Urlaub mit Kind?

Eine sehr gewöhnungsbedürftige Angelegenheit, findet unsere Autorin Verena Fischer. Und was meinen Sie? Schreiben Sie Ihren Kommentar direkt ans Ende des Artikels.

: Urlaub mit Kind?

Mein Mann und ich planen gerade unseren nächsten Urlaub. Wahrscheinlich fahren wir nach Portugal. Unseren vierjährigen Sohn nehmen wir mit. Das ist deshalb erwähnenswert, weil ich eigentlich geschworen hatte, nie wieder mit Kind in die Ferien zu fahren. Urlaub mit Kind ist nämlich alles, nur kein Urlaub.

Das fängt schon bei den Vorbereitungen an. Ich gehöre zu den Menschen, die auf Reisen leichtes Gepäck bevorzugen. Wenn es mir in A nicht gefällt, schnappe ich mein Täschchen und fahre weiter nach B. Und ein paar Tage später weiter nach C. Das ist für mich Urlaub. Vorzugsweise irgendwo in Südostasien. Vorbei! Jetzt bin ich Mutter. Und ich fahre nicht mehr nach Indonesien sondern geselle mich wegen der kürzeren Flugzeit und des milden Klimas zu den deutschen Rentnern auf den Kanaren.

Strategisches Kofferpacken

: Urlaub mit Kind?

Die erste Reise mit meinem damals acht Monate alten Baby war ein mittlerer Umzug. Ob es wohl auf La Gomera die Lieblingsgläschen meines Sohnes gibt? Ich packe sicherheitshalber je zwei seiner favorisierten Geschmacksrichtungen ein, macht zwei Kilo. Dazu noch 20 Windeln, falls wir nicht gleich eine neue Quelle finden. Moltons als Wickelunterlage, Schmusetiere, Spielzeug, die vertraute Bettdecke, Nachtlampe, jede Menge Ersatzklamotten und natürlich die Reiseapotheke. Eine riesige Reisetasche war schon voll, ohne dass mein Mann und ich auch nur ein einziges T-Shirt für uns eingepackt hatten. Mir fing an, ernsthaft vor diesem Urlaub zu grauen.

Statt voller Vorfreude von Sonne, Sand und Meer zu träumen, zermarterte ich mir tagelang das Hirn, wie viele Fläschchen ich mit an Bord des Flugzeuges mitnehmen muss, in welchen Gefäßen ich drei Portionen akribisch abgemessenes Milchpulver verstaue, wie ich die Stewardess dazu bringen kann, in ihrer winzigen Küche Wasser genau auf 37 Grad zu erwärmen und ob ich ihr ein Thermometer anbieten soll.

Nicht gerade verbessert wurde meine Laune durch die Suche nach einem tauglichen Babyphone. Schon Wochen vor unserer Abreise beschäftigte sich mein Mann ausgiebig mit Reichweiten, Akkudauer und gefährlicher Strahlung. Schließlich fand er ein ganz tolles Modell. Das war sogar so toll, dass es auch die Signale aller anderen Babyphones im Umkreis von einem Kilometer auffing und wir beim ersten Ausprobieren fast die Polizei riefen, weil wir dachten, im Zimmer unseres Sohnes seien Einbrecher.

Tücken vor Ort

: Urlaub mit Kind?

Die Anreise selber verlief überraschend entspannt. Bis Janosch sich das erste mal übergeben musste. Es passierte auf der Fähre von Teneriffa nach Gomera. Ich hatte es bis dahin nicht für möglich gehalten, dass acht Monate alte Babys seekrank werden. Schaukeln müssten sie doch vom ewigen Rumtragen gewöhnt sein. Aber Janosch belehrte mich mit seinem grünen Gesicht eines Besseren. Mein Mutterherz blutete und ich machte mir schwere Vorwürfe, warum wir unserem armen Knirps so eine schrecklich strapaziöse Fernreise antun. Vor meinem geistigen Auge sah ich meine Schwiegermutter mit diesem Hab-ich-doch-gleich-gesagt-Gesichtsausdruck.

Die zweite Klamottengarnitur spuckte Janosch dann ein paar Stunden später im Leihwagen voll. Den Kindersitz gleich mit. Diesmal war es nicht das Schaukeln, sondern die ungewohnte Position des Sitzes. Jetzt fühlte ich mich endgültig wie die schlechteste Mutter der Welt.

