufgefüllt, sodass ich gut gerüstet in die Zeit ging, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben hohlwangig sein würde. Darauf warte ich bis heute.

Aber jetzt ist es so weit. Mein Baby und ich, wir haben uns lange genug gehen lassen. Haben bis mittags in unseren Schlafanzügen auf dem Bett rumgelegen, dem lieblichen Rascheln von Pralinenpapier gelauscht, dem Kindsvater per Telefon durchgegeben, was wir am Abend zu essen wünschten, und nur ab und zu wurde das idyllische Miteinander unterbrochen, weil Mutter sich kurz aufraffte, um im Spiegel nachzuschauen, ob ihre Wangen schon eingefallen waren.

Jetzt beginnt der Ernst des Lebens für uns beide. Frühkindliche Förderung steht auf dem Programm. Außerdem der Besuch eines Rückbildungskurses zur Straffung des Beckenbodens, der Bauchdecke, der Pomuskulatur, der Oberschenkel, na ja, eigentlich des Komplettkörpers.

Für mich kaufte ich also eine Übergangssporthose, in die ich mit meiner neuen Figur reinpasse, und für meinen Jungen erstand ich zur Anregung seiner Sinne und damit sich möglichst viele seiner Nervenenden möglichst flott verknüpfen, ein Activity- Center. Nicht ganz billig übrigens, aber was tut man nicht für Babys Synapsen.

Die multimediale Krabbelwiese erschreckte das Kind allerdings zunächst ungeheuerlich, weil, ich weiß nicht, warum, ziemlich scheppernd und enervierend die Melodie von "Eine kleine Nachtmusik" ertönte, sobald wir uns dem Ding auch nur näherten. Als mein Sohn schließlich in seinem neuen Aktivzentrum zu liegen kam, blickte er sehr ernsthaft die knisternde Giraffe, den vibrierenden Affen, den zuckenden Papagei und die blinkenden Leuchtdioden an und tat dann das einzig Vernünftige: Er schrie um Hilfe.

Reizüberflutung nennt man das, glaube ich.Wie am Buffet,wenn man vor lauter Angebot überhaupt nicht mehr weiß, wohin man greifen soll, und schließlich nervlich zerrüttet und hungrig nach Hause geht. Das ist mir allerdings noch nie passiert, ich habe aber gehört, dass es manchen Menschen so ergeht.

Ich entfernte das überreizte Kind von der lärmenden Unterlage und bot ihm eine viel bessere Show. Ich habe gelesen, dass Babys in dem Alter noch nicht unterscheiden können zwischen lebenden und unbelebten Dingen. Ob Spieluhr oder Patenonkel - beides fällt also in die Kategorie: bewegt sich und macht komische Geräusche. Sehr interessiert betrachtete mein Junge seine Mutter bei der Gymnastik. "Was für ein besonders kurioses Fleisch-Mobile", muss er bei meinem Anblick wohl gedacht haben, denn ein leicht ironischer Zug spielte um seine Lippen.

Mother and Child" heißt übrigens der Kurs im Fitness-Studio, wo sich zirka zwölf Beckenböden zur Rückbildung versammeln. Die dazugehörigen Babys schauen sich das Schauspiel an, einige schlafen auf der Stelle ein, andere rufen laut "Buh", wieder andere sind still beeindruckt oder zeigen keine Regung. Ganz wie im Zuschauerraum eines echten Theaters - mal abgesehen von den häufig durch die Halle schmetternden Flatulenzen.

Für mich ist diese Gymnastikstunde gleichzeitig die erste ausführliche Gelegenheit zur Fremd-Baby-Beobachtung. Und ist von allergrößtem Interesse. Denn in meinem bisherigen Leben spielten Kinder so gut wie keine Rolle. Außer, dass ich mich immer heftig gegruselt habe, wenn ich mehrere von ihnen kreischend und sich schubsend am Beckenrand sah, während ich selbst in Ruhe meine Bahnen schwimmen wollte. Kinderfreie Schwimmbäder - eine echte Marktlücke, wie ich übrigens auch heute noch finde.

Ich habe bei meinen Studien den Eindruck gewonnen, dass die meisten der Teilnehmerinnen mit ihren Babys recht zufrieden sind. Das finde ich erstaunlich. Mir war zwar bereits bekannt, dass alle Mütter denken, ihr Kind sei das wunderbarste auf der Welt. Eine Ansicht, die sich aber meiner Meinung nach erledigt, sobald man meinen Sohn gesehen hat.

Neutral und objektiv betrachtet ist er das allerschönste Kind von allen. Besonders jetzt, wo ihm sein anfangs noch volles Haar büschelweise und unkoordiniert ausgefallen ist. Bloß am Hinterkopf, der halslos in den Rücken übergeht, ist ein erstaunlich dichter Haarkranz stehen geblieben. Auf dem nun überwiegend kahlen Oberkopf hat sich schuppiger, rötlicher Milchschorf gebildet. Und zwar flächendeckend. Mir geht das Herz auf, wenn ich meinen Jungen sehe.

Er kann jetzt auch schon lächeln, tut das aber sehr dosiert und bevorzugt in Richtung weiblicher Führungskräfte mit blondem Haar. Also insgesamt nicht sehr oft. Ein ernster, nachdenklicher Typ, der von hinten aussieht wie ein moppeliger Mönch mit Sonnenbrand auf der Glatze. Oder auch wie ein überfütterter Spatz, der gerade in die Mauser gekommen ist. Ich sag es ja: Alle glauben, sie hätten das schönste Kind der Welt. Aber nur ich habe recht.

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