Die nächsten Tage am Strand besänftigten mich dann allerdings wieder, weil mein Kind ganz offensichtlich sehr viel Spaß dabei hatte, im warmen Wasser zu pritscheln und haufenweise Sand zu essen. Außerdem war er der Liebling der Inselbewohner, was zur Folge hatte, dass wir ständig von uns völlig unbekannten Menschen sehr herzlich begrüßt wurden. Mit Kinderwagen in ein winziges Restaurant? Kein Problem: "Wir räumen schnell die komplette Einrichtung für Sie um.". Ein Gläschen aufwärmen? Natürlich: "Kommen Sie in die Küche und setzen Sie sich. Möchten Sie einen Kaffee?".

Der zweite Versuch

: Urlaub mit Kind?

Mit diesen versöhnlichen Erfahrungen starteten wir im nächsten Jahr einen neuen Versuch. Wird alles einfacher, dachte ich, weil wir jetzt keine Fläschchen mehr brauchten, keine Puten-in-Karotten-Gläschen und überhaupt war unser Sohn jetzt schon groß. Vergessen waren die schlaflosen Nächte, weil Janosch das Dekor seines Reisebettes nicht gefallen hatte. Vergessen waren die sehnsüchtigen Blicke zum bunten Treiben in der Kneipe auf der anderen Straßenseite, die wir mangels eines Babysitters nicht besuchen konnten. Vergessen war auch die verzweifelte Suche nach einem Milchpulver, das unserem Kind schmeckt.

Nur eine negative Erinnerung hatte sich mir tief ins Gedächtnis gegraben: Mein Sohn wird seekrank. Also entschieden wir uns, diesmal die Fähre zu meiden und auf Teneriffa zu bleiben.

Da mein Mann und ich die Abende zwangsläufig wieder auf der hauseigenen Terrasse verbringen würden, wollten wir uns das Ambiente versüßen und mieteten eine wunderschöne kleine Villa an einem Berghang mit grandiosem Ausblick. Doch damit hatten wir gleich das nächste Problem. Janosch war inzwischen auf seinen kurzen Beinchen sehr mobil und drohte alle zwei Minuten, den Abhang herunter zu stürzen. Wir verbrachten einen kompletten Tag damit, den Garten mit Hilfe von Möbeln, Leitern, Wäscheständern und diversen Schnüren ausbruchsicher zu machen. Mein Mann holte sich dabei einen Hexenschuss und unser Häuschen glich einem Laufstall. Von schöner Villa und romantischen Abenden konnte nicht mehr die Rede sein. Dafür war Janosch in seinem abgezäunten Reich glücklich und zupfte gleich mal alle Blumen aus dem Beet. Hätten wir im Garten meiner Schwiegereltern einfacher haben können. Und billiger noch dazu.

Dafür fand Janosch den Strand wieder sehr spannend, vor allem die Taschen und das Sandspielzeug anderer Leute. Rückblickend sehe ich mich nur rennen und fremde Sonnencremes einsammeln. Und ich lernte wieder etwas dazu: als Mutter nimmt man keine Bücher mit an den Strand. Unnötige Schlepperei. Eimer, Schaufel, mindestens fünf Förmchen – und am allerwichtigsten – eine Gießkanne sind hingegen eine lohnende Investition.

Vom Globetrotter zum Pauschalurlauber

Weil man Dreijährige noch nicht alleine ins Ferienlager schicken kann, flogen wir ein Jahr später wieder gemeinsam nach Teneriffa. Inzwischen waren wir zu Profis in Sachen Familienurlaub geworden und wohnten diesmal in einer großzügigen Wohnung direkt am Strand mit Kneipe unten im Haus.

Nachdem sich Janosch die ersten zwei Tage noch in unserer neuen Bleibe verlief, fühlte er sich ab dem dritten Tag wie zuhause und ging mit seinem neuen Freund Jasper alleine zum Strand. In anderen Worten: Mein Sohn verschwand einfach. Mehr als einmal waren wir kurz davor, die Strandwacht zu verständigen. Dieser zweiwöchige Urlaub brachte mir mehr graue Haare ein, als die gesamten letzten zehn Jahre. Und ich fing an, mir dieses achtmonatige Baby zurück zu wünschen, das friedlich im Kinderwagen lag und sich nicht alleine fortbewegen konnte. Die zehn Kilo Übergepäck hätte ich dafür gerne in Kauf genommen.

Aus Erfahrung klug geworden, werden wir jetzt bei unserer nächsten Reise eine völlig neue Strategie verfolgen: Pauschalurlaub in einer Ferienanlage mit Kinderbetreuung. Kapitulation auf der ganzen Linie. Noch vor drei Jahren waren solche Clubs die absurdeste Form des Reisens, die ich mir vorstellen konnte. Keine zehn Pferde würden mich da je hinbringen. Aber jetzt ist alles anders. Jetzt bin ich Mutter. Und ehrlich gesagt würde ich gerne im Urlaub mal wieder ein Buch lesen.